Handarbeit: Ein Bild aus den frühen Jahren des Unternehmens, als vieles noch mit den Händen produziert wurde.Foto Kathrein
Rosenheim – Wie geht es weiter für die Mitarbeiter von Kathrein in Rosenheim? Das ist die große Frage am Tag nach der Bekanntgabe, dass bis Ende nächsten Jahres 250 Stellen am Standort gestrichen werden. Und längst geht es nicht mehr allein um diese Jobs. Es geht auch um die Frage, wie lange das Unternehmen selbst standhalten kann auf dem Markt der Kommunikationstechnologie.
Wer versucht, sich der Situation bei Kathrein anzunähern, merkt schnell: Die Frage nach der Zukunft des Unternehmens ist weit schwieriger zu beantworten als die nach der Zukunft der Menschen, die von der erneuten Stellenstreichung betroffen sind. Rein sachlich betrachtet, gibt es für sie drei Szenarien:
• Es wird eine Transfergesellschaft gegründet, in der sie sich qualifizieren können für Arbeitsplätze in anderen Unternehmen.
• In Freiwilligen-Programmen können ältere Arbeitnehmer abgefunden und vorzeitig in Rente geschickt werden.
• Wenn es hart kommt, wird es betriebsbedingte Kündigungen geben, verbunden mit Abfindungen.
Die Entscheidung darüber, welche Angebote gemacht werden können, wird in den kommenden Wochen ausgehandelt zwischen Vorstand, Betriebsrat und IG Metall. Dabei steht für den Kathrein-Betriebsratsvorsitzenden Markus Unterleitner „ein gerechter Interessensausgleich/Sozialplan“ im Vordergrund, der die Betroffenen betrachtet, aber auch die verbleibende Belegschaft. Für Josef Hafner, den ersten Bevollmächtigten der IG Metall Rosenheim, ist klar: Betriebsbedingte Kündigungen sind zu verhindern. Zu drastisch könnte sonst der Einschnitt für einzelne Familien ausfallen. Denn es gibt Fälle, in denen beide Partner bei Kathrein arbeiten – und am Ende vielleicht zu zweit vor der Kündigung stehen könnten. „Da hängen Existenzen dran, das ist eine ganz traurige Sache“, sagt Hafner. Insgesamt sind sich Betriebsrat und IG Metall einig: Es gilt, das Bestmögliche für die Betroffenen herauszuholen. Noch hat der Sanierungstarif für die Jahre 2017 und 2018 Bestand. Zu klären ist jetzt unter anderem, wer wirklich gehen muss bis Ende 2019 und vor allem, wann. Denn es ist unklar, ob alle Stellen zum 31. Dezember nächsten Jahres abgebaut werden oder einige bereits vorher (wir berichteten). Erste Informationen soll es bei einer Betriebsversammlung geben. Sie findet am Freitag, 14. Dezember, statt.
Dann wird auch darüber zu sprechen sein, wie das Unternehmen selbst dasteht, welcher Zukunft es auf dem schnelllebigen Markt der Kommunikationstechnologie entgegensieht. Fest steht, dass es einen Plan zur Neustrukturierung gibt. Hans-Joachim Ziems, ein Fachmann auf dem Gebiet der Restrukturierung, hat ihn entwickelt und auf den Weg gebracht. Vorgesehen ist demnach, drei bisher miteinander verbundene Bereiche zu trennen: „Solutions“, „Broadcast“ und „Products“ sollen eigenständig agieren. Eine Entscheidung, die offensichtlich harte personelle Einschnitte erfordert. Die aber sowohl Betriebsrat als auch IG Metall als notwendig erachten, um das Unternehmen zukunftsfähig zu halten. Denn auch die Banken machen Druck. In drei Jahren muss Kathrein wieder schwarze Zahlen schreiben.
Doch wie konnte das Unternehmen überhaupt so sehr ins Trudeln geraten? Immerhin ist dies die dritte Umorganisation inklusive Stellenabbau. Betriebsrat und IG Metall sprechen von einem Markt, der sich rasant schnell wandelt. Noch vor wenigen Jahren verdiente Kathrein Geld im Satellitengeschäft und mit Receivern. Heute ist das Technik von vorgestern. Im Fokus stehen jetzt der Antennen-Markt und die Vergabe von Mobilfunk-Lizenzen. Kathrein hat starke Mitbewerber, gemeint ist vor allem Huawei in China. Zudem hat sich das Kundenverhalten verändert, lässt sich schwerer kalkulieren. Derzeit etwa hängen die Bestellungen in der Warteschleife. Alles schaut auf 5G, die fünfte Mobilfunk-Generation. 5G-Netze sollen Dienste ermöglichen, die es bislang in dieser Form nicht gibt: dazu gehört das autonome Fahren, aber auch die Vernetzung und Digitalisierung von Geräten untereinander, Stichwort Internet der Dinge. Für dieses Netz wird eine neue Infrastruktur notwendig, unter anderem brauchen die Geräte andere Antennen als bisher. Kathrein sehe sich für diesen Markt bestens gerüstet, teilt ein Sprecher mit. Er verweist unter anderem auf Kooperationsprojekte „mit namhaften nationalen wie internationalen Adressen“, darunter Nokia, Orange und Ericsson.
Trotzdem bleiben die Prognosen von Betriebsrat und IG Metall für Kathrein in Rosenheim lediglich vorsichtig zuversichtlich. Vor allem einen weiteren Stellenabbau gelte es zu vermeiden, heißt es. Denn es sei offen, „inwieweit der Kathreiner über diese Aktion hinaus noch leidensfähig ist“, teilt der Betriebsratsvorsitzende Markus Unterleitner mit: „Denn man darf nicht vergessen, wir treiben diese Umstrukturierung nun seit belastenden vier Jahren.“