Laut Jochen Hafner von der IG Metall-Geschäftsstelle in Rosenheim sprechen für Standortverlagerungen ins Ausland entweder Kostengründe oder das Interesse an einer Marktabdeckung. „Es muss kein Widerspruch sein, dass ein Unternehmen im Ausland produziert und in Deutschland gut gehende Niederlassungen hat.“ Der Betriebsrat habe einen Kontakt zur Gewerkschaft stets abgelehnt; Hafner habe ihm diesen in der Vergangenheit schon mehrfach angeboten. Hafner kann nur vermuten, woran das liegt: Manchmal wünsche ein Arbeitgeber keine Kooperation zwischen Betriebsrat und Arbeitnehmervertretung. Oder der Betriebsrat sei nur die verlängerte Hand des Arbeitgebers. Gerade jetzt, wo Stellen in großem Stil in Gefahr seien, würde die Gewerkschaft zusammen mit anderen Institutionen wie der Agentur für Arbeit Lösungen für die Beschäftigten erarbeiten: „Offenbar wollen sie das im Alleingang tun.“
Rätselraten über die gründe
IG Metall: „Betriebsrat wünscht keinen Kontakt zur Gewerkschaft“
Schwere Zeiten für die Firma Multitest-XCerra in Rosenheim, neuerdings Cohu: Nach der Übernahme durch den US-Konzern steht jetzt eventuell ein großer Umbau bevor. Er betrifft Produktion und Entwicklung, möglicherweise werden 250 von 400 Stellen abgebaut.
Droht Kahlschlag bei Cohu?
Rosenheim – Die rund 400 Beschäftigten wurden gestern durch den neuen Geschäftsführer Ian van Fellenberg in einer Betriebsversammlung über anstehende, weitreichende Veränderungen am Standort Rosenheim informiert. Die Rede ist von „harten Worten“; es soll „schonungslos, aber transparent“ zur Sache gegangen sein.
Produktion kommt teils ins Ausland
Alle Bereiche des Herstellers von Maschinen und Zubehör für Halbleiter-Tests sollen von den Maßnahmen betroffen sein. So sollen Produktion und Entwicklung auf Standorte in den USA und Asien aufgeteilt werden; am Standort Rosenheim soll es in Zukunft nur noch eine Produktionssparte mit der zugehörigen Entwicklung geben. Informationen aus dem Betrieb zufolge könnte dies einen massiven Stellenabbau bedeuten.
Unklarheit im
Unternehmen
Bestätigen wollte dies gestern niemand aus dem Unternehmen. Verwirrung herrschte auch darüber, wer offizielle Informationen nach außen geben darf. Den Mitarbeitern wurde offenbar verboten, sich öffentlich zu äußern. Die Betriebsräte Michael Gabriel und Gabriele Gottschling waren für die OVB-Heimatzeitungen nicht zu sprechen. Man verweist auf den Hauptsitz von Cohu in den USA. Erst vor Kurzem hat das Unternehmen in Rosenheim in einem regionalen Online-Stellenportal noch neue Stellen für den Standort ausgeschrieben. Gesucht wurden zum Beispiel ein Techniker für das Dokumentenmanagement und ein Softwareentwickler.
Der Betrieb soll nach der XCerra-Übernahme in der jüngsten Zeit „Rekordergebnisse“ geschrieben haben, heißt es.
Kommunikation scheint schwierig
In der Vergangenheit haben mehrere Mitarbeiter auf dem Bewertungsportal Kununu ihre Eindrücke von Multitest-XCerra, so der Unternehmensname vor der Cohu-Übernahme, hinterlegt. Eine Bewertung vom November 2016 geht auf den damaligen Einstieg der US-Firma XCerra ein: Seitdem sei der Leistungsdruck gestiegen. Während es viele positive Kommentare gibt, wird immer wieder die ungenügende Kommunikation im Betrieb angeprangert.
Politik vor Ort
bietet Hilfe an
Kontakt gab es gestern zwischen dem Betriebsrat am Standort und den Rosenheimer und Kolbermoorer Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner und Otto Lederer (beide CSU): „Wir haben den Mitarbeitern unsere Unterstützung auf politischer Ebene angeboten, sofern diese notwendig und gewünscht ist“, so Stöttner. Jedoch nur für den Fall, dass das Unternehmen selbst aktiv wird. Von einem Stellenabbau habe ihnen gegenüber niemand etwas erwähnt, so Stöttner weiter.
Auch die Stadt Rosenheim weiß nichts von Stellenstreichungen. Standortentscheidungen seien immer unternehmensinterne strategische Entscheidungen, die eine hiervon betroffene Kommune zur Kenntnis zu nehmen habe, so Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl.
„Cohu hat die Gerüchte über Stellenreduzierungen gegenüber der Stadt nicht bestätigt. Wir verlassen uns auf die Aussage des Unternehmens.“
Laut Stadt ist der Arbeitsmarkt in der Region Rosenheim für qualifizierte technische Berufe so aufnahmefähig, dass ein Stellenabbau, egal in welchem Unternehmen, dazu führen werde, den Fachkräftemangel in anderen Unternehmen zu mindern.
Lösungen für
Mitarbeiter suchen
Bei der Agentur für Arbeit in Rosenheim ist man über mögliche Entlassungspläne nicht informiert. „Allgemein ist zu sagen, dass bei Kündigungen von Betrieben, deren Mitarbeiterzahl 20 Beschäftigte übersteigt, Paragraf 17 des Kündigungsschutzgesetzes greift“, so Pressesprecherin Katharina Kristen. „Selbstverständlich kann sich das Unternehmen mit uns in Verbindung setzen, damit womöglich betroffenen Arbeitnehmern rechtzeitig über die Modalitäten einer Arbeitslosmeldung und Antragstellung für den Bezug von Arbeitslosengeld I informiert werden.“ Die Initiative dafür müsse aber vom Arbeitgeber ausgehen, dann könne nach Lösungen für die Mitarbeiter gesucht werden.
Vom stellvertretenden Landrat Josef Huber gab es gestern keine Stellungnahme zu den aktuellen Entwicklungen bei Cohu: Huber sei nicht im Haus, hieß es von der Pressestelle.
Weltweit 1800 Mitarbeiter
Der börsennotierte US-Konzern Cohu beschäftigt weltweit 1800 Mitarbeiter. Die Summe der Aktiva lag 2017 bei 420 Millionen US-Dollar, das Anlagevermögen betrug zuletzt 298 Millionen US-Dollar. In Summe waren 297 Millionen US-Dollar im Umlauf. Die Bilanzsumme beträgt schätzungsweise über eine Milliarde US-Dollar.
Quelle: www.finanzen.net