Die Trinkflasche fürs gute Gewissen

von Redaktion

In der Arbeit, Schule oder Freizeit: Die wieder befüllbare Plastikflasche ist aus dem Alltag kaum wegzudenken. Doch haben sie ihren Dienst getan, vergrößern die Trinkflaschen den Berg aus Plastikmüll. Ein Gründer aus der Region kämpft dagegen an.

Plastikflaschen, angespült an einem Strand. Foto dpa

Feldkirchen-Westerham – Auf den ersten Blick sieht die Bayonix-Trinkflasche, die Stefan Hunger aus Feldkirchen-Westerham entwickelt hat, aus, wie eine ganz normale Plastikflasche. Das Logo, das sie ziert, stellt eine Bazille dar, die bei der Verrottung der Flasche übrig gebliebene Mikropartikel fressen könnte. Wenn denn etwas übrig bliebe. Denn seine Trinkflaschen, erklärt der Gründer der Firma Bayonix, seien eben nicht wie die anderen. „Vielmehr sind sie eine sinnvolle und vor allem nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Modellen.“

Buchlektüre verändert Leben und Beruf

Als der gelernte Industriemeister Hunger im Jahr 2016 mit der Idee spielte, sich selbstständig zu machen, verfolgte er zunächst ein anderes Projekt. Ahornwasser sei damals gerade das Lifestyle-Getränk schlechthin gewesen, schildert er, und er wollte es aus den USA nach Deutschland importieren. Das Geschäftsmodell sollte auf ganzer Linie – von der Produktion bis hin zur Verpackung – nachhaltig sein. Ein Anliegen, das sich nach der Lektüre des Buches „Cradle to Cradle“ („Von der Wiege bis zur Wiege“) entwickelte. Geschrieben haben das Buch, das ein Bestseller wurde, der amerkanische Architekt und Umweltschützer William McDonough und Professor Dr. Michael Braungart, Leiter des Hamburger Umweltinstituts und Gründer des Hamburger Instituts für Internationale Umweltforschung, EPEA. Beide formten aus dem „Cradle-to- Cradle“-Prinzip in den 1990ern ein Designkonzept, welches die Natur zum Vorbild hat. Produkte, die nach dem Prinzip einer potenziell unendlichen Kreislaufwirtschaft konzipiert werden, können von C2C offiziell zertifiziert werden. „Dieses Prinzip sieht vor, keinen Abfall mehr zu erzeugen, indem jedes Produkt wieder Grundlage für neues Leben und Rohstoffe wird“, fasst Hunger die zugrunde liegende Idee zusammen. Genau diesen Weg wollte auch er gehen. Immer noch das Importgeschäft von Ahornwasser verfolgend, ließ er sich von Albin Kälin, Gründer und Geschäftsführer von EPEA in der Schweiz, beraten. Wie Braungart gilt auch er als Koryphäe auf dem Gebiet C2C.

Kälin berät Unternehmen im gesamten Alpenraum, wie sie komplett nachhaltige Produkte entwickeln können. „Er wollte genau wissen, wie ich zum Thema Nachhaltigkeit stehe und hat mich bis ins Detail ausgefragt“, erzählt Stefan Hunger rückblickend. Im Laufe dieses Prozesses verwarfen beide Hungers die Idee vom nachhaltigen Ahornwasser – „zu kompliziert, zu kostspielig, zu risikoreich.“ Stattdessen fiel ihnen etwas ein, das es so bisher noch nicht gab: eine Trinkflasche aus Kunststoff und damit bruchsicher, aber ohne Geruchsbildung und ohne giftige Stoffe abzugeben. „Und kompostierbar sollte sie sein.“ So entstand schließlich Bayonix.

Deshalb kommt ein erdölbasiertes Polymer zum Einsatz, das C2C-zertifiziert ist und bei der damit verbundenen Prüfung die höchste Stufe im Bereich Materialgesundheit, „Platin“, erreicht hat. „Die verwendeten Materialien, Chemikalien und Farbstoffe sind komplett umweltverträglich“, erklärt Hunger. „Dadurch wird es möglich, die Trinkflaschen in biologische oder technische Kreisläufe zurückzuführen.“

Keine leichte Aufgabe –sondern zeitintensiv und nervenaufreibend. Kein Wunder, dass es kein Beispiel aus der mächtigen Kunststoffbranche gibt, die sich an einem solchen Produkt versucht. Stefan Hunger erzählt, er habe über 70 kunststoffverarbeitende Betriebe kontaktiert, bis er schließlich einen fand, der seine hohen Nachhaltigkeitsansprüche erfüllte und das Material in gewünschter Form verarbeiten konnte.

Selbst das Werkzeug dazu musste erst entwickelt werden. Mitte 2017 war es soweit, und Hunger war darin maßgeblich involviert. Die Produktion der Flaschen bestand laut Hunger dann aus viel „Versuch und Irrtum“. Denn die Verarbeitung des Materials, dem bewusst keine der umweltschädlichen Additive und Problemstoffe beigemengt wurden, erwies sich zunächst als kompliziert und war für die Partner des Gründers Neuland. Aus den geplanten drei Monaten Entwicklungszeit wurden neun, bis sich erste zufriedenstellende Ergebnisse zeigten.

Die ersten Flaschen konnte Hunger im Sommer 2018 auf den Markt bringen, die Serienproduktion läuft seit November.

Die Trinkflaschen kosten rund 30 Euro und passen in jeden Flaschenhalter am Fahrrad. Außerdem kann man daran einen Standardkarabiner befestigen, sodass sie sich zum Beispiel auch für Bergsportler eignen. Hunger vertreibt sie momentan im eigenen Onlineshop und in ausgewählten Läden der Region.

Produktentwicklung läuft auf Hochtouren

Hat er 2016 sein Start-up neben seinem Hauptberuf geführt, arbeitet der Westerhamer seit Anfang 2017 in Vollzeit an seinem Projekt. Noch macht er alles selbst – von der Produkt- und Verpackungsentwicklung über Marketing, Einkauf, Versand bis hin zur Buchhaltung. Die Unternehmensgründung hat er selbst finanziert. „Eine Kooperation mit einem externen Investor käme nur infrage, wenn dieser den hohen Nachhaltigkeitsstandard halten kann“, ist seine Überzeugung.

Mittelfristig will er mehrere Produkte auf den Markt bringen, wie kleinere Flaschen für Kinder. Außerdem tüftelt er gerade an der Hitzebeständigkeit der Bayonix-Flaschen.

Im Moment seien sie unter 45 Grad Wassertemperatur waschbar, sollen sich aber künftig auch für die Spülmaschine und für Heißgetränke eignen: „Dann wären die Flaschen auch als Mehrwegbecher sowie für Konzert- und andere Großveranstalter interessant.“ Langfristig will er den Markt revolutionieren und so groß werden, dass er weitere Materialien und Produkte entwickeln kann – „natürlich nach dem Prinzip Cradle to Cradle!“

800 Millionen Kunststoffflaschen pro Jahr in Deutschland – Abbau braucht 450 Jahre

Rund 90 Milliarden Liter Wasser werden jährlich weltweit in Plastikflaschen abgefüllt. Geschätzt 35 Milliarden dieser Flaschen landen jährlich in den Weltmeeren und auf Mülldeponien. Zwischen Hawaii und dem amerikanischen Festland treibt eine Plastikinsel so groß wie Mitteleuropa. Sie wiegt drei Millionen Tonnen. Mikrofeine Teilchen davon gelangen über die Nahrungskette auf unsere Teller. Für die Produktion einer handelsüblichen Kunststoff-Einweg-Flasche fallen drei Liter Wasser und rund 300 ml Erdöl an. Erst nach gut 450 Jahren wäre eine solche Flasche auf natürliche Weise abgebaut. Flaschenwasser belastet laut Experten die Umwelt bis zu 1000-mal mehr als Leitungswasser. In den USA werden pro Sekunde 1500 Plastikflaschen verbraucht; in Deutschland sind es pro Jahr 800 Millionen Flaschen.

2009 zeigten Frankfurter Wissenschaftler: In handelsüblichen Plastikflaschen gefüllte und in deutschen Supermärkten gekaufte Mineralwässer enthalten hormonell wirksame Schadstoffe, die Erwachsene und besonders Föten und Kleinkindern gesundheitlich schaden können. Gefunden wurden unter anderem Lösungsmittel und Weichmacher wie Phthalate, Antimon sowie Bisphenol A.

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