Berg- und Talfahrt einer Gründung: 8sense

„Ja, wir würden es wieder tun“

von Redaktion

Rosenheim – Die ersten fünf Jahre gelten nach Expertenmeinung als entscheidend für Existenzgründer: Entweder kann ein Start-up in dieser Zeit die Weichen für die Zukunft stellen, oder es verschwindet wieder vom Markt. Mit seinem Geschäftspartner Ralf Seeland hat Christoph Tischner 2016 das Digitalunternehmen 8sense in Rosenheim gegründet. Kernprodukt ist ein virtueller Rücken- und Trainingscoach, der über einen Sensor in der Kleidung die Haltung des Trägers misst. Tischner erzählt im OVB-Gespräch von den Höhen und Tiefen, die sie bis heute gemeistert haben.

Sie haben den „Sonderpreis Digital“ der Stadt Rosenheim erhalten, sind ins digitale Gründerzentrum gezogen und konnten einen Investor überzeugen. Was würden Sie selbst als die Meilensteine von 8sense bezeichnen?

Es sind die vielen kleinen Gespräche mit Kunden, möglichen Investoren oder auch Beratern, durch die man jedes Mal seine Idee, Geschäftsmodell oder Strategie etwas verändert, bis man langsam einen roten Faden bekommt. Dieser Prozess hat bei uns fast ein Jahr gedauert. Was nach außen vielleicht wie ein Durchmarsch aussieht, ist in Wirklichkeit immer eine Berg- und Talfahrt. Einer der ersten großen Meilensteine war die Abkehr vom Smart-Textile zum tragbaren Clip aus Gründen der Komplexität und der Marktakzeptanz. Das war im März 2017. Das hat zunächst viel Grundlagenarbeit über den Haufen geworfen, war aber sehr wichtig. Der nächste große Schritt war unsere Crowdfunding-Kampagne im Oktober 2017, in die wir viel Arbeit und Hoffnung gesteckt hatten, die wir aber abbrechen mussten. Einen Tag, bevor wir Insolvenz hätten anmelden müssen, ist unser erster „Business Angel“ (ein Unternehmer, der sich finanziell und mit Know-how am Start-up beteiligt, Anm. d. Red.) eingestiegen. Wenig später kamen drei weitere dazu. Den ersten Investor an Bord zu bekommen, ist aus unserer Sicht mit das Schwierigste. Seitdem geht es bei uns steil bergauf. Mit der Beurer Gruppe als strategischen Investor und Partner sind wir aktuell sehr stark aufgestellt. Mit weiteren großen Partnern sind wir in Verhandlungen.

Das gescheiterte Crowdfunding hätte fast das Aus bedeutet. Außer Spesen nichts gewesen?

Ursprünglich wollten wir mit unserer Crowdfunding-Kampagne das Unternehmen mindestens für ein Jahr finanzieren, konnten mit der Aktion aber nur 21000 Euro in zwei Wochen einsammeln, woraufhin die Kampagne abgebrochen wurde. Das bringt ein Start-up schnell in einen liquiden Engpass. Einige Kollegen mussten gehen. Anfangs hatten wir das Scheitern als kompletten Misserfolg gewertet, allerdings haben wir Monate später immer wieder den PR-Effekt dieser Kampagne sehr positiv bemerkt, denn sie erzielt eine hohe Reichweite. Zudem hatten wir im Rahmen der Kampagne viel hochwertiges Marketing- Material produziert, wie beispielsweise unseren Image- Film. Dieser war auch mit ein Grund, warum später die Finanzinvestoren „Ja“ zu unserem Unternehmen gesagt haben.

„Crowdfunding ist für uns kein Thema mehr.“

Wie stehen Sie heute zum Crowdfunding?

Der ursprüngliche Gedanke ist sehr gut: Viele Leute können im Vorverkauf vergünstigt ein Produkt erwerben. Das Unternehmen finanziert die Entwicklung damit. Mittlerweile gibt es unserer Meinung nach ein Überangebot an Produkten, die oft eine schlechte Qualität haben. Zudem wird man getrieben, auf Agenturen oder PR-Angebote zurückzugreifen, um die notwendige Reichweite zu erzeugen. Vor allem, wenn man den US-Markt erreichen will. Das kann extrem viel Geld kosten. Unserer Einschätzung nach – nach dem Austausch mit anderen Start-ups – sind die meisten Projekte ein Nullsummen-Spiel. Letztlich geht es nur um die PR. Crowdfunding ist für uns kein Thema mehr.

Welche Pläne haben Sie für die nächste Zeit?

Wie sagt man so schön: Nach der Finanzierung ist vor der Finanzierung. Wir werden Anfang nächsten Jahres noch einen weiteren Investor mit an Bord holen, damit wir in der Entwicklung, aber auch im Vertrieb weiterhin aufs Tempo drücken können. Dazu soll das Team nächstes Jahr auf 16 Kollegen verstärkt werden. Wir merken bereits jetzt, dass der Umzug in die modernen Räumlichkeiten des Stellwerk18 Qualität als auch Quantität der Bewerbungen deutlich erhöht hat.

… neue Produkte?

Im März 2019 werden wir unseren Sensor 8clip in Serienreife auf den Markt bringen, gemeinsam mit unseren Coaching-Systemen „Better Sitting“ und „Better Training“. Weitere Coaching-Systeme und auch Hardware-Geräte sind in Planung. So wird 2019 auch „Better Focus“ auf den Markt kommen. Das ist eine Art Button, den man betätigt, wenn man im Büro konzentriert arbeiten möchte. Wir wollen in den nächsten fünf Jahren eine Reihe von „Better-Systemen“ herausbringen, wie zum Beispiel „Better Sleeping“. Unsere Vision ist: Menschen helfen, ihr besseres Ich zu erreichen. Dazu gehört neben dem Lifestyle-Bereich auch der medizinische. Wir arbeiten dazu jeweils mit großen Industrieunternehmen zusammen. Aktuell entwickeln wir beispielsweise ein System gemeinsam mit der Dauphin Gruppe, einer der größten Büromöbelhersteller der Welt. Das System wird erst im Oktober vorgestellt, nur so viel vorab: Es geht um Sensoren im Bürostuhl.

Würden Sie wieder unter die Gründer gehen und warum?

Ganz klar ja. Zum einen wegen dem Gefühl, etwas voranzubringen. Zum anderen wegen der steil nach oben gehenden Lernkurve, da man sich mit sehr vielen Themen auseinandersetzen und ständig mit vielen Menschen austauschen muss. Das Lehrgeld, das man anfangs zahlt, wird immer weniger. Interview: Elisabeth Sennhenn

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