Rimsting/Katar – Wenn 2022 zur nächsten Weltmeisterschaft Bilder des neuen Al Bayt Stadion in Katar um die Welt gehen, das als Mega-Beduinenzelt 60000 Zuschauer fasst, wird das Team der Hightex GmbH aus Rimsting, die das Zelt aus 200000 Quadratmetern Membranfläche geschaffen hat, längst auf einer anderen Großbaustelle zugange sein.
Für große Bauprojekte in aller Welt hat der Membranspezialist schon die passende Hülle konstruiert. Eine Erfolgsgeschichte, die vor über 40 Jahren mit Herbert Koch, einem der ersten Membran-Experten, und einigen Vorgängerfirmen begann. Hightex-Geschäftsführer Klaus-Michael Koch sprach mit den OVB-Heimatzeitungen über Höhen und Tiefen seines Unternehmens und das aktuelle Wüstenprojekt.
Wie kann man sich im Moment die Arbeit Ihres Teams am Al Bayt Stadion in Katar vorstellen?
Die Arbeitsbedingungen sind wahnsinnig hart. Unsere Leute arbeiten in Sicherheitsmontur etwa 65 Meter über dem Boden, bei 47 Grad Außentemperatur tagsüber. Die Regierung in Katar wacht sehr streng über die Einhaltung bestimmter Arbeitsregeln; so dürfen Bauarbeiten nicht in der heißesten Zeit zwischen 11 und 15 Uhr ausgeführt werden. Also arbeitet unser Team bereits ab vier Uhr morgens sowie spätabends. Insgesamt haben wir 85 unserer Ingenieure, Techniker, Projektmanager und weitere Spezialisten im Einsatz. Dazu ein großes Team aus eigenen Leuten, indischen, ukrainischen und polnischen Fachkräften. Der Zeitrahmen ist eng gesteckt: Der Auftrag kam im Dezember 2017, fertig soll die äußere Membranhülle Ende 2018 sein.
Wer ist Ihr Auftraggeber vor Ort?
Spannende Frage. Vor allem, weil die Antwort darauf vielleicht das Bild, das der Westen von arabischen Scheichs, die einfach Sportevents kaufen, zurechtrückt. Unser Kunde ist offiziell die Aspire Zone Foundation aus Doha. Dahinter stehen die Visionen von Scheicha Mouza Bint Nasser Al Missned, der Frau des Emirs von Katar. Sie will das Land zu einer der weltweit angesehensten Sportdestinationen machen, über den Sport besonders Kinder und Jugendliche aus dem eigenen Land fördern und bilden. Für all diese Vorhaben hat die Familie Stiftungen gegründet, die Generalunternehmen oder Joint Ventures – meist aus einer katarischen und einer ausländischen Firma – mit Bauprojekten beauftragen. Diese holen sich wiederum Spezialisten wie uns. Unser Auftraggeber ist in diesem Fall die italienische Cimolai S.p.A, welche den Stahlbau am Stadion verantwortet.
Was ist das Besondere am Projekt in Katar?
Normalerweise konstruieren, konfektionieren und montieren wir bei so einem Sportstadion 40000 bis 50000 Quadratmetern Membrane. Das Stadion in Al Bayt wird mit 22000 Quadratmetern das größte Membranstadion der Welt. Insgesamt bespannen wir 30 000 Tonnen Stahl. Wir verkleiden neben dem Dach auch die Fassade; zusätzlich wird das Zeltinnere mit einem neu entwickelten Material ausgekleidet, um den Charakter eines Beduinenzelts noch stärker zu erzielen. Dieses Material haben wir mit einem französischen Partner entwickeln müssen: Es soll extreme Hitze und Sonneneinstrahlung, Wind und Sand standhalten und wie ein Perserteppich gewebt aussehen. Das Material wird auf spezielle Weise gewebt; für die Nähte mussten wir sogar eine neue Schweißtechnik erfinden.
Wie kommen denn generell Zigtausende Quadratmeter Membran zur Baustelle?
Zum einen nutzen wir in der Türkei eine Konfektionierung in einer riesigen Halle, in der auch unsere speziellen Schweißmaschinen stehen. Solche Konfektionsbetriebe finden Sie in Deutschland nicht. Zum anderen unterhalten wir Flying Factories, „fliegende Fabriken“. Dazu mieten wir am Standort des jeweiligen Projekts eine Produktionshalle an, in der wir möglichst nahe an der Baustelle die Membranhülle „nähen“. In Katar kommt dabei erschwerend hinzu, dass seit Juni 2017 die meisten umliegenden, arabischen Staaten das Emirat boykottieren: Wir hätten hier gern produziert, doch aufgrund des Boykotts musste dieses Vorhaben sehr kurzfristig abgeblasen werden. Wir hatten schon eine Halle in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Aussicht, aber einen Tag vor der Unterzeichnung des Mietvertrags platzte der Deal, weil wir nicht mehr nach Katar einführen durften. Wir mussten binnen einer Woche auf die Produktion in der Türkei umstellen und das Material auf dem Seeweg liefern lassen. Das verursacht natürlich erheblich höheren Zeitaufwand und vor allem hohe Zusatzkosten.
Wie übersteht man als Dienstleister unter Zeitdruck solche Hürden unbeschadet?
Ich habe schon auf allen Kontinenten komplexe Projekte gestemmt, so schnell schockt mich nichts mehr. Bei großen Herausforderungen wie in Katar zeigt sich allerdings die Qualität einer hoch motivierten und spezialisierten Mannschaft. Das Projektgeschäft hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, da muss man hochflexibel sein. Meine Meinung ist, dass man auf der ganzen Welt gut arbeiten kann, wenn man ehrlich ist, Probleme benennt und Lösungen sucht. Und andere so behandelt, wie man selbst behandelt werden will. Von Beruf her bin ich ja Jurist und darauf vorbereitet, lösungsorientiert zu handeln. Es darf nie zu einer Eskalation kommen.
Eine überraschend entspannte Einstellung, wenn man bedenkt, dass Ihr Unternehmen schon vor dem Aus stand.
Vor rund 20 Jahren waren wir über Nacht bei vollen Auftragsbüchern pleite gegangen. Alles war weg, der Job, die Existenz, dazu kamen 90 Millionen Euro an Bürgschaften, die unsere Banken gegeben hatten. 1997 – damals unter dem Firmennamen Koch Hightex GmbH bekam ich für 620 Millionen Euro den Auftrag, eine neue Zeltstadt für den Pilgerort Mekka zu bauen. Die ursprünglichen Zelte waren durch einen Großbrand zerstört, die Regierung wollte unkaputtbare Teflonzelte. Es gab auf der ganzen Welt kaum genügend Teflon für diesen Auftrag, ich habe das Material überall zusammengetragen … dazu außerdem 7000 muslimische Arbeiter. Ich durfte als Christ nicht selbst nach Mekka, daher musste ich eine einheimische Baufirma dazu beauftragen. Das war ein Unternehmen der Familie Bin Laden. 1998 verübte ein Familienmitglied der Bin Ladens Attentate auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam und die saudische Familie distanzierte sich mit sofortiger Wirkung von unserem Vertrag, beendete die Zusammenarbeit mit der Baufirma Bin Laden und damit auch mit uns über Nacht.
Aber Hightex gibt es immer noch.
Ich habe sechs Monate nach diesem plötzlichen Aus mit meiner Mannschaft neu gestartet. 2006 habe ich High-tex dann als wieder sehr erfolgreiches Unternehmen an die Londoner Technologiebörse (AIM) gebracht. Leider ging Hightex dann tatsächlich noch einmal insolvent, allerdings unter einem komplett anderen Management. Ich hatte im Jahr 2010 die Geschäfte abgegeben, um endlich etwas kürzer zu treten und mich ganz anderen Aufgaben zu widmen. Ende 2014 bekam ich Nachricht, dass Hightex Insolvenz angemeldet hatte. Durch einen glücklichen Umstand fand ich die Investorin und erfolgreiche Unternehmerin Elena Baturina. Sie sitzt heute unserem Beirat vor. Mit ihrer Hilfe konnte ein Insolvenzplanverfahren zügig durchlaufen werden, sodass die Firma 2015 wieder am alten Standort und mit der alten Werteordnung durchstarten konnte.
Woher kommt Ihre Kraft, immer wieder neu anzufangen, sich Herausforderungen zu stellen?
Mein Vater sagte immer zu mir: Du darfst nie am Materiellen hängen. Wichtig ist das, was du im Kopf und im Herzen hast. Daran orientiere ich mich bis heute.
Interview: Elisabeth Sennhenn