Ein (Berufs-) Leben hinterm Steuer

von Redaktion

Heute ist bundesweiter Tag der Logistik. Die Branche leidet vor allem an zunehmendem Mangel an Kraftfahrern. Herbert Schneider ist einer von ihnen und trotz seiner 70 Jahre noch regelmäßig für die Rosenheimer BTK GmbH auf Tour.

Raubling – „Ich liebe meinen Beruf. Es macht mir Spaß, im Lkw unterwegs zu sein. Deshalb war für mich mit der Rente noch lange nicht Schluss“, erzählt Herbert Schneider, Kraftfahrer, 70 Jahre. Langsam rollt sein Lkw vom Hof des Logistikzentrums, welches das Rosenheimer Transportunternehmen BTK in Raubling unterhält.

So sehr der leidenschaftliche Fahrer seinen Job liebt, seine Ehe hat das Berufsleben hinterm Steuer nicht überlebt: Der Lkw oder ich, habe ihm seine heutige Ex-Frau gesagt. „Es ist der Fernverkehr, der den Beziehungen zu schaffen macht“, resümiert Schneider. Heute fährt er nur noch im Nahverkehr, oft transportiert er Speisesalz nach Bad Reichenhall oder Papier ins Allgäu – so auch heute.

Ein Viertel aller Fahrer ist über 55 Jahre alt

Ohne Fahrer wie ihn läuft nichts. Sie sind ein Teil der Logistik, die für die Lebensqualität der Verbraucher sorgt. Einblicke in diese Branche gewährt heute der bundesweite Tag der Logistik. Er findet jedes Jahr mit Aktionen im April statt, initiiert von der Bundesvereinigung Logistik.

Fakt ist, die Logistikbranche boomt und bräuchte mehr Menschen wie Herbert Schneider. Es herrscht großer Fahrermangel. Rund 2,5 Prozent der insgesamt 565000 aktiven Berufskraftfahrer sind laut Angaben vom Statistischen Bundesamt im Rentenalter, ein Viertel bereits älter als 55 Jahre. Nachwuchs wird immer knapper. Seit es die Wehrpflicht nicht mehr gibt, hat die Zahl der Führerscheine Klasse C und CE stark abgenommen, für Berufskraftfahrer eine wichtige Voraussetzung.

„18 Mark habe ich 1971 als Soldat für den Lappen bezahlt“, erinnert sich Schneider, während er in Richtung Autobahn abbiegt. Als er Gas gibt, klingelt das Handy mit Freisprechanlage. Der Disponent des Logistikers will wissen, ob er um drei Uhr morgens mit dem Papier, das er im Allgäu abholen soll, gleich weiterfahren könne. Gut gelaunt bestätigt Schneider die frühe Tour. „Stress? Nein. Genau das mag ich an dem Beruf. Die Abwechslung“, strahlt er und hält dabei das riesige Fahrzeug sicher in der Spur. Auch, wenn man als Fahrer „Nerven wie Drahtseile“ brauche, nehme er heute vieles lockerer.

Was er in seinem Alltag erlebt: Jede Menge Verkehr, knallvolle Parkplätze, enge Zeitfenster und den rauen Umgangston an manchen Rampen beim Entladen. Bei Ankunft am Einfahrtstor der ersten Abladestation brüllt es ihm prompt entgegen: „Die Ampel ist rot!“ Schneider raunt aus dem Fenster: „Wer schreit, verliert“ und erklärt dem Mann am Empfang in aller Ruhe, dass er mit dem 19 Meter langen Sattelzug weder auf der Straße stehen bleiben noch rückwärts fahren kann. „Das ist nichts gegen meinen früheren Job“, erzählt Schneider, während der Dieselmotor mit sattem Brummen den Lkw in den Hof des Kunden bringt. „Ich habe Wechselbrücken voller Klamotten aus Italien und der Türkei nach Deutschland gefahren. Tag und Nacht. Immer hat’s pressiert. Das war Stress pur.“ Bei der BTK, wo er heute tätig ist, gehe es etwas entspannter zu. Die Disponenten berücksichtigten private Termine und räumten immer genügend Zeit für die Touren ein. Insgesamt sei der Alltag als Kraftfahrer besser, aber auch anspruchsvoller geworden.

Heute führt der Weg über eine klassische Fahrer-Ausbildung oder für Quereinsteiger über eine Grundqualifikation in den Beruf. Der Führerschein kostet mehrere Tausend Euro plus regelmäßige Fortbildungen. Zudem stecken die GPS-überwachten Fahrzeuge voller Elektronik. Die Telematik sagt dem Fahrer, welche Aufträge anstehen. Es gibt Assistenten für Abstand und Spurhalten; elektronisch erfasste Fahrzeiten schützen Fahrer nach dem Gesetz für Lenk- und Ruhezeiten vor Ausbeutung. Spezialwissen für Ladungssicherung ist zudem gefragt. Die Fahrzeuge sind rollende Büros, kleine Werkstätten und Logistiklager – und sind auch körperlich herausfordernd.

Trotz seines Alters klettert Schneider Stunden später bei der Ladungssicherung der Papierrollen zur Platzierung der Spanngurte 18-mal eine Leiter rauf und runter. Auf der anderen Seite des Lkw zurrt er die 2,5 Meter hohen Papierkolosse mit je 2800 Kilo Gewicht ebenso oft mit einer Ratsche und viel Körpereinsatz fest. „Noch haben wir bei der BTK kein massives Problem, gute Fahrer zu bekommen. Aber generell wird die Lage immer enger. Die Gütermenge nimmt zu“, fasst Franz Weiß das Dilemma seiner Branche zusammen.

Lage wird eng: Immer mehr Güter zu fahren

Als Geschäftsführer der BTK ist er für Personal und insgesamt 180 Berufskraftfahrer zuständig. Nicht nur aus Mangel an Bewerbern ist er für Mitarbeiter wie Herbert Schneider dankbar. „Die Leute müssen gut ins Team passen und die nötige Ruhe mitbringen.“

Die hat Herbert Schneider. Seit 1971 war er geschätzte fünf Millionen Kilometer unterwegs. Das weiteste Ziel war im Irak, das letzte für heute wird der Hof der BTK in Raubling sein, wo er seinen Lkw abstellen wird. Aber so weit ist es noch lange nicht.

60000 mittelständische Unternehmen

Die Logistik sei der größte deutsche Wirtschaftszweig nach Automobilwirtschaft und Handel, so die Bundesvereinigung Logistik (BVL). Die Branche übertrifft mit mehr als drei Millionen Beschäftigten die Elektronikbranche und den Maschinenbau. Ihre Kernaufgaben: Steuerung der Waren- und Informationsflüsse, Transport der Güter und ihre Lagerung. Rund 274 Milliarden Euro Umsatz wurden 2018 branchenübergreifend erwirtschaftet; für 2019 erwartet man einen Umsatz von 279 Milliarden Euro – auf EU-Ebene waren es 2017 1050 Milliarden Euro. Daran hat Deutschland einen Anteil von rund 25 Prozent. Logistische Dienstleistungen erbringen den Experten zufolge in Deutschland rund 60000 Unternehmen, überwiegend Mittelständler.

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