Rosenheim – Nach Bekanntwerden der Restrukturierungspläne und der Installation eines Saniererteams in der Rosenheimer Zentrale stand Anton Kathrein, CEO der Kathrein-Gruppe, für ein offenes Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen zur Verfügung. Der 33-jährige Unternehmer gab offen Auskunft über die Restrukturierung des Unternehmens, die Zusammenarbeit mit dem Saniererteam und wie er selbst mit der aktuellen Situation umgeht.
Sie kamen 2012 kurz vor dem Tod Ihres Vaters ins Unternehmen. Fehlt er Ihnen heute im Geschäftsalltag als Ratgeber? Es heißt, er habe ungern mit sich reden lassen, sei kein ganz einfacher Gesprächspartner gewesen.
Unser Verhältnis ist zum Schluss immer besser geworden. Wir haben viel miteinander diskutiert. Natürlich fehlt mir mein Vater in manchen Situationen als Ratgeber. Leider weiß ich nicht, wie es wäre, heute mit ihm zusammenzuarbeiten.
Sie hatten rasch und unerwartet die Führungsrolle inne – inwieweit waren Sie darauf vorbereitet?
Ich hatte immer die Möglichkeit, mich zu fragen: Möchte ich das wirklich? Ich wollte mich nicht durch eine externe Erwartungshaltung hineingedrängt fühlen oder feststellen, das passt nicht zu mir und meinem Leben. Tatsächlich konnte ich mir schon seit meiner Schulzeit vorstellen, ins Unternehmen zu kommen, habe mich bewusst für ein Studium der Elektrotechnik entschieden. Hätte ich Bedenken hinsichtlich der Unternehmensführung gehabt, hätte ich den Weg für jemand anderes frei gemacht. Letztlich hat für mich überwogen, dass ich bestimmte Dinge positiv beeinflussen wollte.
Weil sich damals schon erste Schwierigkeiten gezeigt haben?
Das war einer der Gründe, weshalb ich ins Unternehmen gekommen bin. Denn neben dem Generationenthema hat sich auch der Wandel in der Industrie bemerkbar gemacht. Mein Vater ist mit der Sat-Technik groß geworden, ab Mitte der 1990er-Jahre wuchs der Bereich Mobilfunk; inzwischen war Kathrein zu einem global agierenden Unternehmen mit weltweiten Kunden angewachsen, das hat ein Umdenken erfordert. Meinem Vater ist es schwergefallen, loszulassen und die Strukturen anzupassen. Das betrifft auch die Führung und ihren Aufbau: Ist man bereit, Informationen zu teilen, Entscheidungen an ein Management abzugeben? Mein Vater war für diese Themen zwar offen, die Umsetzung wurde nach seinem Tod aber zu meiner Aufgabe.
Relativ neu im Unternehmen, mussten Sie bald wichtige Entscheidungen treffen. Stellen wurden abgebaut, Standorte geschlossen. Wie gehen Sie damit um?
Natürlich ist das keine einfache Situation, wenn man vor Ort steht und aussprechen muss, dass ein gut funktionierendes Werk geschlossen wird. Mir ist aber wichtig, das persönlich zu tun, weil wir kein anonymes Management sind. Ich will den Mitarbeitern auch die Möglichkeit geben, sich zu äußern.
Es heißt, in den vergangenen Jahren seien vermehrt Fachkräfte von Kathrein zu anderen Arbeitgebern gewechselt. Stellen Sie gerade überhaupt neu ein?
Es stimmt, dass Mitarbeiter sich hin und wieder umorientieren – das ist in jedem Unternehmen ein ganz normaler Vorgang. Manche sind auch durch die Restrukturierung verunsichert. Es ist aber nicht so, dass uns massenhaft Leute abspringen. Und wir stellen weiter ein. Vor drei bis vier Jahren etwa gab es viele Neueinstellungen im Entwicklungsbereich. Die Absolventen der Hochschule haben für uns als Technologieunternehmen nach wie vor einen hohen Stellenwert – hier geht es auch um Kooperationen, Plätze für Doktoranden oder für Forschungsarbeiten.
Wer einen bekannten Firmennamen hat, gewinnt oft leichter Nachwuchskräfte. Ist der Name Kathrein noch hoch im Kurs bei Schulabgängern?
Unsere Erfahrung zeigt, dass unser guter Ruf uns nach wie vor dabei hilft, Auszubildende zu gewinnen. Wir hören erfreulicherweise, dass sich Schüler ganz bewusst bei Kathrein bewerben. Allerdings fragen die Bewerber im Gespräch gelegentlich nach, wie sicher eine berufliche Zukunft bei uns wäre. Ausbildung hat bei uns eine große Bedeutung, deshalb bilden wir auch über Bedarf aus.
Sie behaupten sich also weiter als großer Arbeitgeber – wie behaupten Sie sich gegen die mächtige Konkurrenz Technologiemarkt aus China, Stichwort Huawei?
Ich erkenne, gerade was Huawei betrifft, die hohe Leistungsfähigkeit der chinesischen Unternehmen an. Huawei ist aber auch ein großer Konzern mit vielen unterschiedlichen Aktivitäten, der nicht in allen seinen Bereichen mit derselben Geschwindigkeit arbeitet. Wenn es darum geht, dass wir uns behaupten, muss man die Klammer betrachten, die bei Kathrein alles zusammenhält: Die Hochfrequenztechnik ist unsere Kernkompetenz. Sie sichert uns unsere Wettbewerbsfähigkeit und ebnet den Weg in den Zukunftsmarkt 5G. Wir profitieren dabei von unserer jahrzehntelangen Erfahrung, unserem einzigartigen Fachwissen und unserem vertrauensvollen Kundenkontakt.
Welche sind im Moment die wichtigsten Kathrein-Absatzmärkte?
Europa und Nordamerika, wobei wir in den USA von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen profitieren, die Konkurrenten aus China gerade den Zutritt schwer machen. Wir versuchen natürlich, diese Marktchancen mitzunehmen, verlassen uns aber nicht darauf. Es kommt vor allem darauf an, sich in den wettbewerbsintensivsten Märkten zu behaupten und das sind für uns Europa und Asien. Hier geht es um einen Innovationsvorsprung sowie um Preis und Geschwindigkeit.
Um noch einmal auf die Restrukturierung zurückzukommen: Sie haben sich kürzlich in eine SE gewandelt. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?
Der entscheidende Unterschied zur KG ist, dass es nun eine Dachgesellschaft und darunter eine schlanke, übersichtliche Struktur gibt. Vorher war Kathrein in unterschiedliche Stränge mit vielen unterschiedlichen Gesellschaften aufgegliedert, diese Struktur war über die Jahre gewachsen.
Sie haben vor Kurzem eine beträchtliche Summe aus Ihrem Privatvermögen ins Unternehmen eingebracht. Jetzt sind Sie aufgrund der neuen Rechtsform kein persönlich haftender Gesellschafter mehr.
Das stimmt. Mit der SE wollte ich aber nicht das Haftungsthema umgehen, sondern wie gesagt Struktur unterhalb einer Dachgesellschaft schaffen. Ich als Unternehmer glaube fest an den Erfolg unseres Sanierungsplans, das sollte durch die Privateinlage unterstrichen werden. Es ist auch ein Zeichen an die Banken, die ihre Kredite verständlicherweise an Sicherheiten binden.
Gut ein halbes Jahr ist es her, dass Hans-Joachim Ziems als Sanierungsexperte an Bord kam. Gibt es schon ein erstes Zwischenergebnis?
Bei einer Restrukturierung sind die ersten Monate entscheidend. Herr Ziems hat ganz entscheidend an unserer Finanzierungsvereinbarung mit den Banken mitgewirkt. Konkrete Zahlen zum Geschäftsjahr werden wir erst am Ende dieses Jahres vor Augen haben. Aber: Im ersten Quartal 2018 haben wir unsere Planungen übertroffen. Ansonsten gilt es, unseren Drei-Jahres-Plan abzuwarten.
Ziems wird in der Presse als eher unbequem und kompromisslos beschrieben. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?
Herr Ziems ist extrem erfahren, bringt neue Sichtweisen und Wissen ein, etwa, wie auf die hohen Anforderungen von Finanzierungsseite her einzugehen oder was juristisch zu beachten ist. Er und sein Team halten dem Management den Rücken frei, wir können uns dadurch auf unser Kerngeschäft konzentrieren. Bei den Mitarbeitern kommt das positiv an, auch wenn die Sanierung mit Einschnitten verbunden ist. Dass Herr Ziems da ist, zeigt, mit welcher Ernsthaftigkeit wir an der Restrukturierung arbeiten.
Trotz der Unternehmenskrise nehmen Sie sich offenbar Zeit für Themen, die Ihnen am Herzen liegen. Woher kommt etwa das Engagement für Gründer, vor allem digitale?
Rosenheim als digitalen Standort weiterzubringen, will ich unterstützen. Ich finde gerade bei Gründern oft Ideen und Anregungen, manchmal sogar Antworten auf Fragen, die mich beschäftigen.
Ihre Vision für die Zeit nach 2021, wenn der Drei-Jahres-Sanierungsplan erfüllt sein soll?
Das Unternehmen erwirtschaftet wieder Erträge und kann sich frei am Markt finanzieren. Wir sind für die Industrie ein verlässlicher Partner, wenn es um Hochfrequenztechnik geht, und gestalten den künftigen Mobilfunkstandard federführend mit, der sozusagen das neue Nervensystem der Branche sein wird.
Apropos Nerven: Wie gehen Sie mental mit den Schwierigkeiten um, den Standortschließungen, den Verhandlungen bei den Banken?
Mit der momentanen Situation kann ich gut umgehen. Ich bin jemand, der trotz vieler Herausforderungen gut schlafen kann.
Wie lange dauert Ihr Arbeitstag?
(überlegt länger) Das kann ich nicht in Stunden beantworten. Außerdem würde das ja doch nichts über Leistung aussagen. Aber die Tage sind schon oft sehr lang (lacht).
Können Sie der Krise auch etwas Positives abgewinnen?
Es sind stressige und sehr anstrengende Zeiten. Aber ich habe in der Tat auch erfüllende Erlebnisse, etwa, wenn ich sehe, wie sehr die Mitarbeiter mit dem Vorstand an einem Strang ziehen. Sie geben jeden Tag ihr Bestes und tragen dazu bei, Kathrein in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Interview: Elisabeth Sennhenn