Rosenheim/Stockholm – Vor nicht einmal 14 Tagen bezeichneten Kathrein und Ericsson Gerüchte über einen Verkauf der Kathrein-Kernsparte „Products“ auf Anfrage unserer Zeitung noch als „Spekulation“. Nun verkauft der Rosenheimer Kommunikationstechnik-Spezialist das Antennen- und Filtergeschäft im dritten Quartal an die Schweden.
Rund 4000 Mitarbeiter betroffen
Die Belegschaft der Werke in Rosenheim und Thansau sowie an 20 Auslandsstandorten wurde gestern darüber informiert. Betroffen vom Verkauf der Sparte sind in Rosenheim 1000 Beschäftigte sowie 4000 Mitarbeiter in Deutschland, Rumänien, Mexiko, China und den USA. Zurück bleiben in Kathrein-Hand 350 Mitarbeiter, davon 170 in Rosenheim.
Wie es heißt, gehen ihre Arbeitsverhältnisse im Zuge der Übernahme an Ericsson über, wenn das Genehmigungsverfahren gegen Ende September zum Abschluss kommt (siehe Infokasten). Die verkaufte Sparte wird bei Ericsson in den Bereich Networks eingegliedert.
Standort bleibt zunächst erhalten
Für die vom Verkauf betroffenen 1000 Beschäftigen in Rosenheim ändere sich „im ersten Schritt nichts, bis der Verkauf im dritten Quartal abgeschlossen ist“, teilt Kathrein über seine Sprecher Anton Maier und Katharina Martin mit. Die bestehenden Standorte, darunter Rosenheim, werde Ericsson übernehmen und weiterentwickeln. Die meisten Mitarbeiter würden weiterhin am gleichen Standort arbeiten wie heute.
Allerdings: Zu langfristigen Plänen könne man sich nicht äußern, so das Unternehmen. Über künftige Beschäftigungsorte entscheide nach Abschluss der Genehmigungsprüfung durch die Aufsichtsbehörden das Unternehmen Ericsson.
International arbeiten für Kathrein derzeit noch 4850 Mitarbeiter. Im Oktober 2018 beschäftigte die Gruppe noch 7100 Menschen, verkaufte dann die Automotive-Sparte (wir berichteten). Es sei geplant, diese Geschäftsbereiche so aufzustellen, dass sie wirtschaftliche Eigenständigkeit erlangen könnten, teilte die Kathrein SE den OVB-Heimatzeitungen auf Nachfrage mit. Bei den zuletzt vermeldeten Kathrein-Plänen, in Rosenheim und international jeweils 250 Arbeitsplätze abzubauen, bleibt es.
Mit dem vielversprechenden Antennen- und Filtergeschäft machte Kathrein 2018 270 Millionen Euro Umsatz. Sie verantworten laut Fredrik Jejdling, Executive Vice President und Leiter des Geschäftsbereichs Networks, künftig weiterhin Kathrein-Experten. Auch für sie soll sich der Einsatzort nach aktueller Aussage erst einmal nicht verändern. Jejdling zufolge stärke die Übernahme die eigene Antennenkompetenz und ermögliche es Ericsson, den für die Einführung von 5G erforderlichen Raum an Mobilfunknetzstandorten weiter zu optimieren.
Ericsson wappnet
sich für 5G-Markt
Ericsson erwirbt mit dem Products-Betrieb die Forschungs- und Entwicklungszentren in Rosenheim und in Dallas (USA), dazu die Produktionskompetenz und -anlagen in China, Mexiko, Rumänien und Deutschland, dazu den Kundenstamm und den Außendienst in mehr als 20 Niederlassungen. Mit der Übernahme wechselt auch die Sammlung eingetragener Patente den Eigentümer. Über den Kaufpreis haben beide Parteien Stillschweigen vereinbart.
Mit dem Verkauf an den langjährigen Technologiepartner wolle man „angesichts der strategischen Optionen und des weiter zunehmenden globalen Wettbewerbs im Mobilfunkbereich“ die Zukunftsfähigkeit dieses bedeutenden Geschäfts sichern, äußerte sich Geschäftsführer Anton Kathrein.
„Mit der Übernahme durch Ericsson ergeben sich für Kathreins Antennen- und Filtergeschäft sowie dessen Beschäftigte exzellente Aussichten beim neuen Mobilfunkstandard 5G.“
Die Schweden rüsten sich seit Längerem für die neue Technologie und investierten zuletzt verstärkt in diesen Bereich.
In Nordamerika konnte der Konzern, der selbst zuletzt saniert wurde, bereits mit eigenen Lösungen für 5G-Netzbetreiber Fuß fassen. Zwar rutschte der skandinavische Netzwerkausrüster im vierten Quartal 2018 „wegen Umbaukosten“ in die roten Zahlen und schloss 2018 mit einem Minus ab, überraschte die Börsen-Analysten im Januar aber mit einem zehnprozentigen Erlös-Plus von zuletzt 63,8 Milliarden Kronen. Die aktuelle Übernahme-Nachricht wurde von der Börse positiv aufgenommen. Die Ericsson-Aktie quittierte dies kurzzeitig mit einem Plus von 0,17 Prozent bei 8,31 Euro.
Betriebsrat: Vier
harte Jahre vorbei
Kathrein-Betriebsratsvorsitzender Markus Unterleitner beschreibt die Stimmung im Betrieb aktuell als positiv, wenn auch noch längst nicht alles rundum gut sei: „Man darf nicht vergessen, dass die Kollegen vier Jahre Umstrukturierung und Entlassungen hinter sich haben.“ Nachdem in der Vergangenheit immer wieder Namen möglicher Käufer herumgeschwirrt waren – Nokia etwa oder Huawei –, freue man sich, dass nun die langjährigen Partner aus Schweden einstiegen: „Ericsson gilt als soziales Unternehmen.“
Es gelte zudem als sicher, dass mit den Arbeitsverhältnissen alle tariflichen Ansprüche der Arbeitnehmer von Ericsson übernommen werden – neue Arbeitsverträge gebe es keine. Als Betriebsrat sei man gut in den jüngsten Prozess eingebunden gewesen, so Unterleitner. Jetzt wünsche er sich nur noch, dass mit der neuen Sicherheit durch den Verkauf auch die zuletzt zurückhaltenden Kunden wieder Vertrauen ins Unternehmen fassten. „Was wir jetzt brauchen, sind Bestellungen.“
Das 100-jährige Bestehen, das 2019 gefeiert werden soll, wollen die Kathreiner dem Unternehmen zufolge übrigens gemeinsam mit dem neuen Gesellschafter Ericsson begehen.