Im Zentrum der EU mitten in Rosenheim

von Redaktion

Die J. Schmitz GmbH in Rosenheim ist ein Testlabor für EMV- und Umweltprüfungen sowie zur Prüfung der technischen Sicherheit von Elektrogeräten. Gründer Josef Schmitz ist trotz seiner 77 Jahre stark an Innovation interessiert.

Rosenheim – EMV, das bedeutet Elektromagnetische Verträglichkeit – im Mittelpunkt steht dabei nicht, wie man vermuten könnte, eine Verträglichkeit für den Menschen. „Es geht darum, dass Betriebsmittel in ihrer elektromagnetischen Umgebung zufriedenstellend arbeiten und dabei auch selbst keine elektromagnetischen Störungen verursachen“, erklärt Geschäftsführer Josef Schmitz.

Ein solches Betriebsmittel kann ein Herzschrittmacher sein, der auch dann einwandfrei laufen muss, wenn sein Träger im Flugzeug sitzt. Oder eine Seilbahn, die auch dann nicht stehen bleiben darf, wenn alle Passagiere in ihr gleichzeitig mit ihrem Smartphone telefonieren.

Öffnung für den zivilen Markt

In Rosenheim betreibt Schmitz ein EMV-Kompetenzzentrum. Vor rund 30 Jahren befasste sich der Elektroingenieur mit der Elektromagnetischen Verträglichkeit wehrtechnischer Systeme, „damals ging es vor allem um das Luftabwehrsystem Patriot“. Dafür hatte er eine eigene Prüfhalle errichtet, die sich nach 1990 für ein neues Geschäftsfeld als nützlich erweisen sollte: Damals veröffentlichte die EU eine erste EMV-Richtlinie, auf der heute die Pflicht zur CE-Kennzeichnung von Elektrogeräten beruht (siehe Infokasten). „Mein damaliger Geschäftspartner und ich haben in der neuen Richtlinie die Chance gesehen, unser Unternehmen auch dem zivilen Markt zu öffnen – die Prüfhalle dafür war ja schon vorhanden.“

Bei der Vorstellung der EMV-Prüfhalle für die Verwendung entsprechender EMV-Richtlinien entstand die Deutsche Gesellschaft für EMV-Technologie, in der Schmitz zuletzt zwölf Jahre im Vorstand saß. „Früher waren wir ein Partner der Elektrobranche, der ein reines Messlabor zur CE-Kennzeichnung betrieben hat. Heute sind wir ein Begleiter der Industrie, angefangen beim Produktdesign bis hin zur Prüfung der CE-Konformität.“ Seit einigen Jahren bewertet die J. Schmitz GmbH die EMV größerer Anlagen, etwa von Umspannungswerken, Fertigungsstraßen oder von Sortiermaschinen, wie sie DHL einsetzt. Die Messungen finden dann vor Ort beim Kunden statt. Als die EU 2016 eine novellierte EMV-Richtlinie herausgibt, sind erstmals auch Risikoanalysen und -bewertungen gefordert. „Es gab damals dafür keine Beispiele aus der Praxis, keine Standards, keine Verfahren“, erinnert sich Schmitz und lächelt, als wolle er hinzufügen: „typisch EU.“ Sein Unternehmen entwickelte daraufhin einen Qualitätsmanagement-Prozess EMV, durch den der Kunde mit einer speziellen Software gelotst wird – angelehnt an eine in der Automobilindustrie etablierte Analyse. Vor Kurzem erst wurde er auf den Markt gebracht.

„Bis heute gibt es in Deutschland keine vergleichbare Lösung“, sagt Schmitz und spricht dabei ein Problem an, mit dem Tausende Unternehmen der Elektrobranche von der internationalen Politik allein gelassen wurden. Bundesweit bietet sein Unternehmen inzwischen Seminare zum Thema an, die beispielsweise die Qualitätsmanager der Hersteller schulen. Das Verfahren vereine drei Kernkompetenzen, so der Experte: Hersteller erfüllten die EU-Richtlinie, könnten einem individuellen Qualitätsanspruch an ihre Produkte gerecht werden und die EMV eines gesamten Produktentwicklungs-Zyklus´ sicherstellen.

Dabei können Kunden selbst entscheiden, ob sie anhand der Software den Prozess alleine meistern, oder sich von der J. Schmitz GmbH begleiten lassen.

Schmitz hat viele große Namen unter seinen Auftraggebern und ein konkurrenzloses Geschäft aufgebaut, aber so unauffällig das Firmengebäude in einem Rosenheimer Gewerbegebiet ist, so unprätentiös sitzt auch Schmitz selbst einem gegenüber.

Bewegtes Leben als Unternehmer

Mit seinen 77 Jahren schaut er auf ein bewegtes Unternehmerdasein zurück. Er habe sein Leben lang Neues gewagt, sagt er rückblickend. Sei es das risikoreiche Geschäft mit der Wehrtechnik gewesen, oder die ständige Herausforderung, sich durch Innovationen Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten.

Die Firma ist für ihn nicht nur Mittel, um Geld zu verdienen: „Ich war im Herzen immer ein Techniker, der im Nebenberuf ein Unternehmen leitet.“ Sein großes Thema ist derzeit seine Nachfolge. Einen Teilhaber hat er schon, ein Techniker wie er selbst. Ihm möchte er gern jemanden zur Seite stellen, „am liebsten einen Messtechniker aus der Anlagenbranche.“ Bis dahin wird er sich weiterhin selbst um alles kümmern – und dabei gelegentlich bei der ebenfalls von ihm gegründeten Nachbarfirma Elnic vorbeischauen. Aber das ist eine andere, nicht minder spannende Geschichte.

CE-Kennzeichen und EMV

EU-Richtlinien legen für Produkte allgemeine Sicherheits- und Gesundheitsanforderungen fest, an die sich Hersteller zwingend halten müssen. Dies gewährleistet den freien Warenverkehr im EU-Wirtschaftsraum. Die CE-Kennzeichnung auf den Produkten, vom Wasserkocher über Sportboote bis hin zum Herzschrittmacher, ist dabei der „Reisepass“ und gehört auf Betriebsmittel, die elektromagnetische Störungen verursachen können oder deren Betrieb durch diese Störung beeinträchtigt wird. Die CE-Kennzeichnung darf erst erfolgen, wenn alle EU-Richtlinien erfüllt sind, die für das jeweilige Produkt gelten. Die Anforderungen definiert die EU-Richtlinie zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) 2014/30/EU. Rechtliche Informationen bietet Herstellern zum Beispiel die Bundesnetzagentur.

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