Waldkraiburg – 900 Portionen Gummibärchen können in einer Minute gewogen werden – auf das Gramm genau. Damit hat die Atoma-Multipond GmbH aus Waldkraiburg 2017 die Messlatte in der Wägetechnik noch weiter hochgeschraubt, als es bislang schon der Fall war. Schneller, genauer, intelligenter: Das ist seit Jahren die Marschrichtung des inhabergeführten Unternehmens, das seit seiner Gründung vor über 70 Jahren auf die Entwicklung von Mehrkopfwagen für die Industrie spezialisiert ist.
Die Waagen sehen aus wie mehrstöckige Rondelle, an denen eine Vielzahl von Behältern angebracht ist. Manche Mehrkopfwaagen sind raumfüllend, andere so kompakt, dass sie auf einen Küchentisch passen. Der Begriff „Waage“ ist eigentlich eine Untertreibung: Mehrkopfwaagen sind komplexe Hightech-Maschinen, bei denen Funktionen wie Kombinieren, Zählen, Mischen, Dosieren zur Grundausstattung gehören.
Technik ist weltweit im Einsatz
Das professionelle Verwiegen von Produkten passiert dabei in rasender Geschwindigkeit. Damit das funktioniert, muss unter anderem eine Mehrkopfwaage gleichmäßig mit einem Produkt beschickt werden und das gelingt am besten mithilfe von Vibrationstechnik. Mit den Mehrkopfwaagen aus Waldkraiburg werden weltweit Gewürze, Hartkäse, Fleischbällchen, Wildgulasch, tiefgekühlte Fische, Granulate, Gemüse und Obst, Nüsse, selbst Salatblätter über Dosierrinnen und Behälter befördert, um schlussendlich exakt abgewogen in der Verpackung zu landen.
Geliefert werden die Maschinen in 44 Länder. Die meisten Kunden kommen aus der Nahrungsmittelindustrie, manche auch aus dem Non-Food-Sektor.
Gebaut wird modular: „Ein Grundbaustein an Bauteilen ist vorhanden, die Maschinen werden dann auf die Anforderungen der Kunden zugeschnitten“, erklärt Entwicklungsleiter Wolfram Zeck. Die seien sehr speziell: „Eine gezuckerte Süßigkeit verhält sich anders als ein Gummibärchen. Selbst Käse ist nicht gleich Käse.“
Besonders widerspenstig verhalten sich proteinhaltige Produkte wie Frischfleisch und Fisch: „Die werden vielerorts noch manuell gewogen“, so Zeck. Der Grund: Proteinhaltige, klebrige Substanzen lassen sich nur schwer automatisiert verarbeiten. Die Waldkraiburger Konstrukteure haben hierfür spezielle Oberflächenprofile entwickelt und mit Formen experimentiert, damit Frischfleisch auf den vibrierenden Dosierrinnen nicht haften bleibt.
Innovationsgetriebe Branche
Um Bauteile möglichst hygienisch zu gestalten, werden sie mit einem 3 D-Metalldrucker gefertigt. Für Kunden aus der Nahrungsmittelbranche spielen Hygienestandards eine zentrale Rolle. „Dabei geht es vorrangig um eine einfache und sichere Reinigung der Waagen“, erklärt Andreas Peters, der die Gesamtleitung Entwicklung verantwortet. „Wenn ein Hochdruckreiniger mit 100 bar auf eine Maschine trifft, müssen die Bauteile das aushalten.“ Die seien robust und so geformt, dass Flüssigkeiten leicht ablaufen und sich Bakterien und Schmutz gar nicht erst ablagern können. „Hier ist es uns gelungen, in vielen Bereichen mit Innovationen zu punkten“, so Peters.
Beim Thema Kalibrierung ist das Unternehmen nach eigenen Angaben Weltmarktführer: Als einziger Hersteller von Mehrkopfwaagen arbeite man mit einem eingebauten Kalibriersystem. „Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Schwingungen können auf Dauer Messergebnisse verfälschen. Unsere Waagen korrigieren diese Abweichungen selbstständig während der Produktion, wobei eingebaute Kalibriergewichte einen Referenzwert liefern“, erläutert Wolfram Zeck. Die gleichbleibende Genauigkeit sorgt dafür, dass kein Gramm Rohstoff verschenkt wird.
Vor allem bei teuren Rohstoffen wie Tee oder Kaffee ist das ein gewichtiges Argument. An dem Motto, das Firmengründer Wilhelm Ludwig Krämer senior vor 70 Jahren ausrief, „schnell und gleich richtig“, habe sich nichts geändert, betont Zeck.
Ein eigens entwickeltes 3D-Kamerasystem soll das Verwiegen noch effizienter machen. Das Kameraauge überwacht jede Dosierrinne und gibt den Vibratoren Feedback, die dann die Produkte noch gleichmäßiger steuern können. Mithilfe der Daten soll die Maschine außerdem „Erfahrungen“ sammeln und lernen, Situationen zu erfassen, zu analysieren und eigenständig Lösungen zu finden.
In Waldkraiburg befassen sich die Ingenieure auch mit der Benutzerfreundlichkeit: „Das Verhalten der Maschinenbediener hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Für uns ist es wichtig, Erkenntnisse aus der Beziehung zwischen Mensch und Maschine zu gewinnen und in die Benutzerführung miteinfließen zu lassen“, erklärt Maschinenbauer Felix Profe. Die Waagen sollten leicht verständlich zu bedienen sein.
Zeichen stehen weiter auf Expansion
Aktuell laufen 14 aktive Patente, unter anderem für das 3 D-Auge oder für spezielle Oberflächenprofile.
Entwicklung und Produktion befinden sich in Waldkraiburg und das soll so bleiben. Erst 2014 wurde in einen Kühlraum und in ein Technikum investiert. „Dort können wir die Produktionsbedingungen des Kunden ideal nachstellen“, erzählt Peters. Seit Kurzem wird wieder gebaut: Auf dem Firmengelände an der Traunreuter Straße entsteht ein Neubau. „Ein klares Bekenntnis zur Region“, so Peters.