Rosenheim – Sie ist einige Umwege gegangen, um da anzukommen, wo sie sich heute am wohlsten fühlt: In ihrem kleinen, noch neuen Laden für nachhaltige Mode in der Nähe des Ludwigsplatzes. „Schnurgerade ging´s bei mir noch nie, dafür bin ich nicht der Typ.“ Die gebürtige Haagerin Sina Sachseder schmiss als Jugendliche das Gymnasium in Wasserburg, um Friseurin zu werden („meine Lehrer waren nicht gerade begeistert“). Maskenbildnerin wäre damals für sie ein Ziel gewesen, beschreibt die Mittdreißigerin rückblickend, doch es sei eben anders gekommen: Sie holt ihr Abitur nach, studiert Marketing und Betriebswirtschaft. Studentische Praktika führen sie in große Modehäuser.
Doch am Ende des Studiums winkt keine Stelle im Marketing, sondern in der Personalvermittlung. Hier kann sie etwas tun, was für sie Sinn macht: Menschen ein Stück weit auf ihrem – teils geraderen als den eigenen – Weg begleiten und sogar glücklich machen. Das sind wichtige Stichworte für das, was sie wirklich will, nämlich sinnstiftend arbeiten, sich trotzdem mit schönen Dingen umgeben.
Ernsthafter mit den Themen Nachhaltigkeit und faire Produktion befasst sich Sachseder vor ein paar Jahren, als es ihr um gesunde Ernährung und Lebensweise geht: „Ich will wissen, woher das, was ich nutze, kommt, unter welchen Bedingungen es produziert wurde.“ Nur konsequent für Sachseder, dass Mode diese Kriterien auch erfüllt.
„Fair Fashion“ ist das, was sie inzwischen in ihrer seit November geöffneten Boutique „Precious“ („kostbar“, „wertvoll“) verkauft: „Dabei wird auf den fairen Umgang mit Ressourcen geachtet und auf den fairen Umgang mit Mensch und Tier.“
Monatelanges Einarbeiten in die
Welt der Öko-Mode
Bis der kleine Laden, in dem sie Mode und Accessoires aus nachhaltiger, teils bayerischer Herstellung verkauft, bestückt war, hat Sachseder viele Monate Vorarbeit leisten müssen: Sie hat sich zum Beispiel intensiv mit Herstellungsprozessen und der Herkunft von Rohstoffen aus der Textilindustrie beschäftigt. Ein Höhepunkt für sie war der Besuch der weltbekannten Berliner Modewoche, die als einen der Schwerpunkte die Ökomode hat: „Hier habe ich mich hinter den Kulissen mit ganz vielen Leuten aus der Modebranche unterhalten“, beschreibt sie ihre Methode, sich Wissen drauf zu schaffen.
Denn obwohl ihr das BWL- und Marketingstudium und die Hospitanzen bei Modekonzernen einiges an Know-how sichern, das Modebusiness ist eine neue, fremde Welt mit eigenen Gesetzen. Winter-Kollektionen, die schon im Frühjahr vorgestellt werden, genauso wie Sommermode im Winter, Ordern bei den einzelnen Marken, Bestellmengen, Größen auswählen – Vorgänge, die nun einen Großteil ihrer Arbeit ausmachen: „Ich arbeite bestimmt 60 Stunden in der Woche.“ Zum Glück könne sie aber noch immer eine ihrer größten Stärken ausleben, das Kommunizieren. Mit Menschen in Kontakt kommen, sich austauschen, das will Sachseder auch jetzt als Neu-Ladenbesitzerin: „Ich mag es, wenn jemand hereinkommt und sich unterhalten will, wenn er Fragen hat und ich sie beantworten kann.“ Zum Beispiel, woher die Wolle der farbenfrohen Wintermäntel kommen, die auf der Stange hängen. Oder was sich hinter dem Material „Tencel“ verbirgt, das sich so weich wie Seide anfühlt, für das aber nicht Seidenraupen die Rohstofflieferanten sind, sondern Eukalyptusbäume. Nicht immer steht „Öko“ bei den von ihr verkauften Waren im Vordergrund, sondern beispielsweise auch die Idee dahinter. Da ist das nachhaltig produzierende junge Mode-Start-up, das Sachseder mit ihren Bestellungen unterstützt.
Rosenheimer interessiert am Thema Nachhaltigkeit
Oder die Herkunft der Kaschmir-Wolle einer anderen Marke, die nachweist, dass die Lieferanten aus der Mongolei im Einklang mit ihren Tieren lebten. Die Ladengründerin selbst verzichtet seit Längerem auf tierische Produkte, trinkt etwa ihren Kaffee schwarz, ohne Milch. „Für mich ist das ein logischer Schritt, das bedeutet keinen Verzicht für mich, im Gegenteil.“ Sachseder, die inzwischen mit ihrem Mann in Aschheim bei München wohnt und an sechs Tagen die Woche nach Rosenheim fährt um ihren Laden zu öffnen, findet, dass das Konzept der nachhaltigen und fairen Mode gut in die Innstadt passt, die übrigens auch das Siegel „Fairtrade-Stadt“ trägt: „Ich glaube, die Rosenheimer haben für diese Themen ein Bewusstsein, zumindest ist es das, was ich fast täglich mitbekomme.“ Sie selbst ist über das Konzept der fairen Mode hinaus auch überzeugt von „Slow Fashion“, also Bekleidung, die nicht morgen schon wieder durch einen neuen Trend ersetzt wird.
Nachhaltig erzeugte Mode sei preislich meist etwas teurer als die der großen Handelsketten, aber ihre Verarbeitung und die Materialien seien so beschaffen, dass die Teile langlebiger seien. „Es sind eben Lieblingsstücke, die man bewusst auswählt“, vielleicht sogar erst beim zweiten Besuch im Laden. Mode eben, zu der der Weg nicht spontan aus einer Laune heraus oder gar unüberlegt führt – der berühmte Fehlkauf –, sondern die von demjenigen gefunden wird, der sie wirklich wertschätzt.