Blick in die Genossenschaftsmetzgerei der Simsseer Weidefleisch eG. Foto re
Reicht es eigentlich, Sie als Unternehmer zu bezeichnen, Herr Finsterwalder?
Rudolf Finsterwalder: Ich bin Unternehmer, ja, aber ich bin auch Architekt und Gastronom mit eigener Landwirtschaft, einer Metzgerei, Stromerzeugung, Vermietung und Verpachtung, ich bin freischaffender Künstler mit einer Galerie, außerdem bin ich Dozent für Baukonstruktion in München. Und natürlich Ehemann und Vater zweier Söhne.
Maria Finsterwalder: Du bist auch ein genialer Koch.
R.F.: Ich komme nur leider kaum noch dazu, selbst am Herd zu stehen.
Wir erweitern die Liste trotzdem noch um „Koch“. Im Moment sitzen wir in Ihrer Metzgerei nahe der Landlmühle. Kommen Sie überhaupt mal weg, bei den vielen Projekten, die Sie hier binden?
R.F.: Auf jeden Fall. Wir sind froh, dass wir unsere frühere Wohnung in Berlin behalten haben, dort sind wir oft. Wir holen uns dort neuen Input, treffen viele Leute – vor ein paar Jahren sind wir noch durch Berlin gezogen und unsere Aufmerksamkeit galt meist der Architektur. Mittlerweile gehen wir oft in Metzgereien und Gaststätten und schauen uns an, wie die anderen das so machen.
Zwei Architekten rufen eine Metzgereigenossenschaft ins Leben: Wie wird das in Ihren Fachkreisen bewertet?
R.F.: Tatsächlich sind wir von der vielen positiven Resonanz von Fachleuten überrascht, die sich aber vor allem auf die Architektur der Metzgerei selbst bezieht. Uns war ein Maximum an Qualität wichtig, wir wollten keine „schreiende“ Architektur. Abgesehen von den Fachstimmen, hören wir immer wieder von den unterschiedlichsten Menschen, dass das Konzept des Salettls gut zu uns passt.
M.F.: Solche Rückmeldungen sind in der Architektur tatsächlich eher selten. Man bekommt eher Resonanz vom Bauherren oder erhält einen Preis, publiziert in Fachzeitschriften. Von der Öffentlichkeit hört man kaum etwas. Ich sage immer im Spaß: Wären wir Fußballer, würde man unsere Namen kennen.
Sie stehen jetzt in Konkurrenz zu anderen Metzgereien. Und das in Zeiten des Fachkräftemangels, in denen Betriebe oft händeringend nach Personal suchen.
R.F.: Wir erleben das anders, wir setzen auf den gegenseitigen Erfahrungsaustausch mit anderen Metzgereien. Uns besuchen oft Metzger, die sich für die Warmfleischverarbeitung interessieren, wie wir sie praktizieren. Darunter war sogar ein Japaner. Wir setzen bewusst auf solche Netzwerke, wie wir sie bereits mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten und Ludwig Schweisfurth pflegen. Wir genießen es, den Austausch mit möglichst vielen, verschiedenen Kreisen zu suchen. Metzger haben heute leider kein besonders gutes Image in unserer Gesellschaft, da ist es für uns ein wichtiges Anliegen, dieses Handwerk zu beleben. Ich denke, mit einem gut funktionierenden und attraktiven Konzept klappt das auch, in unserem Fall die Genossenschaft.
Warum haben Sie diesen Rahmen gewählt?
Das war keine schnelle Entscheidung, sie ist gereift. Ich war anfangs skeptisch, wollte alle Fäden am liebsten selbst in der Hand halten. Ich bin ein Macher. Jetzt sehe ich aber: In der Genossenschaft kann man vieles gemeinsam stemmen und es ist ein schönes Gefühl, wenn die Leute von „unserer Metzgerei“ sprechen. Es ist das Gegenteil von Kapitalismus – ich rede mich aber auch leicht, ich muss nicht davon leben, ich bürge nur fürs Bankdarlehen (lacht). Allerdings kriege ich auch nichts geschenkt. Wenn ich mir in unserer Metzgerei eine Leberkassemmel hole, bezahle ich die selbst. Und auch Herr Schweisfurth zahlt für seine Würstel, wenn er uns besucht.
Das Risiko macht Ihnen also keine Sorgen? Sie sind ja jetzt zusätzlich verantwortlich für Angestellte, Auszubildende.
Ich kann immer ruhig schlafen. Uns war klar, dass es nicht einfach wird. Wenn man sich schon engagiert, dann auch richtig. Wir haben inzwischen so viel Neues dazugelernt, dass wir andere beraten können, konkurrenzlos. Uns ist wichtig, dass wir unser Wissen weitergeben können.
Welche Projekte haben Sie sich für die nächste Zeit vorgenommen?
Wir planen den Bau eines Pavillons auf dem Gelände der Metzgerei, eine Art Plattform für Erzeuger ökologischer Lebensmittel aus der Region. Dann wollen wir Führungen durch unsere Landwirtschaft anbieten, zum Beispiel für Schulen. Die Landwirtschaft wollen wir weiter ausbauen, genauso wie die Metzgerei, da stellen wir uns einen größeren Reiferaum vor. Und wir werden viel Zeit investieren, neue Genossenschaftsmitglieder zu werben. Das Genossenschaftskonzept ist, wie wir sehen, noch immer nicht so bekannt. Man muss sich jedes einzelne Mitglied hart erarbeiten.
Ist die Bürokratie ein Hindernis dabei?
Zumindest die Genehmigungsprozesse für die Gebäude sind zäh. Da kann man froh sein, dass wir als Architekten an solche Prozesse gewöhnt sind. Und ich bin stur genug, deshalb bin ich zuversichtlich, dass alle unsere Projekte verwirklicht werden.