Kolbermoor – Künstliche Intelligenz, davon reden im Moment alle. Josef Willkommer, Kolbermoorer IT-Unternehmer, befasst sich intensiv mit der Technologie. Den OVB-Heimatzeitungen schildert Willkommer – wie vorige Woche auch in der technischen Hochschule – seine China-Eindrücke im Hinblick auf KI, die er während einer IT-Konferenz in Shenzhen gesammelt hat. Shenzhen ist eine MegaCity, im Süden vor Hongkong gelegen, und wird auch das Silicon Valley Chinas genannt.
Künstliche Intelligenz: Wird sie überbewertet oder gehört sie bald schon zum Leben?
Aus meiner Sicht ist Künstliche Intelligenz deutlich mehr als ein Hype. Auch wenn derzeit viele Entwicklungen oft (noch) wenig mit wirklicher, Künstlicher Intelligenz zu tun haben. Zum Beispiel, wenn es um neue Softwareprodukte geht. Häufig handelt es sich eher um „einfache“ Datenanalyse, eventuell mit entsprechenden Prognosen oder Vorhersagen. Technologieberater beobachten, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema Deep Learning, dem KI zugeordnet werden kann, aktuell auf dem Höhepunkt befindet. Nach der ersten Euphorie wird aber auch hier eine Phase kommen, innerhalb derer sich viele Ideen als nicht realisierbar oder wenig relevant herausstellen. Ich würde sagen, dass wir in Deutschland mit KI erst am Anfang stehen und hier in den kommenden zwei bis fünf Jahren noch einiges passieren wird. Diese Technologie wird uns künftig in sehr vielen Bereichen unseres täglichen Lebens immer häufiger begegnen.
Zum Beispiel wo?
Etwa im Bereich Finanzen durch Fin-Tech-Unternehmen, die den angestammten Banken zunehmend Konkurrenz machen. Schon jetzt ist dort KI omnipräsent, wie etwa im Bereich der Geldanlage. Ein Beispiel ist auch das autonome Fahren. Im Handwerk gibt es sogar Hausbau-Roboter, die eigenständig Häuser bauen können und die Ziegelsteine stammen dann beispielsweise aus dem 3D-Drucker.
Was bringt uns KI im Alltag oder im Beruf?
Es ist nicht zu verleugnen, dass es bereits jetzt Branchen und Berufe gibt, die sich auf absehbare Zeit durch diese Technologie massiv verändern. Aber durch neue Technologien –dies hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt – sind nicht nur Berufe bedroht oder verschwinden, sondern es entstehen häufig neue Berufsfelder. Ein Beispiel, das viele schon kennen und schätzen, inklusive mir, ist eine Funktion des Smartphone-Betriebssystems Android, das dem Nutzer einen Verkehrslagebericht samt Umleitungsempfehlung anzeigt. Mir hat dieses Feature schon zweimal einen Termin gerettet.
Was können Chinesen im Hinblick auf KI, was wir noch nicht drauf haben?
Das Thema KI wurde in China von der Regierung als strategischer Technologiebaustein identifiziert. Die Chinesen investieren hier seit einiger Zeit massiv in Aus- und Weiterbildung, auch in die Integration dieser Technologie ins tägliche Leben. Während unser Ministerpräsident etwa von der Raumfahrt träumt, machen die Chinesen ernst und sind inzwischen mit den USA weltweit führend, was KI-Technologien anbelangt. Fairerweise muss man dazu sagen, dass die Rahmenbedingungen in China für den Einsatz von KI-Technologien deutlich einfacher sind, weil dort Dinge wie Datenschutz ganz anders gehandhabt werden. Außerdem nutzt die Regierung die Technologie künftig für den „Social Score“, ein Sozialkreditsystem zur Bewertung jedes Bürgers, der ab 2020 flächendeckend eingeführt wird.
Ist der Vergleich Deutschland-China nicht unfair? Etwa wegen unterschiedlicher Standards in Forschung und Entwicklung?
Ich finde nicht, dass ein solcher Vergleich unfair ist. Deutschland sieht sich selbst als Hightech-Standort. Dies mag in bestimmten Bereichen auch (noch) stimmen. Wenn wir allerdings nicht langsam aufwachen und diesen Technologien den entsprechenden Wert und die nötige Priorität von oberster Stelle her einräumen, dann werden wir am Ende des Tages den aktuellen Vorsprung anderer Länder in diesem Zukunftsumfeld nie mehr aufholen. Zur Orientierung: Das Forschungsministerium plant für dieses Jahr Investitionen im KI-Umfeld von 61,5 Millionen Euro; im Bundeshaushalt stehen dafür insgesamt lediglich 142 Millionen Euro. China dagegen hat bereits 2016 einen staatlichen Fonds über zunächst 15 Milliarden Dollar gestartet, um KI-Themen voranzutreiben. Die Ernsthaftigkeit der Chinesen wurde 2017 untermauert, als die Regierung ankündigte, man wolle bis spätestens 2030 Weltmarktführer für KI sein. Dazu gibt es einen Masterplan inklusive der notwendigen Mittel. Die Stadt Peking wird zwei Milliarden Dollar in einen Entwicklungspark für KI investieren. Tianjin als eine der wichtigsten Hafenstädte in China hat KI-Investitionen von 15 Milliarden Dollar in den kommenden Jahren geplant.
Gibt es Beispiele aus China für den Praxiseinsatz von KI im Privat- oder Unternehmensalltag?
In China findet das Leben größtenteils nur noch mit dem Smartphone statt und mit WeChat steht hier eine Art Whatsapp zur Verfügung, das von rund einer Milliarde Chinesen genutzt wird. Es ist eine Kombination aus Messenger, Communicator, Shopping-Portal, Bezahl- und Authentifizierungslösung, ohne die so einfache Dinge wie Bus-Tickets kaufen oder einen Snack an einer Garküche bestellen, kaum mehr möglich sind. Im Hintergrund läuft eine enorme KI-Maschinerie, die die Vorlieben jedes einzelnen Users analysiert. Bei Konferenzen kommen in China inzwischen immer häufiger KI-gestützte Softwarelösungen als Übersetzer anstatt menschlicher Dolmetscher zum Einsatz. Die Übersetzung erfolgt in Echtzeit und in überraschend guter Qualität.
Ihr Fazit für Deutschland?
Wenn wir nicht schleunigst aufwachen und unsere Regierung umgehend massiv in KI investiert – auch in Aus- und Weiterbildung an Hochschulen und Universitäten – und schnelle, unbürokratischen Fördermöglichkeiten für Unternehmen und Startups bietet, werden wir unseren Enkeln nur noch über Geschichten vom Glanz des einst weltweit anerkannten Technologiestandorts Deutschland erzählen. In Kombination mit der „Neuen Seidenstraße“ eine Aussicht, die mir insbesondere mit Blick auf meine Kinder Sorgen bereitet. Wenn man bedenkt, dass in China mittlerweile gut 38 Millionen junge Leute studieren und Technologiefächer im Fokus stehen, kann einem schon mulmig werden.Interview: Elisabeth Sennhenn