Rosenheim – 1986 wurde im kanadischen Ottawa im Rahmen der Konferenz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die sogenannte „Ottawa-Charta“ erlassen, die zu einem neuen Gesundheitsbewusstsein aufrief. Zusammen mit dem schon sehr viel länger etablierten, betrieblichen Arbeitsschutz resultierte daraus das Rahmengerüst für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM).
Damit Unternehmer gesundheitsfördernde Maßnahmen in ihren Unternehmen anbieten können, müssen sie erst einmal verstehen, was „Gesundheit“ überhaupt bedeutet.
Fehlzeiten als Spitze des Eisbergs
Denn dieser Begriff beinhaltet laut der aktuellen Definition der WHO weit mehr als das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen. Geistiges und soziales Wohlbefinden seien ebenso wichtig.
Die jüngste Sitzung des IHK-Regionalausschusses Rosenheim fand darum aus gutem Grund im Bahn-BKK Service-Punkt Rosenheim statt. Bei der Betriebskrankenkasse spielt das BGM eine wichtige Rolle, so Regionalgeschäftsführer Stefan Pattis zu Beginn der Sitzung. Elisabeth Strunz, zuständig bei der Bahn-BKK für das Netzwerk Gesundheit, erläuterte, wie sich BGM in Unternehmen überhaupt installieren lässt.
„Ohne Diagnose keine Maßnahme“, lautete ihr Rat. Bevor man gesundheitsfördernde Maßnahmen einführe, müsse man zuerst einmal durch intensive Zusammenarbeit mit den betrieblichen Verantwortlichen und der Beteiligung der Mitarbeiter und Führungskräfte klären, wo Verbesserungen nötig und möglich sind. „Fehlzeiten sind immer nur die Spitze des Eisberges“. Das BGM müsse schon viel früher greifen. Die Ursachen bei Problemen seien „immer multikausal“. Von Einmal-Maßnahmen hält sie nichts. Vielmehr müsse man kontinuierlich an Verbesserungen arbeiten.
Mit welchen gesundheitlichen Problemen Arbeitnehmer aktuell besonders häufig zu kämpfen haben, zeigte Dr. Gabriele Lüke von der IHK für München und Oberbayern auf: Stress, zu wenig Bewegung und Zigaretten, kurz: „Sitzen ist das neue Rauchen“. Darum sollten sich Arbeitgeber und Unternehmer nach Lükes Meinung unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen: „Sie können positiv auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter Einfluss nehmen“.
Durch die gesetzliche Fürsorgepflicht seien sie dazu sogar verpflichtet. Auch aus ökonomischer Sicht sei eine Gesundheitsförderung sinnvoll: „Für jeden Euro, die man in das BGM investiert, bekommt man zwei Euro zurück.“ Außerdem könnte man in Zeiten des demografischen Wandels und des Fach- und Führungskräftemangels mit guten BGM-Maßnahmen Mitarbeiter gewinnen und binden.
Um Körper und Geist etwas Gutes zu tun, bedarf es nicht immer viel Zeit und Mühe, wie der Rosenheimer Osteopath Sören Lüders anhand einfacher Übungen zeigte, die sich leicht im Arbeitsalltag einbauen lassen. Er empfahl, auf bewusstes Sitzen, Stehen und Atmen zu achten. Laut einer aktuellen Studie der IHK für München und Oberbayern haben bereits acht von zehn Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern zumindest eine betriebliche Gesundheitsmaßnahme in ihrem Unternehmen etabliert. Eine spontane Umfrage von Andreas Bensegger, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Rosenheim, unter den anwesenden Mitgliedern zeigte, dass die Umsetzung aber nicht immer leicht ist. Die Resonanz lasse, gerade bei sportlichen Angeboten, zu wünschen übrig, lauteten einige Erfahrungsberichte.
Maßnahmen machen Firmen attraktiv
Lükes Rat lautete dazu: „Man muss auf Kontinuität setzen und manchmal auch um die Ecke denken, beispielsweise wenn man seinen Mitarbeitern Eintrittskarten für den Zoo anbietet. Das macht Spaß und man kommt dabei auch in Bewegung.“
Diese Erfahrung bestätigte Alfons Maierthaler, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling: „Man muss die Programme wiederholen und attraktiv darstellen.“
Auch die Stadt Rosenheim bietet regelmäßig für ihre Mitarbeiter Gesundheitstage an. „Besonders gut werden die Diagnosemöglichkeiten angenommen“, erzählte Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl. In der Nußdorfer Spedition Dettendorfer wird ebenfalls schon einiges unternommen, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu schützen und zu stärken. Firmenchef Johann Dettendorfer sagte, er wolle diesen Weg auf jeden Fall weitergehen, „nicht zuletzt, um auch als Arbeitgeber weiter attraktiv zu bleiben.“