Rosenheim – Es klingt verrückt: Ausgerechnet die Digitalisierung ist die Ursache, dass Papier ein immer knapperes Gut wird. Schuld sind zum einen der gestiegene, persönliche Pro-Kopf-Verbrauch. Dieser liege bei jedem von uns bei 250 Kilo pro Jahr, so der Verbraucherservice Bayern. Zum anderen ist Papier als Verpackungsmaterial extrem gefragt und zwar aufgrund des weltweiten Online-Handels. Rund 11,8 Millionen Tonnen an Pappe und Karton wurden zuletzt allein in Deutschland nur dafür produziert.
Die OVB-Heimatzeitungen haben bei ihrem hausinternen Experten Peter Höllbauer zum Thema Papiermarkt nachgefragt. Er leitet seit 2014 die Druckerei des OVB-Medienhauses mit 45 Mitarbeitern, seit fast vier Jahrzehnten ist er in der Druckbranche tätig.
Der europäische Papiermarkt gilt seit vergangenem Jahr als angespannt. Was sind die Hintergründe?
Zu beobachten ist eine enorm gestiegene Nachfrage nach Papier aus dem Ausland. Zusätzlich hat die Situation am Papiermarkt mit dem veränderten Konsumverhalten der Verbraucher zu tun: Immer mehr Waren werden online bestellt, es wird mehr Verpackungsmaterial benötigt. Zahlreiche Papierfabriken in Europa und auch in Deutschland konzentrieren sich verstärkt auf die Produktion von Packpapier. Die Produktion von Zeitungspapier hat dagegen etwas abgenommen, was sich auf den Preis auswirkt: 2018 gab es eine Erhöhung von rund zehn Prozent, damit ist auch 2019 noch einmal zu rechnen.
Braunes Recycling-Papier galt immer als günstig. Jetzt hat es das weiße im Preis überholt. Warum?
Unser Altpapier wird aus Kostengründen zunehmend zur Weiterverarbeitung ins Ausland exportiert, vor allem nach Asien. Dort herrscht außerdem ein großer Bedarf speziell an Recyclingpapier, so dass dem europäischen Markt weniger zur Verfügung steht. Einer unserer Lieferanten mischt zum Beispiel zu seinem Papier mit 80 Prozent Recyclinganteil aktuell 20 Prozent Frischfaser aus Cellulose. Das ist im Moment günstiger als Altpapier. Wir im Druckzentrum verwenden allerdings nach wie vor auch 100 Prozent recyceltes Papier.
Gibt es Engpässe bei der Papier-Bestellung?
Ich plane immer im November die benötigte Papiermenge für das kommende Jahr. Für 2019 habe ich 5000 Tonnen Bedarf kalkuliert und darf mir da keinen Fehler erlauben, weil eine Nach-Order tatsächlich schwer realisierbar ist, selbst im Ausland. Wir verwenden ausschließlich in Deutschland hergestelltes Papier von namhaften Herstellern, wegen der guten Papierqualität und weil ihre Maschinen auch nach Umweltstandards zertifiziert sind. Da kann Papier aus internationaler Herstellung – Russland zum Beispiel – unserer Erfahrung nach nicht mithalten.
Welche Papiermengen braucht man, um die Heimatzeitung herzustellen, und welche Kosten stecken dahinter?
Unser Zeitungspapier kommt auf Rollen in drei unterschiedlichen Breiten. Eine Rolle in voller Breite wiegt etwa 1,25 Tonnen und kostet derzeit rund 625 Euro. Sie liefert 20000 Meter Papier. Damit könnte man eine Fläche von 28000 m² auslegen oder rund drei Hektar – eine Rolle reicht für etwa 7000 Zeitungen. Für eine Wochenendausgabe der Heimatzeitung mit durchschnittlich 48 Seiten brauchen wir rund zehn Rollen Papier, insgesamt 13 Tonnen. Würde man das Papier ausrollen, ergäbe das eine Strecke von 200 Kilometern. Also etwa so weit, wie man von Rosenheim nach Bozen für einen Cappuccino fahren könnte. Interview: Elisabeth Sennhenn