„Sind überzeugt, harter Brexit kommt“

von Redaktion

IHK bereitet mit Brexit-Roadshow auf das „Worst-Case“-Szenario vor

Rosenheim – Weicher Brexit, harter Brexit oder gar kein Brexit? Der Countdown bis zum 29. März läuft und aktuell weiß niemand, was danach geschehen wird. Die IHK für München und Oberbayern bereitet die Unternehmen jetzt mit einer Brexit-Roadshow in der Region auf das „Worst-Case“-Szenario vor. Fünf Stationen stehen auf dem Programm. Nach Weilheim folgte nun Rosenheim. „Wäre es doch noch zu einer Einigung zwischen der britischen Regierung und der EU gekommen, wären diese Veranstaltungen gar nicht nötig gewesen“, erzählte Wolfgang Janhsen im Gespräch mit unserer Zeitung.

Harter Brexit trifft etwa Milchverarbeiter

Das Interesse an der „Brexit-Roadshow“ ist dementsprechend hoch. Über 100 Anmeldungen gingen alleine für die Veranstaltung im Hotel Crombach in Rosenheim ein. „Es gibt sogar eine Warteliste“, so Janhsen. Die Teilnehmer haben bei der Veranstaltung die Möglichkeit, mit Experten ihres zuständigen Hauptzollamtes über Einfuhr- und Ausfuhrbestimmungen sowie das Abc zu Zootarif, EORI-Nummer und Bewilligungen ins persönliche Gespräch zu kommen und Fragen zu klären. Die aktuelle Planungslage für Unternehmen sei unsicher – von Angst vor der Zukunft wollte Janhsen nicht sprechen: „Aber es ist klar, dass man handeln muss.“ Bei einem ungeordneten Brexit müssten sich die Unternehmen auf zusätzliche Aufgaben und damit auf höheren Zeitaufwand einstellen.

Tatsächlich wird der harte Brexit immer wahrscheinlicher, wie aus den Ausführungen der Experten der Brexit-Roadshow hervorging. So ist davon etwa Günther Dürndorfer, Berater Zoll- und Außenwirtschaftsrecht, überzeugt. Auch Dr. Alexander Börsch, Chefökonom und Forschungsleiter der Münchener Beratungsgesellschaft Deloitte, hält dieses Szenario für immer realistischer. „Die Parteien in Großbritannien sind zerrissen und können sich nicht einigen. Die Irland-Frage scheint unlösbar“, fasst er den aktuellen Stand der Dinge zusammen.

Kommt es zum harten Brexit, hat das direkte Auswirkungen auf deutsche Unternehmen. Besonders betroffen sind Alexander Börsch zufolge Autoindustrie, Milchverarbeiter und Schuhhersteller.

Generell rät der Experte allen Unternehmen, „genau zu schauen, wo und wie es das eigene Unternehmen trifft und sich einen Notfallplan zurechtzulegen“. Einstellen müssen sich Unternehmen, die mit Großbritannien Geschäftsbeziehungen pflegen, auf jeden Fall schon mal mit Lieferstaus, ist sich Günther Dürndorfer sicher.

Maximilian Knott, Geschäftsführer der Knott Holding GmbH mit Sitz in Eggstätt, rechnet für sein Unternehmen mit deutlichen Lieferverzögerungen nach dem 29. März. „Unser Hauptaugenmerk liegt daher auf Störung der Lieferketten“, sagte er bei der Podiumsdiskussion. Knott entwickelt, konstruiert, produziert und vertreibt Fahrwerkskomponenten für Anhänger und Bremssysteme für Nutzfahrzeuge. „Wir sind nicht wie die Automobilindustrie in der Lage, Verzögerungen lange abzufedern“, stellte Knott klar. Derzeit fahre sein Unternehmen schon die Lagerbestände hoch: „Das verschafft uns einen vierwöchigen, zusätzlichen Puffer. Kommt es danach zu weiteren Verzögerungen, hat das direkte Auswirkungen auf uns.“

Martin Laux, Key Account Manager des Transportunternehmens time:matters aus Neu-Isenburg riet den Unternehmen, sich bereits jetzt Flugrechte für die letzten Märzwochen zu sichern: „Den gesamten Lkw-Verkehr dann in die Luft zu bringen, wird zum Problem werden.“ Für sein Unternehmen sieht er aber selbst bei einem harten Brexit durchaus Entwicklungschancen: „Wir wollen eine Vorreiterrolle einnehmen und eine neue Luftbrücke installieren“.

„Eine Luftbrücke ist schon mal eine gute Nachricht“, meinte dazu Philipp Axamit, beim Arnold & Richter Cine Technik (ARRI) – einer global tätigen Unternehmensgruppe der Film- und Medienbranche, die auch in Riedering einen Sitz hat. Im Falle eines harten Brexit sei auch bei seiner Firma durchaus Betroffenheit gegeben. Er rechnet mit Mehrkosten durch den Zoll. Für den Fall, dass es am 29. März tatsächlich zum „Worst-Case“ kommen wird, hat er sich schon ganz pragmatische Ansätze überlegt: „Unsere Filmkameras sind klein und kompakt. Dann packen wir sie eben in Koffer und steigen ins Flugzeug, um so unsere Waren weiterhin nach England zu bringen.“

Sich mit Thema Zoll vertraut machen

Beim Zollamt spürt man derzeit noch keine große Unsicherheit bei den heimischen Unternehmen. „Kommt es zum harten Brexit, wird aus Großbritannien ein Drittland. Der Handel mit Drittländern ist aber für viele Unternehmer nichts Neues“, erklärt die Pressebeauftragte des Zolls, Patricia Kaiser.

Firmen, die bisher nur innerhalb der EU Geschäfte gemacht haben, rät Johanna Wegner, IHK Referatsleiterin für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht, sich baldmöglichst mit dem Thema „Zoll“ vertraut zu machen. Außerdem ist es nach den Worten der IHK-Steuerreferentin Katja Reiter für alle Unternehmen ratsam, noch einmal alle Verträge unter die Lupe zu nehmen und sich ihre Waren- und Lieferströme genau anzuschauen, damit es nach dem 29. März nicht zu unliebsamen Überraschungen kommt. wu

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