Im Porträt: Seeoner Kreisgeschäftsführerin Bettina Oestreich

Mathematikerin mit Sinn für Visionen

von Redaktion

Sie ist die Frau für (fast) alle Fälle – eine, die sich auch aussprechen traut, was andere lieber im Stillen für sich denken: Etwa, dass starke, kompetente Frauen in der Wirtschaft bei männlichen Kollegen durchaus Ängste auslösen können. Bettina Oestreich weiß ihre Fähigkeiten dagegen gezielt einzubringen und setzt auf Kooperation statt auf Konkurrenz.

Rosenheim/Freilassing – Sie verankerte frühzeitig Führungsthemen bei Mittelständlern, ergriff selbst mutig Führungschancen und mischte als Naturwissenschaftlerin schon bei interdisziplinären Projekten mit, als andere Frauen noch um Anerkennung im Beruf rangen. Bettina Oestreich ist eine Wirtschaftsakteurin mit vielen Facetten.

„Sie ist der Motor, oder vielleicht noch zutreffender, das Herz, das uns antreibt.“ Warme Worte, welche die sonst eher rational veranlagte Mathematikerin Bettina Oestreich berührt haben, an sie gerichtet von Franz Winterer, dem Vorstandsvorsitzenden des Seeoner Kreises. Der Anlass: Ende 2017, als ihr Engagement für die Hochschule Rosenheim mit der Hugo-Laue-Medaille gewürdigt wurde.

Seit sieben Jahren ist Oes-
treich, geboren in Freilassing, Geschäftsführerin des Seeoner Kreises, dem Wirtschaftsverband namhafter, regionaler Unternehmen. Sieben Jahre können eine lange Zeit sein, je nachdem, wie man sie nutzt: Oestreich jedenfalls packt sofort an, als ihr 2011 die Position von der damaligen Vorstandschaft angeboten wird: „Ich wollte, dass der Kreis sich einer Vision verschreibt, konkrete Ziele entwickelt“. Sie initiiert in Zusammenarbeit mit der Hochschule professionell durchgeführte Studien, die aktuelle Fragestellungen aus der regionalen Wirtschaft aufgreifen. Im Moment läuft die dritte dieser Studien, die sich um die Innovationskraft der Firmen dreht (wir berichteten). Dass Oestreich die Studien auf wissenschaftlichem Niveau binnen kurzer Zeit etabliert und dafür viele Unternehmen als Teilnehmer akquirieren kann, liegt nicht nur an ihrem Hintergrund als Naturwissenschaftlerin, die am liebsten auf Daten und Fakten vertraut. Es liegt auch an ihrer Eigenschaft als charismatische Netzwerkerin.

Ungerechtigkeiten mag sie nicht

Als solche bringt sie Kontakte aus rund 20 Jahren –oft in Führungspositionen – in Qualitätsmanagement, Logistik und Produktion sowie aus ihrer früheren, wissenschaftlichen Tätigkeit am Fraunhofer-Institut mit. Sie kann bei Geschäftsführern vorstellig werden, bei denen andere Wochen auf einen Termin warten müssten.

Nicht zu vergessen ihr Steckenpferd seit über zehn Jahren: Die Leitung der Akademie Berchtesgadener Land, die zur Max Aicher Unternehmensgruppe gehörend.

Die Verknüpfung von Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft liegt ihr im Blut, könnte man sagen. „Die Bildungsinfrastruktur sollte sich nach der Wirtschaft richten und nicht nach dem Kultusministerium“, ist sie überzeugt.

Sie bewältigt ein straffes Aufgabenprogramm, formuliert dabei klar, was sie erwartet: Zum Beispiel, dass die Kooperation zwischen dem Seeoner Kreis und der Hochschule für beide ein Gewinn sein soll. Oder dass sie keinen Sinn darin sieht, im Seeoner Kreis möglichst viele Unternehmen zu versammeln: „Es kommt nicht auf die Zahl an, sondern auf die Firmen selbst.“ Qualität, Engagement und Ideenreichtum statt Quantität. Darauf setzt sie auch bei den Studien: Freilich brauche es eine entsprechende Rücklaufquote, damit die Ergebnisse repräsentativ seien. Großen Wert lege sie aber auf die detailliert ausgearbeiteten Fragen, wie beim aktuellen Thema „Innovationskraft“. Gibt es Firmen vor Ort, die Vorreiter für bestimmte Themen sind? Wo wird heute Forschung und Entwicklung im Betrieb noch selbst durchgeführt?

Wo die Mathematikerin auch hinkommt, so der Eindruck, kommt ihre Stärke, für klare Strukturen zu sorgen, zum Tragen. Nach ihrer ersten Stelle am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart, zieht es Oestreich, schon früh verwitwet und Mutter einer Tochter, mutig in die freie Wirtschaft und zurück in die südostoberbayerische Heimat.

Bei einem mittelständischen Gewürzhersteller im Berchtesgadener Land bringt sie das Qualitätsmanagementsystem auf Kurs, wird dann Geschäftsführerin für Produktion und Logistik. Unfreiwillig musste sie die operative Personalplanung erstellen: „Mir sind schnell die fehlenden Strukturen aufgefallen.“

Mittelstand braucht Führungskompetenz

Sie erzählt von ungleichen Löhnen und Gehältern von Männern und Frauen. Von unklaren Führungsrollen. Von hohen Provisionen im Verkauf und schlecht bezahlter Produktionsarbeit: Ungerechtigkeiten mag sie nicht. Dagegen liebt sie es, wenn „alles sauber läuft“.

Sie erkennt früh, im Jahr 2007, dass das Berchtesgadener Land und die Traunsteiner Gegend wirtschaftlich florieren, aber zu weit weg vom Münchner Speckgürtel liegen, um attraktiv für Führungskräfte zu sein: „Man muss sie in den Unternehmen selbst heranziehen.“

Gesagt, getan: Oestreich initiiert Führungskräftetrainings, kümmert sich anfangs auch selbst um die Inhalte. Dieses Wissen nimmt sie mit zur Max Aicher Unternehmensgruppe, wo sie bis heute tätig ist. Und wo sie ihr Herzensprojekt, „Führungskompetenz für den Mittelstand“ weiterentwickeln darf: Als Leiterin der Akademie Berchtesgadener Land. Sie war ein Wunsch des Stahlunternehmers Max Aicher, doch mit Leben gefüllt hat die Idee schließlich Oestreich. Die Akademie ist heute eine anerkannte Bildungsplattform, die mit der Academy for professionals (afp) der Hochschule Rosenheim kooperiert. Führungskräfte aus der Region und auch Nicht-Führungspersonen erwerben hier Managementwissen oder erweitern ihr Know-how. „Mir ist wichtig, dass auch die Persönlichkeit und soziale Kompetenzen geschult werden“, sagt Oestreich. Rund 120 Führungskräfte haben an der Akademie bislang ihr Handwerkszeug gelernt, 30 Prozent streben danach den Abschluss MBA (Master of Business Administration) an. „Unsere Weiterempfehlungsquote beträgt 100 Prozent“, sagt sie selbstbewusst.

Selbstbewusstsein, sagt sie von sich, habe sie sich im Laufe ihres Werdegangs erarbeitet. So wurde aus dem groß gewachsenen Mädchen mit dem Faible für Zahlen, recht streng erzogen im ländlichen Freilassing, eine erfolgreiche Studentin der angewandten Mathematik und Informatik an der TU München. Zu einer Zeit, als „nicht jeder Professor begeistert darüber war, eine Frau im Hörsaal sitzen zu haben.“ Am Fraunhofer-Institut sei sie eine von zwei Frauen unter 250 wissenschaftlichen Mitarbeitern gewesen.

In der Welt des Maschinenbaus, der Fabrikplanung, der IT, stets in einem männlich dominierten Milieu, habe sie gelernt, sich durch Fachkompetenz und durch „handeln statt reden“ Respekt zu verschaffen. Auch heute noch bewegt sich Oestreich in einem solchen Umfeld; um Anerkennung muss sie jedoch nicht mehr ringen. Eine Macherin ist sie geblieben; ihre Fähigkeiten will sie noch lange in der Akademie und im Wirtschaftsverbund einbringen, wie sie sagt. „Ich habe dem Seeoner Kreis schließlich viel zu verdanken.“ Vielleicht ist es aber auch umgekehrt.

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