Rosenheim – Der meist gekaufte Baum ist wegen ihrer Robustheit und dem wohlproportionierten Wuchs die Nordmanntanne. Jeder zehnte Baum kommt aus dem Ausland, zum Beispiel Dänemark oder Finnland. Der „perfekte“ Christbaum ist in der Regel nicht einfach ein Geschenk der Natur, sondern stammt aus Monokulturen und ist oft chemisch behandelt – etwa mit Insektiziden, Fungiziden und anderen Pflanzenschutzmitteln. Weite Transportwege schmälern die Ökobilanz des eigentlichen Naturprodukts zusätzlich. Jedes Jahr stellt sich für viele Verbraucher daher die Frage: Wie nachhaltig ist es, sich einen eigens dafür gezüchteten Nadelbaum für 14 Tage oder kürzer ins Wohnzimmer zu stellen? Sind Öko-Bäume eine Alternative? Kann man guten Gewissens eine Kunststoff-Tanne kaufen? Die OVB-Heimatzeitungen sind diesen und weiteren Fragen nachgegangen und haben mit lokalen Anbietern und Fachleuten gesprochen.
Christbaum aus
der Region
„Im Freistaat gibt es rund 950 Hektar Christbaumkulturen in Feld und Flur“, so Markus Heilmann vom Bayerischen Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten. „Je nach Anbauer werden pro Hektar jährlich zwischen 5000 und 6000 junge Christbäume gepflanzt.“ Etwa vier Millionen Christbäume würden in Bayern jedes Jahr vermarktet.
Unter einem Hektar Anbaufläche lohne sich die Aufzucht für hiesige Baumschulen allerdings finanziell kaum, so Baumschulmeister Sebastian Glasl von der Baumschule Ganslmaier aus Rott am Inn. Bis ein Baum eine Größe von etwa zwei Metern erreicht habe, dauere es acht bis zehn Jahre. Im Verlauf dieser Zeit investiere die Baumschule bis zu 80 Arbeitsstunden in ein jedes Exemplar –Düngen, Mähen zwischen den Stämmen, dazu „Nippen“, also die Antriebe junger Bäume für einen schöneren Wuchs anknicken.
Zwischen 20 und 30 Euro Produktionskosten kämen pro Tanne zusammen. „Dabei ist die Ökobilanz, auch wenn die Bäume nicht ,bio‘ sind, recht gut“, sagt Glasl, denn bei der Aufzucht der Bäume kämen kaum Maschinen zum Einsatz; das Meiste sei Handarbeit. Zwischen 50 und 55 Euro koste so ein Baum aus der Region dann im Verkauf.
Vor Ort in der Baumschule gekauft, und mit einem Mittelklasse-Benziner nach Hause transportiert, ergibt sich ein CO2-Ausstoß von 190,4 Gramm pro Kilometer. (Quelle zur Berechnung: spritrechner.biz/co2-rechner-fuer-autos).
Zu Hause kann eine geschlagene Nobilis- oder Nordmanntanne bis zu sechs Wochen ansehnlich bleiben – vorausgesetzt, im Ständer befindet sich etwas handwarmes Zuckerwasser, die Zweige werden zweimal täglich feucht benetzt und die Heizung ist möglichst weit entfernt. Wer einen Ofen hat, verheizt den Baum am Ende dieser Zeit oder bringt ihn zur Sammelstelle auf dem Bauhof.
Der Baum aus ökologischer Aufzucht Öko ist das Stichwort vieler Verbraucher, die sich zu Weihnachten einen Baum mit Bio-Siegel wünschen. Lediglich fünf Prozent der Christbäume, die jedes Jahr verkauft werden, tragen ein Bio-Siegel und unterliegen damit strengeren Richtlinien als herkömmliche Bäume. Sie stammen nicht aus Monokulturen, sondern aus Wäldern, die nach Regeln der Bio-Verbände bewirtschaftet werden. Kunstdünger und Pestizide sind tabu. Nähere Informationen zu den Aufzuchtbedingungen liefern etwa bayerische Ökoanbauverbände wie Naturland, Demeter, Bioland oder Biokreis.
Ein Biokreis-Zertifikat haben zum Beispiel die Öko-Bäume, die es derzeit bei den Hagebaumärkten im Chiemgau gibt. Sie stammen überwiegend aus deutschem Anbau, damit sind allerdings – wie bei vielen anderen Bäumen mit Öko-Siegel – weite Transportwege verbunden.
Wer keinen Baum mit Bio-Zertifikat in der Nähe bekommt, kann zumindest auf das FSC-Siegel achten. Es garantiert den Mindeststandard einer verantwortlichen Forstwirtschaft. Gut 80 Prozent der bayerischen Waldfläche gilt als FSC-Zertifiziert. Zur Skepsis raten Verbraucherschützer beim Produzentensiegel „Fair-Forest“, das mit dem Fairen Handel offiziell nicht in Verbindung steht.
Weihnachten im Topf – eine Alternative?
Nach Weihnachten landen geschlagene Bäume auf dem Bauhof oder werden verheizt. Schade eigentlich – aber es gibt auch Tannenbäumchen im Topf. Darin wachsen meist andere Baumarten, weiß man beim Belandris-Gartencenter in Rosenheim, etwa Zuckerhutfichte. Die Nachfrage danach sei jedoch nicht besonders groß – vielleicht auch, weil das Umpflanzen ins Freie etwas Geschick erfordert: „30 bis 40 Prozent überleben.“ Die Tipps des Gartencenters für alle, die es dennoch wagen: Das Bäumchen nach Weihnachten möglichst kalt und hell lagern, nicht dem Frost aussetzen.
Bis zum Auspflanzen im Frühjahr das Bäumchen draußen akklimatisieren lassen und tagsüber, wenn die Temperaturen wieder Plusgrade anzeigen, schon mal raus auf die Terrasse stellen. Als Faustregel gilt: Der Wechsel zwischen Warm und Kalt macht den Bäumchen am meisten zu schaffen. Nordmanntannen sind Tiefwurzler und überleben das Auspflanzen eher selten; flach wurzelnde Blaufichten haben es etwas leichter.
Baumschulmeister Glasl gibt zu bedenken, dass Topfbäumchen zumindest in der Baumschule meist etwas teurer sind als geschlagene: „Sie können bis zu 120 Euro kosten, denn der Aufwand bei der Aufzucht ist einfach größer.“ Die Bäumchen müssten verschult werden, das heißt, mindestens einmal im Jahr werden sie ausgestochen und umgepflanzt, damit sie mehr Feinwurzeln ausbilden.
Plastik: Langlebig, aber ungewohnt
Wurzeln hat ein Kunststoffbaum nicht, dafür die perfekten Proportionen.
Bei OBI in der Region gibt´s künstliche Tannen in vielen verschiedenen Größen, die Preisspanne liegt zwischen zwölf Euro für 1,20 Meter und 150 Euro für einen Zwei-Meter-Baum. Zwar müsse man sich anfangs an den typischen Kunststoff-Geruch gewöhnen, doch gebe es handfeste Vorteile: „Das Material ist schwer entflammbar und immer öfter zu 100 Prozent recycelt“, erklärt eine OBI-Mitarbeiterin aus Stephanskirchen bei Rosenheim. Bis zu zehn Jahre hält so eine Kunst-Tanne. Die meisten Exemplare stammen aus Fernost. Experten raten dazu, sie von den wenigen deutschen Herstellern (etwa Infactory oder Brauns-Heitmann) zu beziehen.
Am Ende besser mieten?
Aus Verbrauchersicht vielleicht die nachhaltigste Christbaum-Variante: Der „Miet-Baum“ im Topf. Nach Rückgabe muss er jedoch von Baumschule oder Gartencenter weiterverwendet oder gelagert werden. In der Region bietet diesen Service momentan noch niemand an – aus Platzmangel.