Rosenheim – Rund 18 Prozent der deutschen 50- bis 69-Jährigen nutzen Facebook mindestens wöchentlich, zehn Prozent täglich. Vier Prozent der über 70-Jährigen loggen sich mehrmals täglich ein. Das zeigt der aktuelle Social Media Atlas 2017/18 von ARD und ZDF.
Marina Gründel, die seit 2017 an der Rosenheimer Volkshochschule Social Media-Kurse gibt, kann diesen Trend bestätigen: „Gut 80 Prozent meiner Kursteilnehmer sind älter als 50 Jahre.“ Insgesamt hat sie bislang über 100 Menschen Facebook & Co. nähergebracht und sagt aber auch: „Was die private Nutzung von Facebook angeht, reagieren ältere Personen oft recht skeptisch.“ Sie hätten eher Bedenken, etwas Falsches zu posten oder zu viel von sich preiszugeben: „Sie möchten am liebsten so wenig Daten wie möglich veröffentlichen.“
Beruflich eher akzeptiert als privat
Ganz anders sehe es aus, wenn es um die berufliche Nutzung der Plattform gehe: Auch zu ihrem Kurs „Werbung schalten auf Facebook & Co.“, der mehrmals im Jahr stattfindet, meldeten sich vornehmlich ältere Teilnehmer an. „Viele von ihnen machen sich mit 50 noch mal selbstständig oder müssen sich beruflich umorientieren. So ungern sie Facebook privat nutzen würden, sie sind sich bewusst, dass die Plattform ihnen helfen kann, etwa gezielt Kunden anzusprechen.“ In diesem Zusammenhang leuchte es einfach ein, Daten offenzulegen. „Oft ist es älteren Nutzern auch unangenehm, einen Account unter ihrem richtigen Namen anzulegen. Ich erkläre ihnen im Kurs dann, dass Facebook authentische Profile möchte. Auch das ist im beruflichen Kontext für die meisten nachvollziehbar.“ Aufklärung, so Gründel, sei in den Kursen generell wichtig: „Alles, was man hochlädt, wird gespeichert, und dann ist es nicht mehr das private Eigentum“, warnt sie. Insofern hält sie Skepsis gegenüber sozialen Medien für gerechtfertigt und betont: „Den gesunden Menschenverstand sollte man nie ausschalten.“
Wachsam sein, ohne den Spaß zu verlieren
Denn den „Enkeltrick“, bei dem sich ein Krimineller älteren Menschen gegenüber als Verwandter ausgibt, der dringend Geld brauche, gäbe es längst auf Facebook. Auf dubiose Anfragen nach Geld oder einem Privatkredit sollte man daher gar nicht erst reagieren. Sie vergleiche das mit der netten, fremden Person, die der älteren Dame die schweren Einkäufe vor die Tür trägt. Diese würde man schließlich auch nicht gleich zum Kaffee hereinbitten.
Wer Facebook nutzen möchte, aber am liebsten „echte“ soziale Kontakte knüpfen will, dem empfiehlt Gründel regionale Facebook-Gruppen (siehe Infokasten): Ob Hundefreund, Bergfex oder Zugezogener: Gerade für ältere Nutzer ergäben sich neue Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu finden, sein Hobby mit anderen zu teilen und Anschluss zu finden. So hat es etwa Michael Inneberger gemacht. Der 50-Jährige hat 2015 die Gruppe „Chiemgau – Do bin i dahoam“ gegründet, die aktuell 6500 Mitglieder hat.
Virtuelle Gruppe trifft sich auch „in echt“
Darin vernetzen sich Menschen aus dem Chiemgau, etwa um Erinnerungen, Impressionen, Geschichten, Neuigkeiten, Gemeinsamkeiten, Veranstaltungen und die Liebe zur Natur auszutauschen. Pro Tag erzeuge die Gruppe im Schnitt 2416 Reaktionen, 401 Kommentare und 59 Beiträge. Als vor Kurzem wegen des Schnees der Katastrophenfall im Landkreis galt, habe die Gruppe Höchstwerte von 160 Beiträgen und über 4000 aktive Mitglieder täglich erreicht. Zweimal habe man sich bisher persönlich getroffen, jedes Mal kamen über 50 Mitglieder. Demnächst rechnet Inneberger mit bis zu 250 Teilnehmern. „Mehrere Mitglieder haben sich bereits zu einer gemeinsamen Nachtwanderung um den Chiemsee getroffen“, erzählt Inneberger.
Angst davor, aus Versehen etwas zu privates in die virtuelle Welt hinauszusenden, muss hier offenbar niemand haben. Gruppen-Gründer Inneberger lobt viel mehr den guten Umgangston innerhalb der Gruppe, was angesichts der Mitgliederzahl nicht selbstverständlich sei: „Der freundliche Umgang und der Respekt untereinander ist das wichtigste Gut, was wir uns hier schenken können.“ Er habe sogar das Gefühl, der Chiemgau sei „durch diese Gruppe näher zusammengewachsen.“