Übersee – Ein bedeutender Standort der Gruppe befindet sich in Übersee im Chiemgau. Erst im November 2017 schloss Boeing mit den Flugzeug-Zulieferern vom Chiemsee einen Fünfjahresvertrag ab (wir berichteten). Fünf Jahre sind laut Rolf Philipp, Eigentümer und Geschäftsführer der Gruppe, in seiner Branche eine fast magische Zahl: So lange könne es zum Beispiel dauern, als Zulieferer einen neuen Kunden in der Luftfahrtindustrie aufzubauen.
Branche braucht Türöffner
Einen langen Atem brauche man da, viel Expertise, einen guten Ruf, Referenzen und bisweilen auch mal die Unterstützung aus der Politik: „Sie kann etwa beim Kauf von Flugzeugen bei einem Hersteller die Bedingung durchsetzen, auch deutsche Zulieferer mit einzubinden.“ Zuletzt habe ihm das Engagement des Chiemgauer Bundestagsabgeordneten Dr. Peter Ramsauer eine Tür geöffnet, „die wir ohne ihn nie aufbekommen hätten.“ Hier ist sein Unternehmen kein Einzelfall – das Zusammenwirken von Politik und heimischer Wirtschaft bei internationalen Projekten sei in der Luft- und Raumfahrt normal. Manchmal hilft aber auch ein Glücksgriff: So konnte man sich erstmals als Auftragnehmer bei Airbus platzieren, als die Gruppe 2006 ein Zulieferer-Werk in Karlsruhe übernahm und daraufhin einen „enormen Wachstumsschub“ erfuhr.
Rolf Philipp, der in den 1990er-Jahren an der TU München Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat und bereits kurz danach CEO und Geschäftsführender Gesellschafter von Aircraft Philipp wurde, ist Mitglied des BDLI-Präsidiums. Der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie sieht besonders den Mittelstand seiner Branchen als Motor. Viele „Hidden Champions“ wie auch Aircraft Philipp sind darunter. Toni Liedl, Geschäftsführer am Standort Übersee, beschreibt die enormen Anstrengungen, um als mittelständischer Zulieferer – streng genommen gehört das Unternehmen zur Herstellergruppe IV, „Werkstofftechnologien und Komponenten“ – den Auftrag eines Kunden abzuwickeln: „Wir brauchen beispielsweise für alles, was wir tun, von jedem Flugzeughersteller eine spezielle Zulassung. Allein von Airbus haben wir rund 50 solcher Zulassungen erhalten, die von der Sicherheit bis zum Materialeinkauf reichen.“ Rolf Philipp erklärt: „Es ist eben eine extrem qualitätsbewusste Branche.“ Kein Wunder – geht es doch letztlich auch um das Leben der Menschen, die in der Luft transportiert werden und um nichts Geringeres als um das Vertrauen, das die Fluggäste der Technik zwangsläufig entgegenbringen müssen. So ist die Hauptzielgruppe von Aircraft Philipp auch die Zivile Luftfahrt, ein kleinerer Teil auch militärische. Liedl und Philipp sind selbst leidenschaftliche Flieger, lieben Flugzeuge beide von Kindheit an, wie sie erzählen. Philipp beschreibt das Fliegen gar als „Lebenselixier“. Er weiß: Wie bei den Autobauern erkennt seine Branche auch zunehmend die Macht der „Story“ hinter einem Produkt. Fliegen, das habe für viele Menschen immer noch etwas Mystisches, bei dem man sich frage, wie es möglich sei, dass eine tonnenschwere Maschine vom Boden abhebe. Im Gegensatz zur Automotive-Branche ist das Geschichtenerzählen zu Marketingzwecken in der Luft- und Raumfahrt aber noch lange nicht ausgereizt: „Autofahren kann doch schließlich jeder“, schmunzelt Philipps.
Während sich Toni Liedl im Unternehmen in Übersee neben dem Produktionsbetrieb etwa um die Ausbildung kümmert und darum, dass Aircraft Philipp nicht der Fachkräftenachwuchs ausgeht (siehe Infokasten), ist Philipp der Stratege und Netzwerker, der sich auch nicht scheut, deutliche Worte auszusprechen.
Ruf des deutschen Ingenieurs in Gefahr
Seiner Meinung nach gehört die Definition des Begriffs „KMU“, also kleine und mittlere Unternehmen, in Deutschland überarbeitet: Wer gehört zum Mittelstand? Wer ist „klein“, wer „groß“? Stimmen noch die Voraussetzungen, um überhaupt im internationalen Wettbewerb bestehen zu können? „Wir kleineren und mittelständischen Unternehmen brauchen die richtigen Rahmenbedingungen. Wenn die Luft- und auch die Raumfahrt in Deutschland relevant sein soll, müssen wir auch die Fähigkeiten erhalten, für die wir weltweit bekannt sind.“ Noch, schwingt da mit: Das deutsche Ingenieurwesen, ist Philipp überzeugt, verliert zunehmend an Image und Bedeutung im internationalen Wettbewerb. Das, so fügt er bewusst provokant hinzu, liege auch daran, dass immer mehr junge Ingenieure „einen langweiligen Job bei einem Autokonzern“ einer Position im Mittelstand oder dem familiengeführten Unternehmen vorzögen. Dabei hätten sie bei Letzteren viel mehr Chancen, etwas in der Firma mit zu bewegen.
Er bemerkt auch eine wachsende „Geringschätzung der Produktion“, dabei könne einfach nicht jeder Absolvent in der Entwicklung tätig sein. „Wir tun uns allen doch keinen Gefallen, wenn wir wegen Fachkräftemangel die Produktion ins Ausland verlagern müssen“, schließt er. „Wir hatten ein super System“, sagt er mit Blick auf das Aus des Diploms in der akademischen Ingenieursausbildung. Er macht keinen Hehl daraus, dass aus seiner Sicht Bachelor und Master nicht an den Diplom-Ingenieur heranreichen.
Allem Unmut darüber zum Trotz lässt sich Philipp nicht seiner Visionen berauben: Er liebäugelt mit einem weiteren Standort in den USA: „Wir müssen mit der Dynamik der internationalen Märkte mithalten.“