Wasserburg – Der kleine Laden liegt etwas versteckt unter den Arkaden am Wasserburger Marienplatz. Wer durch die alte Holztür den Verkaufsraum betritt, taucht ein in eine andere Welt: Ein Kronleuchter, antike Möbel und der knarzende Holzboden zeugen von einer langen Geschichte. Es duftet nach blumigen Parfums und Cremes. In den Regalen stehen funkelnde Flakons ausgewählter Marken.
Nischenprodukte brachten den Erfolg
Nein, die Parfümerie Wierer ist mit großen Unternehmen oder Drogerie-Ketten nicht zu vergleichen.
Das Geschäft ist nicht an allen Wänden verspiegelt, es läuft keine Kaufhausmusik und an der Kasse wartet keine Schlange. In den Regalen stehen nicht die Marken, die man überall kaufen kann und die Preise der einzelnen Düfte sind im Internet möglicherweise günstiger. Trotzdem schreibt die Parfümerie nun bereits seit vielen Jahren eine Erfolgsgeschichte und gilt als fester Bestandteil des Einzelhandels in Wasserburg. Warum ist das so?
„Wir versuchen erst gar nicht, uns mit den Großen zu vergleichen“, sagt Geschäftsinhaberin Annika Wierer. Die Parfümerie hat vielmehr etwas geschafft, was ihr Überleben viel nachhaltiger sichert: Sie ist eine ganz eigene Marke geworden. Im Jahr 1986 hat Christine Wierer, die Mutter der heutigen Chefin, das Geschäft übernommen. Es war damals ein klassischer Gemischtwarenladen mit Parfüms, Modeschmuck, Haarnetzen und mehr. Die Seniorchefin orientierte sich in die Richtung der Düfte und Kosmetik. Sie erkannte allerdings bald, dass es schwierig werden würde, das anzubieten, was es überall gibt. Also nahm sie Nischenprodukte ins Sortiment, etwa die Marken „Etro“ oder „Creed“.
„Ich bin hinter dem Tresen aufgewachsen“, erzählt ihre Tochter Annika Wierer. Sie hat nach dem Abitur am Gymnasium Wasserburg eine Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert, später bei Douglas die Filialisten-Philosophie kennengelernt und dabei ihren Handelsfachwirt gemacht. Danach ging sie in den Bereich Industrie und war sieben Jahre in Österreich und Bayern im Außendienst tätig. Eine stressige Zeit. „Irgendwann musste ich einfach etwas ändern“, erzählt sie. Also fragte sie ihre Mutter: „Würdest du mich brauchen?“. 2006 stieg die junge Frau ins Geschäft mit ein, zunächst als Angestellte. Seit Dezember 2010 hat sie die Leitung der Parfümerie übernommen, Mutter Christine ist nun bei der Tochter angestellt.
Kein Interesse am Preiskampf
Der Bereich Kosmetikkabine mit Behandlungen wurde aufgegeben, um sich ganz auf das Kernangebot konzentrieren zu können: Düfte und Pflegeprodukte.
Einfach ist es nicht, wenn man große Parfümerien in Rosenheim und München sowie den Internethandel zu den Konkurrenten zählt. Doch bei Wierer hat man einen ganz anderen Ansatz. „Wir machen das Preisspiel nicht mit“, erklärt die Geschäftsinhaberin. Denn gewinnen könnte man dabei eh nicht. Statt des günstigsten Preises bekommen die Kunden bei Wierer hochklassigen Service und andere Aufmerksamkeiten. Eine Beratung dauert schon einmal insgesamt mehrere Stunden. Dazu gibt es kostenlose Proben und die Erfahrung sowie das Fachwissen der Experten.
Das kommt an. Zu den Stammkunden gehören Wasserburger, Münchner, die ausdrücklich der Großstadt-Hektik entfliehen wollen, aber auch Tagesgäste von weit her, die jedes Jahr im Urlaub vorbei kommen. Sie wissen, dass sie bei Wierer besondere Produkte bekommen, auch von kleinen Anbietern, deren Qualität die Geschäftsinhaberin überzeugt hat. Preislich ist trotzdem für jeden Geldbeutel etwas dabei. Trotz vieler treuer Kunden will sich Wierer nicht zurücklehnen. In Schulungen hält sich die berufstätige Mutter auf dem Laufenden. „Ich weiß, was Trend ist, mache aber nicht jeden Trend mit“, erklärt sie. Herausforderungen gibt es dennoch. Als junge Mutter muss die Geschäftsinhaberin jonglieren, um alles unter einen Hut zu bringen.
„Der Fachhandel steht auf dünnem Eis“
Annika Wierer
Denn obwohl das Geschäft klein ist, erwarten die Kunden attraktive Öffnungszeiten. Mit nur einer festen Mitarbeiterin – Mama Christine – ist das nicht leicht abzudecken. „Das geht nur, weil mein familiäres Gefüge so gut funktioniert“, betont sie. Auch gute Marken zu finden, die mit einem kleinen Fachhandel zusammenarbeiten, sei nicht immer einfach. Immerhin kann die Parfümerie keine großen Mengen abnehmen. „Klar, der Fachhandel steht auf dünnem Eis“, sagt Wierer. Ihre Hoffnung für die Zukunft ist, dass Internet, Ketten und kleine Geschäfte nebeneinander existieren können. Gerade Wasserburg werde als Kleinod empfunden, in dem man entspannt in schönen kleinen Läden einkaufen könne. „Ich wünsche mir, dass das so bleibt“, sagt sie. Denn dann werde belohnt, was sie in ihre kleine, feine Parfümerie steckt: jede Menge Herzblut.