Mühldorf/Feldkirchen-Westerham / Tuntenhausen – So schlimm wie vor knapp fünf Jahren, als europaweit der Dinkel auszugehen schien, wird es 2018 wohl nicht, sind die Produzenten überzeugt, mit denen die OVB-Heimatzeitungen über die momentane Erntesituation gesprochen hat.
Florian Steffl, Geschäftsführer der Bio-Hofbäckerei Steingraber aus Feldkirchen-Westerham, erinnert sich noch genau an die Dinkel-Knappheit, als eine große Nachfrage zeitlich mit einer extrem schlechten Ernte zusammen gefallen sei: „Dummerweise hatten wir damals gerade unser Sortiment zu großen Teilen auf Dinkel umgestellt und konnten unseren Bedarf am Getreide nur ganz knapp mit einer Lieferung aus Norddeutschland decken.“
Erinnerungen an Dinkel-Knappheit
Normalerweise beziehe er seine Ware aus der Region. Für ein Kilo Bio-Dinkel habe Steffl damals drei Euro statt der üblichen Preisspanne zwischen 0,95 und 1,10 Euro im Einkauf zahlen müssen. 3000 Tonnen Getreide bezieht Steffl pro Jahr, eine im Mittelstand übliche Menge. Im Moment mache er sich noch keine Sorgen ums heimische Getreide, sagt Steffl, der neben dem Hofverkauf noch Marktstände in der Region Rosenheim betreibt. Als Bio-Betrieb sei man es gewohnt, mit den saisonalen Unterschieden, welche die Rohstoffe aufwiesen, umzugehen.
Allerdings könnten die Einkaufspreise wieder nach oben gehen, wenn die Ernte schlechter ausfalle als gedacht: „Die meisten Bäcker schrecken davor zurück, die Preise an den Verbraucher weiterzugeben, auch wir lehnen das ab.“ Es wäre schwer, den Kunden verständlich zu machen, weshalb die Bauern staatliche Unterstützung wegen Ernteausfällen forderten, und dann auch noch die Semmeln teurer würden.
Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands für Rosenheim, rechnet zumindest beim Hafer mit Ertragseinbußen für die Bauern in Höhe von „20 , eher 30 Prozent.“ Bei Getreidesorten wie Weizen, Gerste und Tritikale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen) bleibt er gelassen: „Hier liegt die Ernte vom Winter im durchschnittlichen Rahmen. Es sind keine Höchsterträge zu erwarten, es gab aber auch schon schlechtere Jahre.“ Knapp könnte es für Landwirte werden, so Bodmaier, die ihren Kühen Kraftfutter beimischten: „Der Engpass hier könnte bewirken, dass die Bauern ihren Tierbestand reduzieren.“ Fünf bis zehn Prozent weniger Kühe im Stall bedeute freilich wiederum mehr Angebot auf den Viehmärkten mit entsprechend niedrigeren Preisen: „Das freut dann höchstens den Verbraucher beim Kauf von Fleisch.“
An den Verkaufspreisen für den Endverbraucher schrauben kann Müsli-Produzent Barnhouse aus Mühldorf nicht, wie Geschäftsführerin Sina Nagl klar macht: „Egal, wie die Ernten fürs Getreide ausfallen, wir können unsere Produkte im Verkaufsregal nur zu den gewohnten Preisen absetzen.“
Was der Kunde eher nicht gewohnt sei, und was als Szenario schlimmstenfalls vorstellbar sei, wenn die Rohstoffe zu knapp und zu teuer würden: Regale, in denen Produkte wegen Rohstoffknappheit fehlten oder einfach weniger Menge. Das sei auf absehbare Zeit zwar nicht der Fall, sei aber ein Szenario, das in Zukunft vorstellbar sei – Stichwort Klimawandel. Was derweil im Hintergrund bei den Produzenten geschehe, die mit der Marktsituation klarkommen müssten, sehe der Verbraucher nicht, wie Nagl schildert: „Da kann es schon mal sein, dass man als Hersteller ein Jahr lang keinen Gewinn macht, wenn die Rohstoffe knapp sind und die Einkaufsreise stark steigen.“
Um das Risiko zu minimieren, kauft Barnhouse Getreide bei drei verschiedenen Mühlen, eine davon im Landkreis Mühldorf, ein. Zur Hälfte ist man durch Vertragsbauern aus der Region abgesichert, denen man aber stets die gleichen, vereinbarten Preise zahlen müsse. Die andere Hälfte der Rohstoffe bezieht man aus Deutschland. 3000 Tonnen pro Jahr sind es insgesamt, wobei Getreide ein Drittel der Gesamtkosten des Einkaufs ausmache. Würden sich die Preise wie beim großen Dinkel-Ernteausfall verdreifachen, „wäre das für uns als Produzent in keinster Weise zu kompensieren.“ Schwer könnte die Situation für die Brauereien werden, so BBV-Obmann Josef Bodmaier. Die Braugerste, die zum Beispiel im Münchener Umland wachse und unter der Witterung leide, sei auch für hiesige Brauereien ein wichtiger Rohstoff. Hier wie beim Hafer mache sich die lange Trockenperiode am Korn bemerkbar.
Einkauf wird um einiges teurer
Wolfgang Unertl, Geschäftsführer der Brauerei Unertl in Mühldorf, sagt, die Mälzereien, bei denen er einkaufe, könnten jetzt noch nicht exakt einschätzen, wie die aktuelle Braugerste-Ernte sich auf die Produktion auswirken könnte. Was er jetzt allerdings schon weiß: „Mit der nächsten Ernte trifft uns das Problem mit der trockenen Witterung enorm.“ Weniger Bier werde es deswegen zwar nicht geben, aber für die Brauerei werde der Einkauf teurer. 150000 Tonnen Malz kauft Unertl im Jahr, um nur eine Rohstoffmenge aufzuzeigen. Und eventuell auch die Erzeugnisse – wenn überhaupt, dann aber erst im nächsten Jahr.
Bei der Drax Mühle in Rechtmehring bei Wasserburg macht man sich schon Gedanken um die konkreten Auswirkungen der Getreideernte, die rund um Wasserburg im Landkreis-Vergleich etwas schlechter ausgefallen ist, wie auch Josef Bodmaier bestätigt. Hier habe die Trockenheit die Erträge über alle Sorten hinweg um bis zu 20 Prozent geschmälert, schildert Müllermeisterin Monika Drax. Die Ernte habe auch extrem früh begonnen: „Mein Onkel, der auch Müller ist, sagt, er habe so eine frühe Ernte in 80 Jahren noch nicht erlebt.“ Trotz der Trockenheit sei die Qualität des Getreides „erstaunlich gut“, sie habe mit geschrumpften Körnern gerechnet. Aufgrund der Einbußen hätten ihre Landwirte aber die Preise erhöht, um fünf is zehn prozent je nach Sorte. „Zehn Prozent können wir gerade noch verkraften, werden diese Preise aber wohl auf unsere Erzeugnisse umlegen müssen“, so Drax. Konkret werde sich das erst Ende August entscheiden, preislich auswirken erst frühestens im September. „Ich denke aber nicht, dass das für unsere Kunden überraschend kommt. Schon bei den Feldbegehungen im Frühjahr hat sich gezeigt, dass die Ernte heuer nicht so zufriedenstellend aussehen wird.“