Plastik: Es geht um mehr als Einweg

von Redaktion

Die EU hat ein Gesetz für ein Verbot von Einweg-Plastik auf den Weg gebracht. Plastikbesteck, Trinkhalme und ähnliche Artikel sollen in knapp zwei Jahren Geschichte sein. Regional erzielen Discounter derweil Erfolge ohne Plastiktüten und tüfteln an neuen Verpackungen.

Mühldorf/Rosenheim – Wegwerf-Artikel aus Plastik sollen in spätestens zwei Jahren EU-weit verboten sein. Dann soll das eben ausgehandelte neue EU-Gesetz gegen Einwegplastik in Kraft treten. Discounter und der Lebensmitteleinzelhandel reagieren – etwa Netto, Aldi und Lidl – und wollen möglichst viele Einweg-Artikel aus dem Sortiment verbannen, etwa Trinkhalme.

Als besonders belastend für die Umwelt gelten jedoch nach wie vor Plastiktüten, die nicht kompostierbar sind, sondern sich zu Mikroplastikteilchen zersetzen.

Papiertüten nicht unbedingt besser

Laut Bundesumweltamt verwendet jeder Deutsche pro Jahr 76 Plastiktüten und 39 „Hemdchenbeutel“ für Obst und Gemüse. Zusammenkommen dabei insgesamt 95000 Tonnen Kunststoff.

Aldi Süd und Nord waren die ersten deutschen Händler, die im Sommer 2017 die Plastik-Flut eindämmten, indem seitdem Plastik-Einweg-Tüten sukzessive ausgelistet werden. Tragetaschen gibt es seitdem nur im Mehrweg-System. „Wir verzichten nicht nur auf die Plastik-Wegwerftüten, sondern auch auf die Papiervariante“, so Carolin Kunsleben, Sprecherin von Aldi-Süd. Ist die braune Papiertüte nicht eine gute Alternative zu Plastik? Nicht wirklich, erklärt Philipp Skorning, Leiter des Einkaufs und zuständig für Qualitätswesen und Soziale Verantwortung bei Aldi Süd. „Bei ihrer Produktion fällt ein höherer Energie- und Wasserverbrauch an, ihre Haltbarkeit ist gering und nach dem jetzigen Stand der Technik eben keine nachhaltige Lösung.“ Ende des Jahres sollen die Tüten vollständig ausgelistet sein. „Bis dahin haben wir den Preis der Einwegtüten von zehn und 15 Cent auf 20 Cent erhöht und spenden den Erlös an Umweltprojekte.“ Die Umstellung auf Mehrweg-Taschen würde von den Kunden gut angenommen. Die Tragetaschen bestehen laut Philipp Skorning aus über 80 Prozent Recycling-Material. Produziert werden sie in Deutschland. Aldi verfolgt seit einigen Jahren eine „Verpackungsmission“: Seit 2017 sind unter anderem über 30000 Tonnen Kartonagen und damit 24000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart worden, die ansonsten nach Benutzung und Vernichtung angefallen wären. Mit Plastik befasste man sich schon vor der EU-Initiative: Die Verpackungen vieler Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel mit Eco-Label bestünden aus 100 Prozent aus recyceltem Kunststoff, was laut Aldi wiederum jährlich über 100 Tonnen Primärkunststoff einzusparen helfe.

Einsparen ist das eine – von vornherein alternativ verpacken das andere. Ein Thema, an dem nicht nur konventionelle Hersteller tüfteln, sondern auch die Biobranche. Was man gerade dort für einen Teil des Branchenverständnisses halten könnte, ist laut Michael Moßbacher, Gründer von Byodo Naturkost in Mühldorf, vor allem auch eine finanzielle Frage – die Entwicklung nachhaltiger Verpackungslösungen sei eine Herausforderung, die sich kleinere und mittelständische Unternehmen seiner Branche nicht ohne Weiteres leisten könnten. Bei Byodo liefen aber beispielsweise Tests mit innovativen Folien aus Mais und Kartoffeln.

Öko-Verpackung versus Produktschutz

Laut Tanja Springer vom Byodo-Marketing stehe neben möglichst ökologischen Gesichtspunkten bei der Verpackung der Produktschutz an erster Stelle. „Genau das stellt bei vielen alternativen Materialien die Herausforderung dar. Es ist oft nicht gewährleistet, dass das Produkt durch die Verpackung vollständig vor äußeren Einflüssen geschützt ist.“ Für Byodo seien biobasierte Kunststoffe in jedem Fall die Zukunft, „doch gehört noch viel Entwicklungsarbeit dazu bis diese vollständig und in allen Bereichen problemlos und guten Gewissens nutzbar sind“. Im Bioladen am Firmensitz versucht Byodo, auf Plastikverpackungen zu verzichten. Kunden können etwa Nudeln, Wurst und Käse sowie warme Mahlzeiten in mitgebrachte Behälter füllen. Einwegbehältnisse gibt es auch, „sie bestehen aus biobasierten Materialien“.

Plastik-Markierung aus dem Chiemgau soll helfen, Kunststoffe zu sortieren

Kunststoff ist die Basis vieler Produkte, vom Skianzug über die Brotzeitbox bis hin zum Smartphone. Kerstin Gottschling und Arthur Haffner aus dem Chiemgau sind Chemie-Doktoranden an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und kritisieren: „Die fachgerechte Bedienung von neuen Produkten lernen wir schnell, ihre fachgerechte Entsorgung ist verbesserungswürdig.“ An der LMU haben sie mit Forschern unter der Leitung von Professor Heinz Langhals ein Projekt gestartet, das sich mit Plastikrecycling befasst. Die Forscher markieren Plastik mithilfe einer neuen Technologie mit nanopartikulären Kunststoffmarkern. Bei Lichtanregung senden diese ein Fluoreszenzsignal aus und können mit entsprechenden Detektoren einer Recyclinganlage aufgespürt werden. Die organischen Marker sollen ein Migrieren und Austreten aus Kunststoffen verhindern. Der Verbraucher bemerkt die Markierung im Kunststoff nicht; die Detektoren einer Sortieranlage dagegen erkennen den unterschiedlich markierten Plastikmüll und können so effizient etwa PP, PE oder PA trennen. „Wirtschaftlich könnte dies bereits bald für die Wiederverwertung sehr hochwertiger Kunststoffe umgesetzt werden“, so Arthur Haffner.

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