Kolbermoor – China und die USA: Zwei Wirtschaftsriesen, die Ländern wie Deutschland zeigen, in Technologie und Digitalisierung zwei Schritte hinterherzuhinken. Aber stimmt dieser Eindruck wirklich? Den Referenten des jüngsten IHK-Talks gelang es, Zweifel an diesem Bild zu wecken, aber auch vor Entwicklungen zu warnen, die speziell in Deutschland übersehen werden könnten.
Der perfekte Einstieg ins Thema gelang IHK-Präsident Eberhard Sasse, von Moderatorin Karen Webb auf den Veranstaltungsort angesprochen: Die Alte Spinnerei in Kolbermoor sei ein gutes Beispiel dafür, wie ein bayerischer Unternehmer einen Wirtschaftstrend, in dem andere Länder bereits führend waren – die Baumwollverarbeitung gegen Ende des 19. Jahrhunderts – zwar erst spät, dann aber umso erfolgreicher umgesetzt habe. „Das wird uns auch bei der Digitalisierung gelingen“, zeigte sich Sasse zuversichtlich.
Im Laufe des Abends kristallisierte sich jedoch heraus, dass die Digitalisierung allein nicht das Problem Deutschlands, Exportnation Nummer drei weltweit, ist. Wie Margit Molnar, China-Expertin der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), schilderte, sei China zwar Spitze bei digitalen Dienstleistungen, doch dem Markt fehle es wegen mangelnder Regulierungen an Qualität (mehr dazu im Kurzinterview).
Chinas neue Rolle als Investor
Es mache vor allem Sinn die Rolle Chinas in der Weltwirtschaft zu beleuchten. Diese sei längst nicht mehr so dominant wie einst befürchtet. „China hat 2017 zwar zu einem Viertel des Weltwirtschaftswachstums beigetragen, doch allgemein wird dem Land ein sinkendes Wachstum prophezeit.“ Auch sei die chinesische Handelsbilanz zuletzt negativ gewesen. Immer noch sei die Produktion im Land sehr rohstoffintensiv; als „verlängerte Werkbank“ der westlichen Welt sei das Land immer weniger bedeutsam. Interessanter werde China stattdessen als Plattform für Investoren, „allerdings nicht für Investments in Industrie und Herstellung, sondern in Dienstleistungen.“ Investitionen aus China wiederum überstiegen inzwischen die der USA oder von G7-Staaten. In den internationalen Finanzmarkt sei China aber praktisch nicht integriert, „eher schon isoliert davon“.
Asien blieb zunächst das große Thema des „Globalisierungs“-Talks der IHK: Konrad Irlbacher, Geschäftsführer des Raublinger Fahrradherstellers Corratec, schilderte den Gästen, warum seine Produktion im Lauf der Zeit immer stärker auf asiatische Zulieferer setzte: So hätten sich etwa Taiwanesische Partner unerwartet schnell, flexibel, kundenorientiert und kostengünstiger auf die Bedürfnisse des bayerischen Produzenten eingestellt als der ursprüngliche italienische Rahmen-Hersteller.
Während Corratec interessante Märkte in Brasilien, Australien, Neuseeland und Südafrika finde, würden derzeit Märkte wie Russland, Venezuela und Türkei einbrechen – wegen einer Währungsabwertung oder der angespannten politischen Lage im Land. Zu einer Herausforderung sei der E-Bikemarkt geworden: So müsse Corratec auf Akkus für die Räder im Warenwert von über drei Millionen Euro warten: „Wir sind vom weltweiten Batteriezellen-Engpass betroffen – auch das ist Globalisierung,“ resümiert der Unternehmer. Für ihn Fluch und Segen zugleich. Mit seiner Frau Cielo und Tochter Tessa unterstützt Irlbacher auf den Philippinen soziale und medizinische Projekte. „Ohne weltweite Beziehungen wäre auch kein globales Engagement möglich“, meinte dazu Tessa Irlbacher.
Angst der Deutschen vor Kontrollverlust
Weltweite Netzwerke waren auch das Thema von Stanford-Professor Dr. Burton Lee, Experte für Europäisches Unternehmertum und Innovation. Allerdings ist die „Währung“ dieser Netzwerke die Datenmenge, die einzelne Unternehmen erzeugen, erklärte der Wissenschaftler. „Daten und Software bestimmen ihren Wert“, so Lee, der einst in München studierte und heute „100 Meter von Facebook entfernt lebt – „aber im ärmeren Viertel, nicht dort, wo die gut verdienenden IT-Spezialisten wohnen.“ Das führte Lee in seinem Beitrag zu einer seiner Meinung nach entscheidenden Frage, welche die Globalisierung auch aufwerfe: Wo verdienen die allerorts gesuchten Fachleute am besten und warum? Der Dreh- und Angelpunkt dieser Überlegung sei der Börsenwert der Unternehmen. 2018 seien Firmen, deren wichtigster Rohstoff die Nutzerdaten sind, auch die am höchsten – in Billionen Dollar – bewerteten: Apple, Amazon und Alphabet („AAA“). Selbst Global Player wie Daimler, BMW, Siemens oder Thyssen Krupp erreichten nur Börsenbewertungen unter 100 Millionen Euro. „Die meisten großen deutschen Unternehmen haben familiäre Ursprünge oder sind familiengeführt. Und Familien scheint der Börsenwert nicht aussagekräftig genug für ihren Betrieb zu sein.“
Er warnte: „Der Börsenwert wird aber immer wichtiger im internationalen Wettbewerb. In den USA können börsennotierte Unternehmen Fachkräfte mit attraktiven Aktienpaketen zusätzlich zum Gehalt locken.“ In Deutschland herrsche größtenteils noch Skepsis gegenüber diesem Modell, teils aus Angst davor, damit Kontrolle abgeben zu müssen. Wichtig sei der Unternehmenswert auch beim Thema Innovation: „Im Silicon Valley werden Start-ups bei einer Übernahme erst gar nicht mehr Cash bezahlt, sondern mit Unternehmensanteilen.“ Im internationalen Wettbewerb. so Lee, sei im „Kampf um die Talente“ entscheidend, mit den Großen mithalten zu können.