Raubling/Rosenheim – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“: Es ist noch nicht allzulange her, da wollte man Auszubildenden mit Sprüchen wie diesem klarmachen, wer während der Lehre das Sagen hat. Mit den heutigen Azubis der „Generation Z“ muss man anders umgehen, darin sind sich die Ausbildungsbetriebe längst einig.
Weiß man, wie diese Generation tickt, sagt Andreas Bensegger vom Rosenheimer IHK-Regionalausschuss im Vorfeld der Ausbildungsmesse JobFit, lassen sich Lehrstellen gezielter besetzen. Denn Fakt ist, dass auch ein halbes Jahr nach Ausbildungsstart über 700 Lehrplätze in Rosenheim, Traunstein, Mühldorf und Altötting frei sind.
Jugend heute hat andere Prioritäten
Bensegger beschreibt unter Berufung auf Ergebnisse der Studie „Junge Deutsche 2019“ des bayerischen Jugendforschers Simon Schnetzer, was Jugendliche von ihrem Arbeitsplatz erwarten: „Auf Platz eins steht mit 65 Prozent Zustimmung eine gute Arbeitsatmosphäre, 63 Prozent der jungen Leute wünschen sich eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit.“ Weitere Wünsche: Angenehme Vorgesetzte, Sinnhaftigkeit des Tuns, langfristige Arbeitsplatzsicherheit. „Interessanterweise taucht das Kriterium eines hohen Gehalts nicht auf“, sagt Bensegger. Das sei bei früheren Generationen anders gewesen.
Für über die Hälfte der Jugendlichen sei ein Praktikum entscheidend bei der Wahl eines Lehrbetriebs. Weitere Empfehlungen dafür gingen von Familie und Freunden aus; 40 Prozent informierten sich übers Internet, wobei die Unternehmenswebsite die wichtigste Informationsquelle sei. Geschätzt werde auch das Gespräch mit Menschen, die bereits dort arbeiteten.
Das mag einer der Gründe sein, weshalb die IHK-Ausbildungsmesse JobFit (Samstag, 11. Mai, im Rosenheimer Kuko) landkreisübergreifend jedes Jahr Tausende von Schülern anzieht. „In den Messeständen stehen vor allem Auszubildende und sie sind die Ansprechpartner für die Schüler“, erzählt Wolfgang Janhsen, Leiter der Rosenheimer IHK-Geschäftsstelle. Kommunikation auf Augenhöhe sei der neuen Azubi-Generation nämlich besonders wichtig. Am besten sei es, so Janhsen, den Jugendlichen anschaulich zu erzählen, worum es bei der jeweiligen Ausbildung geht: „Wer von der Schule kommt, hat keine konkrete Vorstellung was ihn in der Ausbildung erwartet.“
Praktikum als Mittel der Wahl für Schüler
Daher hält man bei der Industrie- und Handelskammer, aber auch in den Schulen, ein Praktikum für den besten Weg, Betriebsluft zu schnuppern. „Mittlerweile sehen auch Gymnasien ein Praktikum für Neuntklässler vor“, weiß Janhsen, was bei Real- und Mittelschulen längst etabliert sei. Ein Schülerpraktikum anzubieten, sollte deshalb zum Azubimarketing gehören – „auch an Ferienpraktika sollte man denken.“
Sind die Lehrstellen erst einmal besetzt, läuft alles? Ganz so einfach ist es nicht, bremst Janhsen ein, und Petra Prechtl-Mareth aus der Geschäftsführung der Prechtl Frischemärkte oHG, Raubling, pflichtet ihm bei. Azubis von heute seien anspruchsvoll, sie würden im Job selbstbewusster auftreten als ihre Vorgänger vor zehn oder zwanzig Jahren. „Sie sind aber auch sehr leistungsbereit und wollen Verantwortung übernehmen.“ Ausbilder seien weniger als Führungsperson denn als Coach gefragt.
17 junge Leute mit Quali, mittlerer Reife und Abitur, lernen derzeit in den Prechtl-Märkten in der Region. Weil man bei dieser Zahl die persönliche Nähe zum Chef nicht mehr gewährleisten könne, setze man erfahrene Mitarbeiter als Azubi-Begleiter ein: „Das kommt sehr gut an.“ In speziellen Kursen eigneten sich die Lehrlinge Zusatzwissen an, zum Beispiel „die Welt von Tee und Kaffee“. Das soll Spaß machen und Lust darauf, die Chancen des Berufs zu erkennen. Ja, es sei zeitaufwendig und manchmal mühsam, heute an Azubis zu kommen: „Wir gehen in acht verschiedene Schulen und auf alle Ausbildungsmessen.“ Aber Prechtl weiß auch, dass in diesen Zeiten nichts wichtiger ist, als das Image der Ausbildung hoch zu halten: Die IHK geht davon aus, dass auch langfristig aufgrund des demografischen Wandels viele Lehrstellen unbesetzt bleiben werden.