Aying – Die „Liberalitas Bavariae“, frei übersetzt das „Leben-und-leben-Lassen“, ist ihr und ihrer Familie wichtig: Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, ist bekannt für ihre klare Meinung. So entschloss sich die Geschäftsführerin des Brauereigasthofs Hotel Aying, der AfD den Veranstaltungsvertrag aufzukündigen, weil die Partei die Grenzen ihrer Gastfreundlichkeit überschritten hatte und sie sich „für parteipolitische Zwecke vereinnahmt“ sah. Vehement verteidigt sie die unternehmerische Freiheit der Betriebe in ihrer Branche, die sie durch immer strengere Vorgaben aus Brüssel und Berlin bedroht sieht. Im Gespräch mit unserer Zeitung fordert sie daher eine Überprüfung geltender Gesetze auf ihre Sinnhaftigkeit in der Praxis und legt aus ihrer Sicht dar, weshalb das deutsche Steuersystem Betriebe benachteiligt.
Wirte und Hotels leben davon, dass für den Gast nach außen hin alles perfekt ist, doch Wirte klagen zunehmend über zu viel Bürokratie. Wie würden Sie die derzeitige Situation im bayerischen Hotel- und Gaststättengewerbe beschreiben?
Es brodelt gewaltig in der Branche. Die Tatsache, dass das Wirtshaussterben mittlerweile ein Maß erreicht hat, von dem Wissenschaftler warnen, dass es systempolitisch zu denken geben sollte, erklärt am besten, wie es vielen Wirtinnen und Wirten geht. Es ist eine Grenze erreicht, die ein Weiterarbeiten vielerorts nicht mehr möglich macht. Viele unserer Unternehmer können nicht mehr leisten, was ihnen vom Staat aufgebürdet wird. Die Verdienstmargen werden immer schmaler, es gibt keinen Ausgleich mehr für den Unternehmer, der in etwa die Leistung widerspiegelt. 13 Stunden muss ein Wirt pro Woche nur dokumentieren, wenn er alles richtigmachen möchte. Zum Beispiel die Betriebsprüfung: Wenn ich als Wirtin meine Stammgäste auf eine Halbe Bier einlade, muss ich das akribisch dokumentieren, um dann nach drei Jahren bei der Betriebsprüfung den erhöhten Wareneinsatz argumentieren zu können. Wir müssen alle Allergene aufzeichnen. Wir müssen penibelste Dokumentationen der Arbeitszeiten abliefern. Von der Kassenrichtlinie will ich gar nicht anfangen. Dazu kommen Gefährdungsbeurteilungen, Datenschutz, Einschränkungen bei der Arbeit auf Abruf und vieles mehr.
Aber hat das nicht auch alles seine Berechtigung?
Kontrollen sind gut und wichtig, aber wir haben das Maß und Ziel aus den Augen verloren. Jede einzelne Vorschrift mag ja für sich sinnvoll erscheinen. Es ist jedoch die Masse an Vorschriften, die nicht mehr zu bewältigen ist. Wir brauchen eine wirksame Überprüfung von Gesetzen: Was davon braucht es wirklich – und was eben nicht? Dass die Rahmenbedingungen mit all der Überregulierung uns alle überfordern, spürt jeder. Besonders schlimm spüren es aber die kleinen Unternehmen.
Laut Statistik macht fast jedes fünfte Wirtshaus dicht, die Zahl der Hotels geht zurück. Aber der Tourismus in Bayern läuft; Verbraucher haben das Geld, auswärts zu essen. Ist am Rückgang in der Tat nur die Bürokratie schuld?
In der Tat verzeichnen wir das siebte Tourismusrekordjahr in Folge, die Bedeutung unserer Branche wächst von Jahr zu Jahr. Das bayerische Gastgewerbe ist mittlerweile systemrelevant für den Erfolg Bayerns. Der Branche geht es zwar so gut wie nie, aber vielen, vor allem kleinen Unternehmern gleichzeitig so schlecht wie nie. Denn schaut man genauer hin, sind die Gewinner bei den Beherbergungsbetrieben Hotel Garnis, also Betriebe ohne Restaurant, und international agierende Hotelkonzerne. In der Gastronomie haben Systemgastronomen, Cafés und Eventcaterer die größten Zuwächse. Allesamt sehr wichtige Bereiche, die wir vom Verband auch leidenschaftlich vertreten. Die Frage ist nur, reicht uns das? Wir müssen uns – auch als Gesellschaft – entscheiden, was wir künftig wollen: überwiegend große Hotelketten im städtischen Umfeld beziehungsweise Unterkunftsbetriebe ohne Verpflegungsmöglichkeiten? Essen verstärkt über Lieferdienste, Essen to go, Convenience aus dem Supermarkt, Fast-Food-Betriebe entlang der Autobahnen? Oder wollen wir auch die Sicherung der familiengeführten und personalintensiven Individualhotellerie und -gastronomie im ländlichen Raum, die übrigens die Grundvoraussetzung für einen flächendeckenden Tourismus ist?
Was könnte man tun, um diese Familienbetriebe zu erhalten?
Wir müssen uns alle anstrengen: Unternehmer wie Politik. Neben individuellen Veränderungen der einzelnen Betriebe bedarf es eines branchenpolitischen Umfeldes, das ein wirtschaftlich rentables Handeln ermöglicht. Weniger Bürokratie ist ein wichtiger Punkt, jedoch nicht der einzige. Wir benötigen dringend mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit – wobei es nicht darum geht, mehr zu arbeiten, sondern dann arbeiten zu können, wenn die Nachfrage da ist. Und die Branche benötigt faire Wettbewerbsbedingungen, allen voran gleiche Steuern für Essen.
Sie fordern für Wirte den reduzierten Steuersatz. Die 19-Prozent-Steuer wurde schon vor Jahren kritisiert. Woran liegt es, dass in diesem Punkt nichts vorangeht?
Das müssen Sie die Bundesregierung fragen, denn die hat es in der Hand. Eines steht fest: Das Wirtshaussterben auf dem Land sowie das Verschwinden klassischer Restaurants aus den Innenstadtlagen machen deutlich, dass die Wettbewerbsfähigkeit der arbeitsintensiven Gastronomie dringend einer Stärkung bedarf. Wir erwarten, dass die frisch zubereitete, servierte Suppe steuerlich nicht schlechter gestellt wird als die Tütensuppe aus dem Discounter. Übrigens auch und gerade, weil wir uns alle regionale, frische und gesunde Küche wünschen. Wir alle wissen, dass der Lebensmitteleinzelhandel immer mehr in Richtung Gastronomie vordringt. Daher erwarten wir auch, dass alle Speisen gleichbehandelt werden, unabhängig von der Art der Zubereitung und des Verzehrortes.
Was genau finden Sie
ungerecht?
Ein gemütliches, gesundes Essen im Sitzen kostet 19 Prozent, im Gehen und Stehen sieben Prozent. Verwende ich – ökologisch sinnvoll – bei Buffets Mehrweggeschirr, fallen 19 Prozent an, bei Einweggeschirr hingegen nur sieben. Essen im Kindergarten, der Schule oder im Altersheim wird mit 19 Prozent beaufschlagt, in der Mensa – wo nicht jeder hin muss – mit sieben Prozent. Oder warum müssen beim frischen Salat volle 19 Prozent oben draufkommen und beim Salat aus der Plastiktüte lediglich sieben Prozent? Gleiche Steuern für Essen wären fair, weil die klassische Gastronomie unglaublich arbeitsintensiv ist. Auf den gleichen Umsatz kommen in der Gastronomie sechsmal mehr Beschäftigte als zum Beispiel im Lebensmitteleinzelhandel. Durch sieben Prozent entstünden Spielräume für Investitionen und für Arbeitsplätze.
Wenn nun, wie die EU das plant, kostenlos Leitungswasser ausgeschenkt werden soll, müssen Wirte neu kalkulieren. Werden Speisen und andere Getränke dadurch teurer?
Zwangsläufig, denn für den Wirt und den Mitarbeiter ist es unerheblich, ob sich Leitungswasser oder ein teures Getränk im Glas befindet. Die Kosten für Service, Heizung, Licht, für Einrichtung und Immobilie sind immer dieselben. Wenn ich diese Kosten beim Wasser nicht berechnen darf, muss ich sie auf Speisen und Getränke umlegen oder über die Einführung eines Bediengeldes nachdenken, wie wir es etwa aus Italien kennen. Vielen ist nicht bewusst: In unserer Branche verkaufen wir keine Produkte, sondern Dienstleistungen von Menschen für Menschen. Sie ist etwas wert und das muss honoriert werden. Interview: Elisabeth Sennhenn