Mehr Aufwand als Nutzen

von Redaktion

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sieht in mehr verkaufsoffenen Sonntagen ein Mittel zur Stärkung des Einzelhandels gegen die Online-Konkurrenz. Die IHK begrüßt das; Einzelhändler aus der Region wünschen sich dagegen mehr Flexibilität statt mehr Termine.

München/Rosenheim/Ampfing – Die Aktion „Rosenheim in Bewegung“, heuer für den 5. Mai geplant, und der Mantelsonntag Ende Oktober sind Beispiele für einen beliebten, dennoch auch umstrittenen Tag – den verkaufsoffenen Sonntag. Auf der IHK-Vollversammlung in München im April kündigte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) einen Vorstoß in Sachen Sonntagsöffnungszeiten an: Er wolle sich in Gesprächen mit Wirtschaft, Kirche und Gewerkschaften für mehr verkaufsoffene Sonntage einsetzen. „Mindestens drei solche Sonntage im Jahr sollten unbürokratisch und ohne den bislang gesetzlich geforderten Anlass wie ein Stadtfest möglich sein“, fordert Aiwanger.

Von mehr Sonntagsöffnungszeiten verspricht sich der Minister auch Rückenwind für den stationären Handel im Kampf gegen die Online-Konkurrenz.

Bei den Vertretern der Industrie- und Handelskammer, die in Oberbayern immerhin die Interessen von rund 390000 Mitgliedsunternehmen vertritt, rennt Aiwanger mit seiner Forderung offene Türen ein.

Gleiche Chancen für stationären Handel

„Der Sonntag ist gerade im Online-Handel der umsatzstärkste Tag“, weiß der Rosenheimer Unternehmer Andreas Bensegger und Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses. „Warum sollte man diese Chance gerade dem stationären Handel verwehren?“ Er ist überzeugt: „Die gesetzlich erlaubten, maximal vier Sonntagsöffnungen haben sich in Rosenheim seit Jahren etabliert und werden vom Verbraucher gut angenommen.“ Verkaufsoffene Sonntage würden seiner Meinung nach auch ohne den sogenannten Anlass auf gute Resonanz unter Bürgern und Gästen stoßen. Auch spricht sich Bensegger für eine klare, gesetzliche Regelung aus, die den Städten Rechtssicherheit gäbe.

Ingrid Obermeier-Osl vom Regionalausschuss der benachbarten IHK der Kreise Altötting und Mühldorf spricht gegenüber den OVB-Heimatzeitungen noch einen weiteren Aspekt an, weshalb mehr und unbürokratisch zu organisierende verkaufsoffene Sonntage zu begrüßen seien: „Anlassbezogene Öffnungen klammern bisher diejenigen aus, die mit ihren Geschäften nicht in den Innenstädten angesiedelt sind.

Diese wiederum schaffen dann in ihren Gewerbegebieten eigene Anlässe, um ebenfalls in den Genuss der Sonntagsöffnung zu kommen.“ Die Unternehmerin aus Schwindegg und IHK-Vizepräsidentin warnt aber davor, Ladenöffnungszeiten einfach „umzuverteilen“: „Das würde sicher nicht dazu führen, dass die Händler vor Ort mehr Umsatz machen.“ Beliebte Touristenziele wie Altötting hätten ein besonderes Augenmerk verdient. Wichtig sei, dass die Politik die Meinung der Einzelhändler bei der angedachten neuen Regelung mit einbezögen.

Florian Kupke vom Haushaltswaren-Fachgeschäft „Küche und Tisch Harter“ aus der Gemeinde Ampfing im Kreis Mühldorf ist so ein Einzelhändler, der den verkaufsoffenen Sonntagen bislang aufgeschlossen gegenübersteht. „Aktuell schöpft der Ampfinger Gewerbeverband die vier gesetzlich verfügbaren Verkaufssonntage voll aus. Für uns und den Einkaufsstandort Ampfing sind diese Termine wichtig und werden von den Kunden glücklicherweise und mit konstant hoher Frequenz wahrgenommen.“

Manche sehen Gefahr des Überangebots

Er selbst sieht in den speziellen Sonntagen eine gute Gelegenheit, das eigene Sortiment einem breiten Publikum ganz unverbindlich und in einem besonderen Rahmen zu präsentieren. Aber: „Einer pauschalen Erhöhung der Zahl der offenen Sonntage stehen wir eher kritisch gegenüber, da ein Überangebot an Sondereinkaufstagen die Kunden abstumpfen lassen würde“, gibt Kupke zu bedenken.

Er findet, im Jahresverlauf biete gefühlt jede Woche eine andere Gemeinde oder Stadt einen verkaufsoffenen Sonntag an. Der Ampfinger Einzelhändler hat noch einen anderen Vorschlag: Unternehmen sollten bei speziellen Anlässen wie Hausmessen oder Jubiläen, individuell selbst entscheiden könnten, an einem oder zwei zusätzlichen Sonntagen im Jahr zu öffnen.

Für mehr Flexibilität bei den Öffnungszeiten an Sonntagen, aber nicht zwingend für mehr solcher Termine im Jahr ist Maria Reiter, Inhaberin der Trachtenboutique Beo in Rosenheim und Vertreterin der Rosenheimer Einzelhändler. „Ich finde nicht, dass wir mehr davon brauchen. Ein verkaufsoffener Sonntag sollte etwas Besonderes sein, sonst verliert das Ganze an Attraktivität.“ Schon jetzt gebe es verkaufsoffene Sonntage in Rosenheim, wie den Wiesn-sonntag zur Herbstfestzeit, der unter den Händlern kritisch gesehen werde. Für den einen funktioniere er, für andere wiederum nicht. Für viele Geschäfte, sagt Reiter, wären mehr Verkaufssonntage auch schlicht nicht umsetzbar, ihr eigenes Geschäft nehme sie dabei nicht aus: „Ich halte es für sinnvoller, wenige, aber wirklich gute Aktionen als Händler mitzumachen.“

Grundsätzlich befürwortet sie, wenn den Händlern mit weniger Bürokratieaufwand bei dieser Marketingmaßnahme entgegengekommen werde, denn Werbung, für den eigenen Laden, das sei so ein verkaufsoffener Sonntag nun mal. Sie zeigt sich realistisch: „Gegen den Online-Handel kommen wir sowieso nicht an.“

Muss man immer

alles sofort habe n?

Die Überzeugung, dass man heutzutage pausenlos das Recht auf Konsum haben sollte, teilt Brigitte Wagner nicht. Die Inhaberin der Rosenheimer Buchhandlung Beer hat sich bewusst dafür entschieden, mit ihrem Laden nur an zwei von vier verkaufsoffenen Sonntagen in Rosenheim mitzumachen. „Für uns als kleine Buchhandlung ist das allein vom Personal her schwierig zu stemmen“, berichtet sie aus Erfahrung. „Meine Mitarbeiterinnen sind junge Frauen, zum Teil Mütter, und ich finde, es zerstört das soziale Gefüge, wenn an noch mehr Sonntagen geöffnet sein soll.“

Der Nutzen für den Einzelhandel sei doch eher gering, so ihre Einschätzung. Dass sich stationäre Händler ausgerechnet sonntags gegen den Online-Handel positionieren können, diese Rechnung geht aus ihrer Sicht nicht auf.

Sie führt eine große Kinder- und Jugendbuchabteilung und hofft auf eine junge, nicht allein auf den Computer fixierte Leserschaft. Das sei auch ein Lebensgefühl, das man weitervermitteln müsste, meint Wagner: „Ich finde es bedenklich, wo unsere Gesellschaft da hinsteuert. Man muss nicht immer alles sofort haben können.“ Und schon gar nicht sonntags.

Artikel 7 von 8