Rosenheim/Mühldorf – Der Mensch möchte in einem schönen Haus wohnen, über sichere Brücken fahren und seine Alltagsgeschäfte in modernen Geschäfts- und Behördenbauten erledigen. „Dafür brauchen wir im Bauhauptgewerbe aber gut ausgebildete Fachkräfte, die die Häuser, Brücken und Straßen auch in Zukunft bauen“, spricht Robert Daxeder, Obermeister der Rosenheimer Bauinnung, ein großes Problem seiner Branche an.
Kapazitäten sind ausgeschöpft
Bei den Unternehmen des Bauhauptgewerbes im Rosenheimer Stadtbereich gingen im Mai Aufträge im Wert von 14 Millionen Euro ein; auf Kreisebene im Wert von 13,3 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor konnten die Betriebe in Stadt und Land Aufträge für knapp zwölf Millionen Euro beziehungsweise elf Millionen Euro verbuchen. Der Löwenanteil entfällt dabei fast ausnahmslos auf den Wohnungsbau. 2018 hat sich der Bauboom also noch einmal mit einem dicken Plus für die Branche bemerkbar gemacht.
Aber volle Auftragsbücher nutzten den Handwerksbetrieben wenig, wenn die Lehrlinge fehlten, so Daxeder. Für das kommende Lehrjahr seien bei den Bauunternehmen noch weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als 2017 (siehe auch Infokasten). „Auf den Baustellen gibt es auch einen Engpass bei Führungskräften.“ Nicht nur der Bauunternehmer habe Schwierigkeiten, Berufe wie Maurer und Betonbauer auszubilden, sondern alle mit dem Bau verbundenen Gewerke, ob Heizung, Elektro oder Sanitär. Dazu komme der flächendeckende Mangel an ausgebildeten Fachkräften im Handwerk: „Die Kapazitäten der Firmen sind ausgeschöpft. Das führt zu langen Wartezeiten für den Kunden.“ Auch das sei ein Thema, das die Branche noch viele Jahre begleiten werde. „Wenn man meint, nur aufgrund der guten Auftragslage ginge es den Firmen gut, der irrt“, ist Daxeders Resümee. Neben den Nachwuchssorgen plagten die Unternehmen auch langwierige Genehmigungsverfahren. So stehen in Deutschland neue, gesetzliche Bestimmungen zu Entsorgung von Aushub und zum Recycling von Baustoffen im Raum: Werde ein Erdloch ausgebaggert, müsse das Material erst verprobt und über seine Deponierung entschieden werden. Erde könne so auf einmal zu Abfall werden. „Wenn das Ausheben eines Erdlochs und die Entsorgung des Aushubs nicht mehr 14 Tage dauern, sondern zwei Monate, geht das ins Geld“, warnt Daxeder.
Auch in den Landkreisen Altötting und Mühldorf sind die Auftragsbücher der Betriebe prall gefüllt. Geht es in Altötting im Mai um Projekte für sieben Millionen Euro, liegt das Volumen in Mühldorf mit 7,5 Millionen Euro leicht darüber. Auch hier überwiegt der Anteil des Wohnungsbaus (Altötting: knapp drei Millionen Euro; Mühldorf: 4,3 Millionen Euro), gefolgt vom öffentlichen und Verkehrsbau sowie gewerblichem Bau.
Die Hürden
reißen nicht ab
In Altötting lag der Auftragswert im Vorjahresmonat etwas höher bei fast neun Millionen Euro; in Mühldorf fiel er im Mai 2017 mit 5,5 Millionen Euro niedriger aus. Der Bauboom in der Region werde noch länger anhalten, prophezeit Peter Heiß, Obermeister der Bauinnung Altötting-Mühldorf: „Der Bau der A94 sorgt noch mal für einen deutlichen Anstieg der Bautätigkeit, vor allem im Wohnungsbau.“ Dabei seien die Betriebe im Bauhauptgewerbe längst „auf Kante genäht“. Wer ein Haus bauen wolle, müsse daher immer längere Wartezeiten in Kauf nehmen. Heiß plädiert deshalb dafür, dass die Genehmigungsbehörden ihr Personal aufstocken: „Die Prozesse in den Behörden dauern mittlerweile zu lange.“ Das liege seiner Beobachtung nach an ausgelasteten Mitarbeitern, komplizierteren Verfahren, laufend neuen Gesetzen. Wie sein Rosenheimer Kollege Robert Daxeder macht auch Heiß mehr und mehr Hürden für seine Branche aus, welche die Freude über den hohen Auftragseingang schmälern: Da sei die neue Datenschutzverordnung, die einen kleinen Betrieb schon mal ein paar Hundert Euro für eine rechtskonforme Website koste. Oder die neue Lkw-Maut auf Bundesstraßen für Fahrzeuge über 7,5 Tonnen, die ab 1. Oktober 2018 gilt. Dieses Gewicht sei schnell erreicht, wenn zum beladenen Lieferwagen ein Anhänger komme – ein Handwerksbetrieb, der seine Arbeiter von Mühldorf über die B12 nach Wasserburg schickt und wieder zurück, ist also schon mautpflichtig.
Ende des Baubooms nicht in Sicht
Was die Branche in Altötting und Mühldorf zusätzlich belaste, sei ein neuer Lohnabschluss von sechs Prozent über zwei Jahre: „Viele Betriebe haben nicht damit gerechnet, dass der Abschluss so hoch ausfallen würde.“ Wer Aufträge für die nächsten sechs Monate festgelegt habe, müsse nun tiefer in die Tasche greifen.
Nicht zuletzt an diesem Beispiel will Heiß verdeutlichen, dass der Auftragsboom sich nicht unbedingt in steigenden Erträgen bei den Unternehmen zeige: Zwar sind die Umsätze zwischen Mai 2017 und Mai 2018 in Mühldorf wie auch in Rosenheim-Land gestiegen, die Entgelte für die Beschäftigten aber auch. Lag der Gesamtumsatz im Mühldorfer Bauhauptgewerbe 2017 bei 6,8 Millionen Euro und die Entgelte bei 1,9 Millionen Euro, waren es 2018 8,3 Millionen Euro Umsatz bei 2,2 Millionen Euro an Entgelten.
Könnte eine Stagnation bei den Aufträgen für mehr Ruhe in der Branche sorgen? Heiß bezweifelt, dass es dazu überhaupt kommen werde: „Wir hatten im Bau immer nur Boom- und Rezessionsphasen, wir kennen das Auf und Ab. Es fehlen jährlich immer noch Hunderttausende Wohnungen und zudem hat der Staat das Geld, um in Bau zu investieren.“ Die Baubranche bleibt auch in Zukunft die Branche der Gehetzten. Nur mit noch mehr Zeit- und Personaldruck.