Rosenheim – Deutschlandweit gab es im vergangenen Jahr rund 557 000 Unternehmensgründungen. Im Jahr 2016 waren es noch 115 000 mehr. Experten führen diesen Rückgang vor allem auf die aktuell gute Situation am Arbeitsmarkt zurück.
Wolfgang Janhsen, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim, brachte zur Gründermesse „Existenz“ „erschreckende“ Zahlen einer aktuellen Umfrage mit, die an der Hochschule Rosenheim durchgeführt wurde. Fast die Hälfte der Studenten gab als Berufswunsch eine Anstellung in einem Dax-Unternehmen an, ein Drittel strebt eine Beamtenlaufbahn an. „Nur noch die wenigsten können sich vorstellen, selbstständig zu arbeiten“, bedauert Janhsen. Immerhin sei die Zahl der Neugründungen im Raum Rosenheim im Gegensatz zum Deutschlandtrend im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar leicht gestiegen. Wenn es nach Janhsen geht, könnten es noch viel mehr sein, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. „Ohne Unternehmen keine Arbeitsplätze, keine Produktion und auch keine IHK“, meinte er. Sein Rat an die rund 50 Teilnehmer der Gründermesse lautete deshalb: „Man muss es probiert haben.“ Natürlich bürde man sich mit einem Unternehmen auch viel Arbeit und Verantwortung auf, aber „unter dem Strich fühlt es sich am Ende des Tages gut an“.
Mehr Sicherheit oder lieber Freiheit?
Josef Huber, stellvertretender Landrat, macht für die seit Jahren rückläufige Zahl von Unternehmensgründungen hierzulande eine typisch deutsche Wesensart verantwortlich: „Die Deutschen lieben die Sicherheit“. Wer aber selbst Ideen verwirklichen und innovativ sein wolle, der müsse sich auch mal aus dieser Sicherheit herauswagen: „Es heißt nicht umsonst, der Rock eines bayerischen Beamten ist warm, aber eng“.
Aus eigener Erfahrung weiß er aber auch: Wer ein Unternehmen gründen will, dürfe nicht „blauäugig“ an diesen Schritt herangehen. Er selbst habe diese Erfahrung bei der Gründung seines ersten Unternehmens vor gut 40 Jahren gemacht, erzählte er offen: „Die ersten drei Jahre ist es gut gelaufen, dann kam die erste Finanzforderung und es wäre fast aus gewesen, weil das Geld schon wieder für neue Investitionen ausgegeben war.“
Auch Kreishandwerksmeister Gerhard Schloots kennt die Vorteile und Risiken der Selbstständigkeit. „Eigenständig Geld zu verdienen ist eine tolle Sache“, meinte er. Aber man müsse einiges berücksichtigen, um auch noch nach Eintritt in den Ruhestand gut leben zu können: „Eine private Krankenversicherung beispielsweise kann man sich als Rentner kaum mehr leisten. Das muss man von Anfang an bedenken und dementsprechend vorsorgen.“
Auf dem Programm der Gründermesse standen Vorträge zu Themen wie „Fördermittel“, „soziale Absicherung“, „Marketing“ oder „Finanzierung“. Im Foyer des Landratsamtes gab es rund 20 Informationsstände. Die Spezialisten dort wurden mit den unterschiedlichsten Fragen konfrontiert. Helga Retsch-Preuss von den Aktivsenioren Bayern stellte fest, dass Wunsch und Wirklichkeit nicht immer konform seien. Einem jungen Mann, der sich ohne jegliche Vorbildung als Gärtner selbständig machen will, erwiderte sie: „Keine Chance“. Ohne eine solide Grundausbildung sei dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schwierig sei eine Unternehmensführung auch für alle, die entweder handwerklich oder kaufmännisch gut seien: „Man muss beides können, um erfolgreich zu sein.“ Derartige Erfahrungen teilen die Aktiven Wirtschafts Senioren Rosenheim und Ebersberg. Selbstüberschätzung sei der größte Fehler, hieß es aus ihren Reihen.
Frauen wagen den Sprung in die Selbstständigkeit nach wie vor noch seltener als die Männer. Dabei würden sich gerade für sie dadurch neue Chancen eröffnen, meint Johanna Mathäser, Vorsitzende des Vereins UHD, einem Netzwerk für Unternehmerinnen in Handwerk und Dienstleistung. Gerade die Selbstständigkeit mache es Frauen aber möglich, sich neben der Familie auch beruflich zu engagieren, da man sich seine Zeit freier einteilen könne.
Chancen auch im Franchise zu finden
Wer sich selbständig machen will und dennoch Sicherheit und Erfahrung wünscht, ist vielleicht im Franchising gut aufgehoben, so die Experten. Vorteil: Franchise-Nehmer werden geschult und regelmäßig betreut. Nachteil: Ihre unternehmerischen Gestaltungsmöglichkeiten bewegen sich in einem festen Rahmen.
Fakt ist, die Franchise-Branche weckt das Interesse von immer mehr Menschen, wie Ulrich Hase vom Beratungsportal FranNet bestätigt: „Bei Franchise denkt man an Burger und Tierbedarf. Tatsächlich wird die Bandbreite immer größer. In Deutschland gibt es bereits weit über 100 Franchise-Unternehmen. Da kann sich jeder wiederfinden.“