Jakobsbaiern – Vor neun Jahren trafen Gitti und Hans Riedl aus Jakobsbaiern im Landkreis Ebersberg eine schwerwiegende Entscheidung, die sich heute als „richtiger Riecher“ erwiesen hat: Sie gaben die Milchviehhaltung auf und setzten fortan auf Freiland-Legehennen, inzwischen sind es 5000 von ihnen. Sie sind der Grund dafür, dass das Landwirtspaar vor Kurzem in Wasserburg den dritten Platz des Meggle-Gründerpreises belegte und für ihren mutigen Schritt geehrt wurde.
20000 Eierkartons und keine Domain
Den Preis haben die Riedls für ihren hausgemachten Eierlikör, den „Gackerl“, erhalten. Er hat die Jury davon überzeugt, dass auch bei Spirituosen der regionale Charakter für die Endverbraucher zählt.
Für ihren zartgelben Likör, den es in kleinen Gläschen im Eierkarton gibt, hat Gitti Riedl so einige Hürden überwunden. Zum Beispiel die Bezeichnung: „Likör“ darf der „Gackerl“ offiziell nicht heißen, weil er dafür einen Alkoholgehalt von 14 Prozent aufweisen müsste. „Unserer hat nur zwölfeinhalb Prozent – wir finden, das schmeckt so viel milder und einfach besser“, sagt die Hühnerbäuerin selbstbewusst. „Als alkoholisches Mischgetränk darf ich ihn aber bezeichnen.“
Auch mit der Verpackung hat sie viel experimentiert und sich schließlich für eine nachhaltige und umweltfreundliche Variante aus wiederverwendbaren Gläsern und dem guten, alten Eierkarton entschieden. Auch das war ein Lernprozess, wie sie rückwirkend erzählt: „Eierkartons kann man nur palettenweise kaufen. So musste ich gleich bei der ersten Bestellung über 20000 Stück abnehmen.“ Auch das Thema Web-Präsenz kostete die Riedls einige Nerven: Kurz bevor die eigene Internetseite online gehen sollte, „hat irgendjemand in Südkorea die Domain gekauft.“
Am Ende wurde alles so, wie es sich die quirlige 40-Jährige vorstellte. Hat sie vor rund drei Jahren in ihrer eigenen Küche die Spirituose noch mit einem Küchengerät hergestellt, unterstützen sie inzwischen vier Mitarbeiterinnen in einem eigenen Produktionsraum, der auf dem Hof eingerichtet wurde. Aus Hygienegründen, aber auch, weil die Produktion schnell aus allen Nähten platzte: Nach den ersten 200 „Gackerl“ beim Maibaumaufstellen vor Ort kamen weitere Anfragen.
Die Gründerin steckte außerdem viel Zeit und Herzblut in die Akquise von Kunden: „Anfangs habe ich hunderte Telefonate geführt, bei jedem Dorffest, Vereinen, Burschenschaften und allen möglichen Veranstaltungen im Vorfeld angefragt, ob sie unseren „Gackerl“ probieren möchten. Dann ging es auf einmal ganz schnell mit den Bestellungen.“ Und aus 200 verkauften Likören wurden dann 200000.
Inzwischen beliefert Gitti Riedl drei Internetshops und verkauft ihre „Gackerl“ im Umkreis von 60 Kilometern sowie im regionalen Einzelhandel. Neben der klassischen Zehner-Schachtel als Geschenke-Box gibt es die „Gackerl“ für Großabnehmer lose in 20er-Eierhöckern.
Gitti Riedl hat viel erreicht, aber auch viel riskiert und investiert für ihre Idee, die anfangs von manchen belächelt wurde: „Eierlikör ist schließlich etwas, das jede Hühnerbäuerin herstellt.“ Zwar habe sie mit ihrem Bauernhof das Glück, keine extra Räume anmieten zu müssen. Aber einen mittleren fünfstelligen Betrag hat die Mutter zweier kleiner Söhne trotzdem schon in ihre Likör-Produktion gesteckt, in Material, Ausstattung, ein kleines Vakuum-Abfüllgerät. Sie hat auch ein Erklärvideo drehen lassen, was man mit den Gläsern und dem Karton noch alles anfangen könne: „Die Etiketten sind zum Beispiel gut ablösbar, so dass man die Gläschen weiter benutzen kann.“
Sie wünscht sich
eine Abfüllanlage
Die wenigen benötigten Rohstoffe wählt sie mit Bedacht aus; die Eier kommen vom Hof, die Hühner erhalten bestes Futter und sie kauft nur die teuerste Sahne: „Das schmeckt man.“
Bis jetzt sind alle Schritte der Herstellung noch Handarbeit. Im Moment fiebert Riedl dem Tag entgegen, an dem sie ihre „Abfüll-Verschließ-Etikettier-Maschine“ in Betrieb nehmen darf, die ein Maschinenbauer derzeit speziell für sie anfertigt.
Rund 40000 Euro wird Riedl das kosten, die 10000 Euro Preisgeld von Meggle fließen in diese Investition ein. „Das ist viel Geld für uns.“ Aber sie hat auch große Pläne: Sie will weiter wachsen, möchte etwa mehr Großveranstaltungen und Wiederverkäufer für ihr „Gackerl“ gewinnen.
Ihre Familie steht übrigens voll hinter ihr, und das ist meist die beste Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.