90 Jahre Wagenstaller Mühle

„Es macht Spaß, aber ich spüre auch die Verpflichtung“

von Redaktion

Durch das Schreiben von Büchern und Kurse will Anneli Wagenstaller das Handwerk beleben

Riedering – Sie war einst Deutschlands jüngste Müllerin und führt seit 1986 in dritter Generation die Geschicke der Wagenstaller Mühle in der Nähe des Simssees fort: Anneli Wagenstaller hat seitdem vieles im alten Handwerksbetrieb umgekrempelt und unter anderem mit Brotbackkursen, einem Naturkostladen, Veranstaltungen und nicht zuletzt dem Schreiben von Büchern zum Thema Brot und Brotbacken Nischen geschaffen, welche die Mühle überregional bekannt gemacht haben. Im ausklingenden Jahr 2017 konnte sich die Müllerfamilie über das 90-jährige Bestehen ihrer Mühle freuen. Den OVB-Heimatzeitungen verrät Anneli Wagenstaller, woher sie die Energie für all ihre Aufgaben nimmt.

Was waren für Sie wichtige Meilensteine, seit Sie die Mühle führen?

Auf jeden Fall meine Bücher, die jetzt auch im blv Verlag erscheinen. In den letzten Jahren habe ich etwa jedes Jahr ein Buch geschrieben. Und es hat die Mühle sehr bekannt gemacht. Die Bücher sind für unsere kleine Mühle ein wichtiges Marketinginstrument geworden, aber deswegen schreibe ich nicht. Es macht mir einfach Riesenspaß.

Muss man sich im Handwerk als kleine Mühle anders behaupten?

Ich nenne mal einen Vergleich, wenn es um Größe geht: Rosenmehl verarbeitet pro Tag 700 Tonnen Mehl. Das entspricht bei uns einer Leistung von etwa fünf Jahren. Als ich meine Ausbildung gemacht habe, bin ich belächelt worden, dass ich dieses Handwerk überhaupt anfange. Heute ist sogar mein Sohn Müller, also die vierte Generation. Im Moment erleben wir ein großes Bäckersterben, damit sterben auch die Mühlen. Man muss dem etwas entgegensetzen, ich spüre dazu auch eine gewisse Verpflichtung. Wir sind klein, aber wir bieten zum Beispiel alte Getreidesorten wie Emmer und Einkorn an, haben einen Fachmann im Verkauf. In meinen Brotbackkursen kann ich das Handwerk weitergeben, da geht es nicht ums Geld, sondern darum, daran zu erinnern, was gutes Brot ausmacht.

Nahrungsmittel selbst zuzubereiten, Brotbacken zu Hause: Das ist ja ein richtiger Trend. Ist das nicht auch eine Konkurrenz zum Handwerk, wie den Bäckern?

Nein, im Gegenteil: Meine Kurse besuchen Menschen, die das Handwerkliche schätzen. Wenn sie selbst ein Brot zubereitet haben, wissen sie, wie viel Zeit und Aufwand das bedeutet. Diese Menschen schätzen ein gutes Brot vom Bäcker umso mehr.

Durch Ihre Bücher und Ihre Aktivitäten sind Sie viel unterwegs und treffen viele Menschen, gibt es Begegnungen, die Ihnen in Erinnerung sind?

Auf einer großen Messe kam einmal ein Mann freudestrahlend auf mich zu und sagte: „Meine Frau bäckt schon seit 20 Jahren mit ihrer Mutter Brot. Aber erst, nachdem sie einen deiner Brotbackkurse besucht hat, klappt´s so richtig und jetzt hat sie endlich Spaß dabei!“

Sie haben einen Onlineshop, gehen mit der Zeit, würden Sie das Versandgeschäft ausweiten, als neuen Geschäftszweig?

Bislang versenden wir innerhalb von Deutschland und ins europäische Ausland. Um einen Versand in großem Stil zu betreiben, dafür bräuchte ich schon einen Partner. Da müsste ich vielleicht zur „Höhle der Löwen“ ins Fernsehen (lacht). Aber das würde nicht ganz meinem Weg entsprechen.

Was haben Sie für 2018 vor, Ideen sammeln für ein zehntes Buch vielleicht?

Ich habe eine ganze Schublade voller Ideen, die muss ich nur aufmachen. Wenn der Winter streng wird und viel Schnee liegt, kann ich umso mehr kreativ sein. Eine große Aufgabe habe ich vor mir, ich werde unseren Onlineshop neu gestalten. Das ist zwar nicht eine meiner Lieblingsaufgaben, aber gehört dazu.

Was würden Sie denn stattdessen gern machen?

Schreiben! Das ist für mich der beste Ausgleich, meine Freizeitbeschäftigung. Das kreative Arbeiten hilft mir, die Augen offen zu halten. Das ist notwendig, um dieses Handwerk weiterzutragen und irgendwann auch weiterzugeben.

Interview: Elisabeth Sennhenn

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