F.-X. Peteranderl
Konrad Schwarz, Kreisvorsitz DEHOGA
Waltraud Wiesmüller, Gründerin GOffeo GmbH
Michael Mitterer, VR meine Raiffeisenbank eG
Dr. Dieter Gilles, Wacker Chemie AG Fotos sen
Helga Wimmer, Kreishandwerksmeisterin
IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl
Im Bann der Mächte
Altötting – Man musste Dr. Antonia Rados, vielfach preisgekrönte TV-Reporterin, schon eine knappe Stunde aufmerksam zuhören, um fast am Ende zu erfahren: „Was wird aus Europa?“ Mit Spannung wurde der Beitrag der 65-jährigen Journalistin erwartet und Altöttings Landrat Erwin Huber kündigte die Rednerin mit einleitenden Worten an. Das eigentliche Thema von Rados´ Gastbeitrag geriet angesichts des komplexen Themenfelds „Naher Osten“ zwar etwas ins Hintertreffen. Vielleicht muss man aber akzeptieren, dass man Rados, die den Ruf hat, trotz widrigster Umstände unerschrocken und unermüdlich aus Krisengebieten zu berichten, nicht ohne eines ihrer Leib- und Magenthemen bekommt: Die arabische Welt und ihr Konfliktpotenzial.
Digitalisierung der jungen arabischen Generation
Wer also wissen wollte, worin die große Sprengkraft des Nahen Ostens besteht, wie sich die Hierarchien im sensiblen Gefüge der West- und Ostmächte verschieben und welche Technologien dem verhallenden „Arabischen Frühling“ Auftrieb verliehen haben, kam bei Rados´ Vortrag dennoch auf seine Kosten: Jahrhunderte- lange, oft willkürliche Grenzziehungen und Invasionen sorgten mit Wirkung bis heute für eine tiefe, kulturelle, politische und religiöse Spaltung der Länder. Waren einst Frankreich, Großbritannien und zuletzt die USA tonangebend in weiten Teilen des Nahen Ostens, sinkt vor allem Amerikas Stern dort immer tiefer.
Der Siegeszug von Handy, Internet und Satellitenfernsehen sorgte nicht nur dafür, dass die arabische Jugend („mit Ausnahmen weniger Länder schlecht ausgebildet und arm“) die Revolution ausrief, sondern dass sich auch Missverständnisse über Europa und kulturelle Unterschiede rasch verbreiten konnten. Rados Hauptaussage an diesem Abend, die beim Publikum teils Beklemmung auslöste: Während Saudi Arabien – nicht zuletzt wegen der jüngsten Affäre im Fall des ermordeten Journalisten Kashoggi – im „Schatten der Geschichte“ verschwinden werde, seien es Länder wie die Türkei („Gelenk zwischen Ost und West“), Israel („Mit seiner Startup-Kultur und Fortschritten in der Digitalisierung uns weit voraus“) und der Iran („Gut ausgebildete Jugend, großes Kulturerbe, eigenes Atomprogramm“), die Europas Stellung in der Welt künftig an den Rand drängen könnten.
Gerade, was den im Westen umstrittenen türkischen Präsidenten Erdogan betreffe, so die promovierte Politologin, müsse man anerkennen: Die Türkei habe sich stets um enge Beziehungen in die Arabische Welt bemüht, Erdogan reise regelmäßig mit Wirtschaftsdelegationen in den Nahen Osten.
Wiederaufleben der Seidenstraße steht bevor
„Von Istanbul aus fliegt man in jede große Stadt in Asien und Arabien – das kann Berlin nicht von sich behaupten.“ Rados´ Antwort auf die übergeordnete Frage des Abends, „Was wird aus Europa?“ fiel am Ende knapp und klar aus: „Der Schwerpunkt Europas wird sich nach Osten verschieben, während Türkei und Iran eine Brücke zwischen Asien und Europa bilden. Die Seidenstraße lebt wieder auf.“ Russland dagegen werde zum „zweiten Saudi Arabien“, spiele keine große Rolle mehr. Rados schloss mit den Worten, sie habe bei ihren vielen Recherchen im Nahen Osten jedoch gelernt, mit Prognosen vorsichtig zu sein: „Dort sagt man: Der erfahrene Prophet wartet die Ereignisse ab.“
„Kein Wunder, dass Europa ein Sehnsuchtsort ist“
„Europa ist ein Sehnsuchtsort für Menschen aus anderen Regionen wie dem Nahen Osten und Afrika. Migration bedeutet aber auch, dass hierzulande mehr Wohnungen gebraucht werden, mehr Verkehr herrscht, Menschen in Arbeit gebracht werden müssen. Das Handwerk, das in Altötting und Mühldorf rund 90 Flüchtlinge ausbildet, fordert daher etwa weniger Kostendruck und Regulatorien für die Baubranche sowie die Förderung des Wohnungsbaus, ohne dass dies zu Lasten der Unternehmen geht. Es bedarf angesichts des hohen Verkehrsaufkommens auch eines schlüssigen Verkehrskonzepts. Das Handwerk darf nicht noch mehr belastet werden, etwa durch Dieselfahrverbote, sondern muss auch im innerstädtischen Bereich seine Kunden gut erreichen können.“