Polling/Weiding – Der Dienstag in dieser Woche begann für die 85 Mitarbeiter des Nestlé-Labors NQAC am Standort Weiding wie ein ganz normaler Arbeitstag. Bis die Herren aus höchsten Nestlé-Kreisen anreisten und die Belegschaft zu einer Betriebsversammlung zusammenriefen: Ralf Hengels, Personalleiter, Hubert Stücke, Leiter der Geschäfts- und Unternehmensentwicklung, Anthony Huggett, Leiter des Qualitätsmanagements von Nestlé Schweiz, und NQAC-Regionalleiter Christopher Brouard.
NQAC steht für Nestlé Quality Assurance Centre, zu Deutsch: Zentrum für Qualitätssicherung. Die Botschaft der Besucher von Nestlé: Das Weidinger Labor, welches seit der Zergliederung des Standorts durch Nestlé in den vergangenen Jahren in mehrere Unternehmen (Alete, Hochwald, Almil), Nahrungsmittelproben analysiert und auswertet, soll zum 31. Dezember geschlossen werden. Die Mitarbeiter erwischt die Nachricht kalt. „Uns wurde unter anderem gesagt, die Zahl der auszuwertenden Proben sei rückläufig“, erzählt Betriebsratsvorsitzende Nina Aimmer den OVB-Heimatzeitungen. Die Verunsicherung in der Belegschaft sei nun groß: „Zuletzt wurden wir mit Aufträgen regelrecht überhäuft, wir hatten viel Arbeit.“ Die Kollegen fühlten sich nun ausgenutzt. Denn seit zwei Jahren zeichnet sich im Hintergrund eine Entwicklung ab, die man von Nestlé am Standort bereits kennt: Geschäftsfelder ausgliedern und verkaufen. So steht offenbar schon länger im Raum, dass auch das Labor verkauft werden soll. Aimmer bestätigt das, genauso wie die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aus Rosenheim. Von Schließung soll aber bisher nicht die Rede gewesen sein. Vielmehr sei den Beschäftigten seit zwei Jahren erzählt worden, sie müssten sich um ihren Arbeitsplatz keine Sorgen machen, so die NGG. „Es hieß stets, es sei kein Problem, einen Käufer zu finden.“
Keine wirtschaftliche Perspektive?
Nestlé Deutschland teilt nun ganz aktuell dazu mit: Das Labor habe bis zuletzt nicht an einen externen Interessenten veräußert werden können. „Für sich alleine hat das Labor nach eingehender Prüfung keine ausreichende wirtschaftliche Perspektive, da die unmittelbare Nähe zu einem Nestlé-Werksstandort fehlt und Analysen besser in den inländischen Laborstandorten in unmittelbarer Werksnähe oder den bestehenden Laboren im europäischen Ausland durchgeführt werden können.“
Das Weidinger Labor ist das einzige in Deutschland, das Nestlé unterhält. „Das Labor schreibt, so weit wir wissen, keine roten Zahlen“, wundert sich Rosenheims NGG-Geschäftsführer Georg Schneider. „Die Entscheidung von Nestlé ist auch nicht im Ansatz nachvollziehbar.“
Ein Labor wie das in Weiding könne in heutigen Zeiten, in denen Proben durch ganz Europa geschickt werden könnten, sehr gut standortunabhängig tätig sein. Nachdem das Labor offenbar hocheffizient arbeite, sei auch eine enttäuschende Umsatzrendite unwahrscheinlich. „Solange schwarze Zahlen geschrieben werden, ist es doch wert, die Einrichtung zu halten.“
Aimmer kann nur Vermutungen anstellen, was Nestlé zur Entscheidung treibt. Auch sie kann die Begründung der fehlenden Wirtschaftlichkeit nicht nachvollziehen: „Eine Strategieänderung oder allgemein Einsparungen. Oder sie wollen ihr Portfolio ändern.“ Sie beschreibt, wie betroffen seit Dienstag alle Mitarbeiter seien: „Wer bei uns arbeitet, ist im Schnitt 16, 17 Jahre hier. Manche sogar seit 30 Jahren. Die meisten Kollegen haben Familie und kommen aus dem Landkreis Mühldorf.“
Konzern hält an Entschluss fest
Sie alle seien dem Standort sehr verbunden. Laut der Betriebsrätin stehen nun erst einmal Gespräche mit einer Rechtsvertreterin an und eine Vernetzung mit dem Gesamtbetriebsrat von Nestlé Deutschland. „Geplant ist eine Prüfung, ob das Labor wirklich schließen muss. Sollte das unumgänglich sein, wollen wir das bestmöglich handhaben.“ Jetzt gelte es, Ruhe zu bewahren und besonnen vorzugehen.
Nestlé Deutschland hält an den Schließungsplänen fest. „In Abstimmung mit dem Betriebsrat sollen nun sozialverträgliche Maßnahmen getroffen und Angebote an anderen Standorten geprüft werden“, heißt es.