Chieming –Vollbeschäftigung, ein Exportwachstum um über zwei Prozent für die Traunsteiner Wirtschaft und mehr als drei Milliarden Umsatz allein im Ausland – Grund genug, für Traunsteins Landrat Siegfried Walch, sich mit den Chiemgauer Unternehmern über die „Erfolgsgeschichte der Region“ zu freuen. „Wir müssen aber gerade jetzt Weitblick beweisen“, setzte Walch nach, „wir dürfen nicht bequem werden, weil es uns hier so gut geht.“ Die globale Vernetzung verlange nach Anpassung und nach Wegen, die „gestern noch gepasst haben, morgen aber vielleicht schon nicht mehr.“
Einer, der auszog,
um Hürden zu überwinden
Wohlstand könne außerdem nur genossen werden, solange Fachkräfte da seien – diese müssten immer wieder durch eigene Ausbildungsleistung herangezogen werden. Fachkräfte brauchten zudem Wohnraum in der Region: „Das ist ein Zukunftsthema für den Landkreis“. Aktuell baue Traunstein rund 200 Wohnungen, und das sei erst der Anfang, so Walch.
Weitblick war das Stichwort für Gastredner Ulf Merbold, der für den Sommerempfang der Wirtschaftsregion Chiemgau aus seiner Wahl-Heimatstadt Stuttgart angereist war –er übernachtete anschließend auch auf Gut Ising („Ich wollte schon immer mal im Chiemsee baden“). Insgesamt drei Raumflüge hat der heute 77-Jährige zwischen 1983 und 1994 absolviert, sowohl für die amerikanische Space-Shuttle-Mission, als auch zur russischen Raumstation MIR. Gearbeitet hat der studierte Physiker dabei im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Europäischen Weltraumorganisation ESA (European Space Agency). Wer sich mit Merbolds Biografie auseinandersetzt, dem fallen die vielen Hürden auf, die der gebürtige Greizer auf seinem Weg mit Zähigkeit und Zielstrebigkeit beseitigt hat: Als ihm in der ehemaligen DDR das Physik-Studium verweigert wurde, verließ er seine Heimat und studierte im Westen. Unter den 2000 internationalen Wissenschaftlern, die sich bei der ESA als Experimentatoren für das Raumlabor Spacelab beworben hatten, war Merbold im Jahr 1977 einer von dreien, die schließlich dafür ausgewählt wurden. Fortan war er Teil des Europäischen Astronautenkorps. Merbold, der bis heute Termine am liebsten mit seinem eigenen Flugzeug anfliegt (er ist im Besitz des Berufspilotenscheins), erzählte in seinem Vortrag „Der Blick von oben“, die Perspektive aus dem All habe ihm immer wieder vor Augen geführt, wie verletzlich der Planet Erde wirklich sei: Bilder, die während seiner und früherer Missionen aus dem All aufgenommen wurden, verdeutlichten während des Beitrags die Folgen des Klimawandels oder zerstörerischen, menschlichen Handels –etwa schwindende, riesige Seen wie der Aralsee oder brennende Ölfelder während des ersten Golfkriegs. Erschreckende Bilder, die der inzwischen pensionierte Wissenschaftler rational einordnet: „Die Raumfahrt ermöglicht es, aus einem übergeordneten Blickwinkel Schlüsse zu ziehen, etwa, wo die Grenzen der Regenerationsfähigkeit der Natur liegen.“ Aber, so Merbold, er sei damals nicht ins All geschickt worden, um aus dem Fenster zu schauen: Über 70 wissenschaftliche Experimente aus acht verschiedenen Disziplinen, unter anderem aus der Physik, Biologie, Astronomie und Materialforschung, habe er in durchschnittlich zehn Tagen Aufenthalt im Weltraum zu absolvieren gehabt. „Die Verantwortung war groß, denn die Forscher auf der Erde hatten mir ihre jahrelange Arbeit anvertraut und warteten auf Ergebnisse.“
Themen auf der Erde: Dramatisch sichtbar vom Weltall aus
Auch wenn Merbold in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend und bescheiden auftritt, kann er rückblickend von sich behaupten, oft der Erste gewesen zu sein: Er komplettierte als erster Nicht-US-Bürger ein rein amerikanisches Astronautenteam. Er war Teil der ersten deutschen Spacelab-Mission. Als erster gesamtdeutscher Raumfahrer im All erforschte er an Bord der Raumfähre Discovery die Schwerelosigkeit. Und als erster ESA-Astronaut auf der russischen Raumstation MIR absolvierte er 1992 den bis dahin längsten Aufenthalt – vier Wochen – eines Westeuropäers im All („das Schwierigste daran war, vorher ein Jahr lang russisch zu lernen“).
Bleibt zu hoffen, dass die Menschen, denen der „Blick von oben“ gegönnt wurde, auf das aufmerksam machen, was sie gesehen haben. In Merbolds Fall etwa Smog, Wasserschwund und großflächige Brandrodung auf der Erde. „Ich hoffe, dass wir es als Gesellschaft und mit der Unterstützung der Politik schaffen, unseren Planeten der Nachwelt zu erhalten“, schloss Merbold mit einem Seitenhieb: „Wir haben allerdings momentan die Politiker, die wir verdienen.“