TRW: Autonomes Fahren im Fokus

Zukunftsvision made in Aschau

von Redaktion

Die TRW Aschau arbeitet mit an der Zukunftsvision autonomes Fahren und ist im Konzern der ZF Friedrichshafen damit in bester Gesellschaft. Die Anforderungen an die Airbags und die Verteilung innen und außen an den Autos der Zukunft werden sich verändern. Die Ziele: null Unfälle, null Verletzte und null Emissionen. Gemeinsam verfolgen die TRW und die ZF die „Vision Zero“.

Aschau – Die ZF Friedrichshafen als Anbieter von Fahrwerkstechnik und Fahrwerkssystemen hat sich die TRW Automotive und damit die Schiene „Sicherheitstechnik“ ins Boot geholt. Der 12,4 Milliarden-Euro-Deal ging im Sommer 2016 über die Bühne (wir berichteten): Der Autozulieferer aus Friedrichshafen schulterte die Übernahme und erweiterte damit sein Produktportfolio. Der richtige Schritt, um auf die Megatrends der Zukunft, wie das autonome Fahren, vorbereitet zu sein.

Die Vision von null Unfällen, null Verletzten und null Emissionen

Die TRW Aschau hat ihren eigenen Herzschlag behalten. Dafür steht auch Werksleiter Manfred Süß, der zum Jahreswechsel in die Fußstapfen von Richard Stanzel trat.

Das automatisierte Fahren ist das Zukunftsthema – und für den Insassenschutz zeichnet im Konzern der ZF TRW in Aschau verantwortlich. Im Werk werden heuer 20 Millionen Gasgeneratoren für Airbags produziert, für 2019 sind laut Süß 23 Millionen angepeilt. Die Anlage 87 läuft im Dreischichtbetrieb, die 88er-Anlage wird heuer im dritten Quartal in Aschau aufgebaut und wird voll ausgelastet sein, so Süß.

„Wir sind stetig gewachsen und platzen aus allen Nähten, jetzt muss unsere Infrastruktur hier hinterherkommen. Gerade ist eine neue Halle fertig geworden, in die neue Spritzgussmaschinen kommen.“

Die Zahl der Angestellten der TRW Aschau – 1150 sind es – wird für die nächsten Jahre stabil bleiben. Auf Nachfrage erklärt Süß, die Automobilbranche habe einen Vorteil gegenüber der Maschinenbaubranche, die ein ständiges Auf und Ab erlebe.

„Wir sind gesourct für Fahrzeuge, die in eineinhalb Jahren in Serie gehen, daher ist unser Business längerfristig planbar. Wir planen immer für drei Jahre und können zu 95 Prozent darauf bauen“, erklärt der Werksleiter, da entsprechende Aufträge dahintersteckten. Die Marktschwankungen und Risiken seien für diese Spanne „nicht kriegsentscheidend“. Man blicke zuversichtlich nach vorne. „Da brennt erstmal nix an“, bringt er es auf den Punkt.

Die Zukunft ist per se zeitlos. Ist die Zukunft der Technologie und des Fortschritts grenzenlos? Die Automobilbranche hat technisch rasant aufgerüstet und lässt die Kunden heute schon in die Kristallkugel blicken, wie das Autofahren künftig aussehen kann. Braucht man bald keinen „Steuermann“ und keinen Führerschein mehr? Das autonome Fahren entwickelt sich in fünf Stufen. Science-Fiction ist das längst nicht mehr; es wird immer greifbarer. Für autonomes Fahren oder gar hochautonomes Fahren steigen allerdings die Anforderungen an die Sicherheit. „Nehmen Sie die Hände vom Steuer und legen Sie sich gemütlich zurück, weil das Auto selber fährt“, schildert Mirko Gutemann aus der Presseabteilung der ZF Friedrichshafen eine Szene aus der Zukunft. Die Distanz zum Airbag verändert sich, das Gurtsystem muss anders reagieren. Möglicherweise will der Fahrer seinen Sitz um 180 Grad drehen und mit den anderen Insassen ratschen.

„Da braucht es neue Konzepte für die Innenraum-Airbags – auch zwischen den Mitfahrern“, ergänzt Manfred Süß. Passive Sicherheit bringen die Airbags innen – und auch außen. Damit soll der Aufprall nicht so schlimm werden. Die aktive Sicherheit hängt vom sogenannten „Pre-Crash-Mode“ ab. Über die Sensorik soll der Wagen Fußgänger erkennen, oder Hunde, die plötzlich auf die Straße springen – oder gar ein Wildschwein auf der Landstraße. „Wenn die Sensorik merkt, das dabremsen wir nicht mehr, wird sofort der Außen-Airbag aktiviert. Wie ein Igel, der vorsichtshalber seine Stacheln ausfährt“, zeichnet Süß das Beispiel weiter. Diese und weitere Systeme sind derzeit bei der ZF Friedrichshafen in der Erprobung. Das „Vision Zero Vehicle“ soll so intelligent mechanisch vernetzt sein, dass es null Unfälle, null Verletzte und null Emissionen gibt, wenn nur noch auf diese Art gefahren wird. Dazu sollen sich die Wagen untereinander und beispielsweise mit den Verkehrszeichen vernetzen.

„Früher löste der klassische Airbag aus, wenn es schon gekracht hatte. Bald soll dieser mittels Radar, Laser und kamerabasierter Systeme schon vorher aufgehen“, kündigt Gutemann an. Im Idealfall werde mit dem intelligenten Auto der Zukunft ein Unfall verhindert oder abgeschwächt, weil ein Ausweichmanöver eingeleitet wird. Bisher sei das autonome Fahren so gestaltet, dass der Mensch jederzeit wieder übernehmen kann. So gebe es bei Nürnberg auf der A9 eine Teststrecke, auf der man sich mit dem selbstfahrenden Auto einklinken kann; am Ende der Strecke übernimmt man wieder selbst, so Gutemann.

Bis das Fahrzeug vollständig autonom unterwegs sein kann, ist noch ein bisschen hin. Wie lange – darüber streiten sich Experten. Der Gesetzgeber müsse erst noch die Standards schaffen, sagt der ZF-Sprecher. Draußen auf den Straßen sei die Situation noch einmal eine andere, als zum Beispiel bei Lagerverkehr auf Firmengelände. Interessant sei der selbst fahrende Mini-Bus, den die Bahn mit 15 km/h durch Bad Birnbach tuckern lässt.

Manfred Süß glaubt, in fünf bis sechs Jahren, werde es Systeme geben, die man auf diversen Teilstrecken nutzen kann. „Das wird sukzessive gehen, bis das vollständige autonome Fahren kommt.“ Wie geht es an der Ländergrenze weiter? fragt er und tippt, in 20 Jahren könne Deutschland zu 80 Prozent flächendeckend bereit sein. Andere Länder, wie Indien, werden dann vielleicht erst zwei Prozent abgedeckt haben. „Die deutsche Automobilindustrie ist hier Vorreiter“, betont Süß. Das autonome Fahren werde sich auf der Welt wie ein Flächenbrand ausbreiten, ist der Techniker überzeugt. Sicherlich werde es noch lange auch das manuelle Fahren geben, gerade weil es Menschen gibt, die Spaß haben, am Lenkrad zu sitzen und beispielsweise ihren Porsche auszureizen. „Möglicherweise wird es dann ein teures Risiko für die Versicherungen, wenn da ein Mensch am Steuer sitzt“, wirft Gutemann ein. Auch bei den Themen E-Mobilität, Emissionen und Umweltziele wollen die ZF und die TRW voranschreiten. „Wir schauen auch auf Kleinsegmente, zum Beispiel ABS-Entwicklung für E-Bikes, weil man mit denen ja sehr viel schneller unterwegs sein kann und die Sicherheitsanforderungen steigen.“ Aber auch die elektronischen Versionen von Bau- und Landmaschinen seien Themen für den Konzern.

Neue Geschäftsmodelle, etwa wenn der Taxikonkurrent Uber Roboter-Taxis einsetzen will und damit eine neue Mobilitätsdienstleistung entstehen lässt, lassen die Experten bei ZF aufhorchen. Trends lassen sich zum Glück noch nicht autonom, sondern mit Verstand und Weitblick erkennen.

Manfred Süß

Manfred Süß (51) ist ein TRW-Gewächs. Der gelernte Maschinenschlosser aus Gars studierte Maschinenbau in Landshut und kam 1994 zur TRW, arbeitete bis 2006 am heimischen Standort und war dann in St. Leon-Rot bei Heidelberg und in den USA eingesetzt. In Phoenix bewährte er sich als Krisenmanager. „Das Werk hatte hohe Ausschusszahlen und eine schlechte Produktivität“, berichtet Süß, der die Übergabe des Chefsessels in Aschau mit seinem Vorgänger Richard Stanzel anderthalb Jahre gemeinsam vorbereitet hatte. Der Standort Aschau hat 1150 Mitarbeiter; der GmbH-Umsatz belief sich im Jahr 2017 auf fast 500 Millionen Euro.

Stichwort Datenschutz und Vernetzung

Werden sich die intelligenten Autos in Zukunft nicht nur untereinander vernetzen, sondern auch mit den Menschen – über ihre Smartwatches und -phones? Welche Daten werden zu welchem Zweck erhoben? Der Datenschutz sei ein großes Thema für das autonome Fahren, sagt Mirko Gutemann, Sprecher der ZF Friedrichshafen.

Die Datenschutzverordnung der EU sei restriktiv. Er gibt zu bedenken, was die Nutzer von sich aus preisgeben. Und wie sie etwa von der Genauigkeit von Google Maps im Straßenverkehr profitieren. „Man verkauft hier seine eigene Ortbarkeit gegen die aktuellsten Infos, wo zum Beispiel Stau ist“, so Gutemann.

Artikel 7 von 7