Rosenheim – Nur mehr zwei Monate vor Beginn des Ausbildungsjahres 2018/19 ist nach Angaben der IHK für München und Oberbayern absehbar, dass im Landkreis Rosenheim viele Lehrstellen unbesetzt bleiben werden. Die Statistik der Arbeitsagentur, die Ende Juni veröffentlicht wurde, zeigt: Derzeit sind noch 610 Lehrstellen unbesetzt; 484 Bewerber sind zugleich unversorgt – Schüler, die eine Ausbildung machen wollen, bisher aber keinen Vertrag abschließen konnten. Zwar werden erfahrungsgemäß einige von ihnen bis zum September noch in einem Betrieb unterkommen, doch eine Lücke von mindestens 126 freien Stellen wird nach diesen Zahlen wohl bleiben, schätzt die IHK vor Ort. Diese Bewerberlücke ist 2018 im Vergleich zu den Jahren davor besonders hoch. Das bestätigen auch die von den OVB-Heimatzeitungen angefragten Unternehmen in der Region, zum Beispiel Simon Zosseder, Geschäftsführer der Zosseder GmbH in Eiselfing: „Wir haben derzeit 23 Azubis, könnten aber über einen gesamten Lehrzyklus von drei bis vier Jahren bis zu 40 Lehrlinge gut brauchen.“
Besonders schwer sei es aktuell, Azubis für die Bereiche Tiefbau und Kfz-Mechatronik zu finden, auch Baumaschinenführer ließen sich nur noch selten ausbilden. Dabei ist Zosseder als Spezialist für Tiefbau, Abbruch und Entsorgung auf diese Lehrlinge stark angewiesen – sie fehlen später als Fachkräfte: „Diesen Mangel spüren wir schon jetzt“, so Zosseder, der den Bewerberrückgang seit fünf Jahren feststellt. Selbst für sonst begehrte Ausbildungsstellen in Spedition und Büro seien heuer viel weniger Bewerbungen gekommen.
Insgesamt betrachtet, schwanken die Zahlen am Ausbildungsmarkt: 2017 war die Differenz aus offenen Lehrstellen und unversorgten Schulabgängern im Landkreis Rosenheim sogar negativ; es gab 45 Bewerber mehr als Stellen frei waren. 2016 lag die Bewerberlücke bei 83, 2015 bei 46. Die Unternehmen im Stadtbereich dagegen haben den Gipfel dieser Entwicklung schon 2015 erlebt: Damals blieben 47 Bewerber ohne Azubi-Vertrag; 2016 waren es neun, 2017 gab es einen Bewerberüberschuss von 63 Schulabgängern. 2018 gibt es wieder „Unversorgte“, allerdings nur acht.
Wer auch unterjährig keinen Personaler von sich überzeugen kann, so Andreas Bensegger vom Rosenheimer IHK-Regionalausschuss, dem fehlt aller Erfahrung nach die nötige Ausbildungsreife. „Schlechte Noten sind oft gar nicht so sehr das Problem“, weiß er. Denn Unternehmer könnten gut einschätzen, aus wem später mal eine gute Fachkraft werde. Er macht vor allem zwei Faktoren dafür verantwortlich, dass die Firmen so schwer an Azubis kommen: Zum einen gehörten die Berufsschulen in der Region besser ausgestattet und müssten sich stärker auf die sich wandelnden Berufsbilder einstellen. Zum anderen müsste auch Abiturienten die Ausbildung schmackhaft gemacht werden, etwa das duale Studium: „Das Angebot ist nicht neu, aber an den Gymnasien dennoch zu unbekannt.“ Gymnasiasten sollte aufgezeigt werden, dass sie mehr Wahlmöglichkeiten hätten als zu studieren. Immerhin: Zur jüngsten IHK-Azubimesse „JobFit“ seien mehr Gymnasiasten gekommen als in den Jahren davor.
Simon Zosseder wünscht sich, dass gerade die Realschulen, die ein Großteil der künftigen Lehrlinge besucht, praxisorientierter werden: „Sie sehen nur ein Praktikum in einem Betrieb in der neunten Klasse vor. Das ist zu wenig.“
Lieber lernen als schmutzige Hände
Erst zwei, drei Praktika pro Jahr und das von der achten bis zur abschließenden zehnten Klasse eröffneten den Schülern die Bandbreite der Ausbildung. Was er feststellt, ist, dass sich die Jugendlichen nicht mehr gern „die Hände schmutzig machen“, was in seinem Falle bei manchen Berufen an der Tagesordnung stünde – stattdessen entschieden sich viele lieber fürs Weiterlernen und die Fachoberschule.
Wer jetzt noch einen Azubi sucht, der muss warten, bis sich kurz vor knapp noch Bewerber melden. Schulabgänger sind also theoretisch in der besseren Position als die Unternehmen. Denjenigen, die bis jetzt noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, macht Bensegger jedenfalls Mut: „In den Betrieben stehen ihnen noch viele Türen offen.“ Auch in den Landkreisen Altötting und Mühldorf fehlen noch Azubis. Der Situation vor Ort widmet unsere Zeitung in Kürze einen eigenen Beitrag.