Zeiterfassung: Die meisten machen´s

von Redaktion

Erfassung der Arbeitszeit und jeder einzelnen Stunde per Gesetz? Angestellte aus der Region finden das gut, viele Arbeitgeber nutzen bereits Systeme. Fürs Handwerk wäre das Gesetz teils schwerer umsetzbar.

Rosenheim/Tuntenhausen/
Aschau am Inn
– Nicht erfasste Überstunden, Extra-Mehrarbeit von zu Hause aus: Am Europäischen Gerichtshof besteht die Sorge, Arbeitnehmer könnten bei der Erfassung ihrer Arbeitszeit übervorteilt werden. Staaten sollen Arbeitgeber daher verpflichten, jede Arbeitsstunde ihrer Mitarbeiter genau zu dokumentieren. Die OVB-Heimatzeitungen haben Arbeitnehmer sowie einige größere Arbeitgeber aus der Region dazu befragt.

Arbeitnehmer: Finden´s gut

„Grundsätzlich fair“ für Beschäftigte und Unternehmen findet es etwa der Rosenheimer Reiseverkehrskaufmann Franz Aubele, dass die Arbeitszeit aufgezeichnet wird. Sein eigener Arbeitgeber tue dies bereits. „Aber ich bin gespannt, wie das EuGH-Urteil umgesetzt wird und welche Änderungen das mit sich bringt“, sagt er. Einzelhandelskaufmann Raphael Keric lässt seine Arbeitszeit ebenfalls erfassen: Sowohl er als auch sein Arbeitgeber hätten so täglich schwarz auf weiß, wann er gekommen und nach Hause gegangen sei, wie viele Überstunden anfielen. Begrüßen würde eine Zeiterfassung Außendienstmitarbeiterin Karina Jank. Bisher gebe es das in ihrem Betrieb nur für den Innendienst. „Es wird sehr viel außerhalb der normalen Regelarbeitszeit gearbeitet.“ Zu bedenken gibt Bankkaufmann Stefan Schwimbeck: „Heute wird aus Wettbewerbsgründen stark auf Flexibilität und offene Arbeitszeitmodelle gesetzt. Die gesetzlich geregelte Zeiterfassung wird eine große Herausforderung für die Arbeitgeber.“

Warum es gleich ein Gesetz brauche, versteht zum Beispiel Roswitha Leiminger, Inhaberin eines Modeladens in der Rosenheimer Innenstadt, nicht. Sie nutzt für ihre Mitarbeiter selbst ein Erfassungssystem, kritisiert aber: „Das Urteil aus Luxemburg sieht nur den Arbeitnehmer.“ Es gebe schließlich auch Leerzeiten im Arbeitsalltag, in denen ein Angestellter zum Beispiel auf dem Handy spiele. „An sich stehe ich der Arbeitszeiterfassung positiv gegenüber, weil sie gerecht ist.“ Die großen Arbeitgeber in der Region erfassen die Arbeitszeit meist elektronisch, so auch bei der Kathrein SE für über 1000 Beschäftigte. Gravierende Vor- oder Nachteile sehe man nicht, heißt es aus dem Unternehmen, man tue dies vor allem wegen geltender tariflicher Regelungen.

Arbeitgeber: Skepsis gegenüber Gesetz

„Wir werden die Ausgestaltung der nationalen Gesetzgebung jedoch genau beobachten. Grundsätzlich bedeutet mehr Bürokratie im Unternehmen immer mehr Aufwand, den wir kritisch sehen“, so Sprecher Stephan Maier. Auch der baldige neue Eigentümer Ericsson werde das Thema übernehmen.

Das Urteil und in der Folge die Reaktion Berlins darauf will man auch beim Modeunternehmen Marc O´Polo aus Stephanskirchen für eine genaue Analyse abwarten und prüfen. Was man sich wünschen würde: „Die Entscheidung des deutschen Gesetzgebers sollte gleichermaßen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber Flexibilität und Transparenz bieten, leicht umsetzbar sein und moderne Formen der Arbeitszeitgestaltung berücksichtigen.“ Bislang nutze Marc O´Polo unterschiedliche Modelle, „sowohl Vertrauensarbeitszeit als auch systemische Erfassung der Arbeitszeit.“ Dies sei abhängig von der Position und der Aufgabe der Mitarbeiter, so Personaldirektorin Behija Karup. Bei ZF in Aschau am Inn sind schon seit langem Erfassungssysteme im Einsatz, die auch Überstunden der tariflich bezahlten Mitarbeiter dokumentierten und auf Arbeitszeitkonten verbuchten. Denkbar wäre dieses System auch für diejenigen, die per Vertrauensarbeitszeit beschäftigt seien, heißt es.

Solche Mitarbeiter sind auch bei der Eder GmbH in Tuntenhausen tätig, und zwar im Außendienst. Während andere Kollegen ein- und ausstempelten, so Angela Eder, sei dies bei den Außendienstlern nicht möglich: „Sie fahren auf direktem Weg zum Kunden und nicht erst vorher in die Zentrale.“ Dennoch seien die Arbeitszeiten für jeden absolut nachvollziehbar.

Stundenzettel ist Mittel der Wahl

Ähnlich hält es das Handwerk. Beim Mühldorfer Bauunternehmen Rigam etwa ist man skeptisch, ob eine Zeiterfassung per Gesetz praktikabel sei: „Der Polier erfasst üblicherweise die Arbeitszeiten schriftlich. Wer Überstunden in der Hochsaison macht, gleicht das im Winter aus. Die meisten Angestellten kommen von daheim aus zur Baustelle, könnten morgens gar nicht im Betrieb einstempeln.“ Der „Stundenzettel“, bestätigt auch Jens Christopher Ulrich von der Handwerkskammer, sei neben digitalen Systemen im Handwerk immer noch weit verbreitet.

Artikel 6 von 8