Führungswechsel bei verkaufter Schletter-Gruppe

Der „Patriarch“ geht

von Redaktion

Insider sind etwas überrascht, dass die Nachricht nun doch schon offiziell ist: Tom Graf, Geschäftsführer seit 2015, verlässt nach dem Verkauf der einst insolventen Schletter-Gruppe nun mit sofortiger Wirkung das Unternehmen. Er hatte offenbar geplant, noch drei Jahre am Standort in Kirchdorf zu bleiben.

Kirchdorf – Beim Spezialisten für Solar-Montagesysteme Schletter steht nach überstandener Insolvenz in Eigenverwaltung erneut ein Führungswechsel bevor. Die Entscheidung, als Geschäftsführer auszuscheiden, sei von Tom Graf selbst ausgegangen, heißt es. „Meine Aufgabe ist abgeschlossen, nun sollen jüngere Manager bei Schletter das Ruder übernehmen und die Gruppe in die Zukunft führen“, sagte Graf am gestrigen Freitag am Hauptsitz des Unternehmens in Kirchdorf. Wie es heißt, tritt er ohne Übergangszeit sofort ab. Die neue Geschäftsführung stehe bereits, so ein Sprecher von Graf gegenüber den OVB-Heimatzeitungen, Namen wolle man aber erst in Kürze bekannt geben.

Wie freiwillig ist der Ausstieg Grafs?

Unserer Zeitung liegen Informationen vor, denen zufolge Florian Roos, Oliver Renzow und Zendric Zapfe die Geschäftsführung übernehmen. Entwicklungsingenieur Zapfe gehört bereits offiziell dazu. Renzow war als Mann für die Finanzen bislang ebenso Teil der Geschäftsleitung. Zunächst kursierten Gerüchte, er solle bis Ende des Jahres ausscheiden, was nun wohl vom Tisch ist. Florian Roos leitete zuletzt das China-Geschäft von Schletter.

Insidern zufolge habe Graf zwar gekündigt, doch wurden Zweifel an der Freiwilligkeit dieser Entscheidung geäußert. Angeblich wäre es früher oder später zu einem Bruch zwischen Geschäftsführung und Teilen der neuen Gesellschafter gekommen. Graf, der beispielsweise schon den Automobilzulieferer Fehrer und Verpackungsmaschinenhersteller Oystar saniert hat, stand immer wieder unter Kritik. Informanten beschrieben ihn etwa als „Patriarch“. Während es vom Management um Graf heißt, man habe die Schletter- Gruppe zurück in die „Gewinnzone“ geführt, werfen Insider diesem vor, auch für Verluste in Millionenhöhe verantwortlich zu sein.

Letztlich war die Führung unter Graf aber diejenige, der mit den Restrukturierern Andreas Elsäßer und Jan Metzner – nach ersten, gescheiterten Restrukturierungsversuchen durch andere Akteure – der Neustart von Schletter durch den Verkauf an einen Investor gelang. Dies allerdings nicht ohne schmerzhafte Einschnitte für Unternehmen und Mitarbeiter am Hauptsitz in Kirchdorf bei Haag sowie an den Auslandsstandorten, bei denen sich im Laufe der Sanierungsphase immer wieder teils tief greifende strukturelle Probleme offenbarten. Bis ins laufende Jahr wurden Stellen abgebaut, insgesamt fast 400 Mitarbeiter verloren ihre Jobs oder kündigten selbst. Letztlich werden von vormals 600 Arbeitsplätzen in Kirchdorf nach Ende der Abbaumaßnahmen nur mehr knapp 142 übrig sein, wie unsere Zeitung erfahren hat. Mehrere Fertigungsbereiche werden zudem ausgelagert.

Laut Graf waren dies notwendige Maßnahmen, um überhaupt am Markt weiter bestehen zu können. Es folgten Produktinnovationen, die Restrukturierung des US-Geschäfts. In Vietnam, Westafrika und den Philippinen vermeldete die neue Schletter Solar GmbH schon erste Geschäftserfolge.

Heute, nach überstandener Insolvenz in Eigenverwaltung und den Verkauf an die Investoren Golden Square Capital und Avenue Capital, gilt Schletter als schuldenfrei. Zu Grafs Start 2015 drückte dagegen ein dreistelliger Millionenbetrag an Schulden. „Schletter ist jetzt wieder ein gesundes, zukunftsfähiges Unternehmen“, so Graf gestern. „Und mit Golden Square Capital und Avenue Capital hat die Gruppe einen finanzstarken Investor mit langfristiger Perspektive. Jetzt kann ich mit gutem Gewissen Abschied nehmen.“

„Ich weiß Schletter in professionellen Händen.“

Tom Graf

Die Vorwürfe, die im Laufe der Zeit zu seiner Person hin und wieder öffentlich wurden, scheinen Graf nicht zu interessieren. „Er hat ein dickes Fell“, lautet dazu der Kommentar eines Informanten, der Graf im Arbeitsalltag erlebt hat.

Den OVB-Heimatzeitungen sagte der scheidende Manager am Freitag, er habe sich während der fast drei Jahre seiner Tätigkeit für Schletter in Kirchdorf „immer sehr wohl gefühlt“. Umso mehr freue es ihn, „dass es trotz der notwendigen Einschnitte gelungen ist, den Standort zu erhalten“. Er wisse Schletter nun in guten Händen und sprach von einem professionellen Management-Team, das sich am Standort etabliert habe. Schletter soll nicht Grafs letztes großes Projekt gewesen sein: Der 62-Jährige gab bekannt, bereits neue Pläne zu haben, über die er sich aber ausschwieg.

Kununu.com: Gemischtes Bild

Auf Kununu.com können ehemalige und gegenwärtige Mitarbeiter ihre (Ex-)Arbeitgeber öffentlich, aber anonym bewerten. Das Unternehmen Schletter bewerten dort derzeit (Stand 14. September) 53 Personen und sechs Bewerber. 38 Prozent der Mitarbeiter empfehlen das Unternehmen weiter; insgesamt kommt Schletter aber nur auf 2,87 von fünf möglichen Bewertungssternen. Am höchsten wird mit 3,56 der „Kollegenzusammenhalt“ bewertet, am geringsten mit 2,48 die „Kommunikation“. Neben einigen kritischen Bewertungen 2018 schrieben Nutzer 2017 etwa: „Vorgesetzte üben extremen Druck auf Abteilungen aus“, „der Umgangston ist sehr rau“ oder Vorgesetzte verhielten sich „autoritär“; Schletter wird gar als „chancenlos“ bezeichnet. Auch in der Zeit vor Graf beschweren sich Personen über mangelnde Kommunikation, ein „zunehmend schlechteres Arbeitsklima“ und „strenge Hierarchien“. Andere Nutzer loben die Firma, bewerten dabei aber vor allem die Kollegialität der Mitarbeiter.

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