nach Abschluss der Metalltarif-verhandlungen:

Netzsch steigt aus Verband aus

von Redaktion

Der Waldkraiburger Pumpenspezialist Netzsch will nach eigenen Angaben „seine Zukunft außerhalb des Tarifverbandes gestalten“. Gestern gab die Geschäftsleitung bekannt, dass sie dem Verband der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber den Rücken kehrt und wie es nun weitergehen soll.

Waldkraiburg –Der Ausgang der jüngsten Tarifverhandlungen hat die Metall und Elektrobranche der Region bis zuletzt in Atem gehalten (wir berichteten). Jetzt zieht einer der großen Arbeitgeber des Landkreises Mühldorf erste Konsequenzen: Die Netzsch Pumpen & Systeme GmbH mit Hauptsitz in Waldkraiburg hat gestern ihrer Belegschaft mitgeteilt, dass sie aus dem Arbeitsgeberverband der bayerischen Metall- und Elektrobranche, bayme vbm, ausgetreten ist. Dies erklärte Geschäftsführer Jens Niessner gestern auch gegenüber den OVB-Heimatzeitungen.

Flucht vor dem „Bürokratiemonster“

Mit dem Austritt aus dem Verband verlässt das Unternehmen auch die Tarifbindung. Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärte Niessner, was das für die Angestellten bedeutet. Bis 2022 ändere sich zunächst nichts. „Wir werden in den nächsten fünf Jahren alle Tariferhöhungen mitmachen und zahlen auch weiterhin wettbewerbsfähige Löhne“, so Niessner. Als einen der wesentlichen Gründe für den Austritt nannte er die „Arbeitszeitflexibilität“ und das damit einhergehende „Bürokratiemonster“, das das Unternehmen nicht mittragen wolle. „Dies hindert uns daran, die für unser Geschäft nötige, unkomplizierte Flexibilität zu erreichen. Der Abschluss kann zudem unseren aktuellen Mangel an qualifizierten Fachkräften verschärfen.“

Bei Netzsch habe man bisher auch unkomplizierte Regelungen auf betrieblicher Ebene in Sachen flexible Arbeitszeiten – etwa wenn dies wegen der Pflege eines Angehörigen oder wegen Elternschaft erforderlich war – getroffen. Dies hatte auch Geschäftsführer Felix Kleinert zuletzt gegenüber unsere Zeitung bekräftigt. „Wir wollen uns die Flexibilität erhalten, wenn wieder eine Krise kommt, dass wir nicht gleich Mitarbeiter abbauen müssen, sondern eine Lohnrunde aussetzen und das eventuell nachzahlen, wenn es uns besser geht“, sagte Niessner weiter. Er wies auf die Krise vor 18 Monaten hin, die größte, die er am Standort erlebt habe.

Netzsch beschäftigt in Waldkraiburg 600 Mitarbeiter, weltweit sind es insgesamt über 2000. Zuletzt hatte man sich von Überlegungen verabschiedet, den Standort zu verlagern, unter anderem, weil „die Rahmenbedingungen für Arbeit in Deutschland immer teurer“ würden, wie sich die Geschäftsführung damals äußerte. Erst im Januar nahm man von diesen Plänen offiziell wieder Abstand. Und damit auch von der größten Investition der Unternehmensgeschichte im Konzernverbund. Unter anderem wegen dem damals schwelenden Tarifkonflikt und weil der wichtige europäische Markt „nicht mehr wachse“.

Bestehen im Wettbewerb sichern

International dagegen behauptet sich Netzsch im starken Wettbewerb. Die aktuelle, gute Geschäftsentwicklung dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass insbesondere der deutsche, nicht-tarifgebundene Wettbewerb und der ausländische Wettbewerb durch den „teuren und unflexiblen Tarifabschluss“ zunehmend stärker würden. Netzsch Waldkraiburg gehörte zu den letzten deutschen Unternehmen der gleichnamigen Gruppe, welche noch tarifgebunden waren. Im Ausland dagegen gehörten die Pumpen-Produktionsunternehmen schon seit vielen Jahren „mit zeitgemäßen und flexiblen betrieblichen Regelungen zu den bevorzugten Arbeitgebern in den jeweiligen Regionen.“

Die Arbeitsplätze der eigenen Mitarbeiter könnten jedoch aus heutiger Sicht als gut gesichert bezeichnet werden, so Netzsch. Der Erfolg des vor rund 60 Jahren gegründeten Produktionsbetriebs basiere zum Großteil auf dem Know-how der qualifizierten Fachkräfte.

Die Regelungen des Tarifs, die eher auf die Erfordernisse der Automobilindustrie mit hoher Automatisierung ausgerichtet seien, haben sich für Netzsch als mittelständisches Maschinenbauunternehmen „schon bisher nur schwer mit den Anforderungen aus dem globalen Wettbewerb in Einklang“ bringen lassen können, hieß es gestern weiter.

Die IG Metall habe, so die Geschäftsführung, durch ihre Kündigung des Manteltarifvertrages die Tür für ein Überdenken der eigenen Position geöffnet. „Das Ergebnis ist unser Austritt aus dem Tarifverband.“ Seit Jahrzehnten zahle man „überdurchschnittlich hohe Löhne und Gehälter“ nach dem Motto „Guter Lohn für gute Arbeit.“

Man verstehe die mit dem Tarifaustritt zu erwartende Beunruhigung in der Belegschaft und sichere deshalb schon heute zu, dass man trotz der hohen Lohnerhöhungen im Flächentarif den auf das Entgelt bezogenen Teil der Tarifvereinbarungen übernehmen werde.

Erhalt der Stellen

in Waldkraiburg

Mit dem eigenständigen Weg außerhalb des Flächentarifvertrages sei Netzsch aber jetzt besser in der Lage, „unkomplizierte Regelungen auf betrieblicher Ebene und nahe am Marktgeschehen zu treffen.“ Das sei nötig, denn die anspruchsvoller gewordenen Kundenerwartungen sowie die veränderte Kundenstruktur des Unternehmens mit unregelmäßigen Großaufträgen führten zu einem stark schwankenden Geschäftsverlauf.

Zudem könnten mit individuellen Regelungen personelle Engpässe vermieden werden, die durch die Öffnung hin zu einer verkürzten Arbeitszeit auf 28 Stunden entstehen könnten.

„Unsere jetzige Entscheidung wird unseren deutschen Standort im globalen Wettbewerb, aber auch im internationalen Verbund der Netzsch- Gruppe, stärken und damit Arbeitsplätze in Waldkraiburg sichern“, hieß es gestern.

Die OVB-Heimatzeitungen erhielten gestern bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme vom Arbeitgeberverband bayme vbm zum Austritt des Unternehmens. Felix Kleinert gehörte zuletzt dem vbm-Regionalvorstand Südost-Bayern an.

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