Stephanskirchen/Tuntenhausen – Kreative Produktbeschreibungen, Fotoshootings mit Models und der Kontakt zu den Kunden, für die ihr Ausbildungsbetrieb das Onlinegeschäft verantwortet –das sind die Aufgaben, die Azubi Jasmin Lintinen besonders gern mag. Die 23-jährige gebürtige Finnin lernt bei Reich Online Services in Stephanskirchen den Beruf der Kauffrau im E-Commerce und wagt sich damit in neues Terrain vor. Es ist der erste, neue kaufmännische Ausbildungsberuf seit zehn Jahren. Den Onlinehandel gibt es freilich schon seit gut 20 Jahren; Synonyme dafür sind heute Größen wie Amazon oder Zalando.
Pionierarbeit
in der Region
Doch auch die vielen kleineren Betriebe und Mittelständler holen auf. Müssen ihre Produkte schnell, zeitgemäß und auf allen wichtigen Kanälen präsentieren und verkaufen. Das schafft, abgesehen von spezialisierten Agenturen, nur ein Profi, der im Betrieb angesiedelt ist. Wie die angehenden Kaufleute im E-Commerce, von denen der allererste Jahrgang im Herbst 2018 gestartet ist und drei Jahre dauert.
Reich Online Services hat bereits vor der Jahrtausendwende den Schritt in den Onlinehandel gewagt und kann nun seine Expertise in Jasmins Ausbildung bündeln. Auch die Eder GmbH aus Tuntenhausen hat als eines der ersten Unternehmen die neuartige Ausbildung bei sich integriert. Das bedeutet, dass auch Schulen und Berufsschulen sich auf den E-Commerce einstellen müssen, entsprechende Module installieren, Lehrinhalte anpassen. So lernen die Azubis zum Beispiel, Online-Sortimente zu gestalten und den Einkauf zu unterstützen, Wertströme und vertriebliche Kennzahlen zu erfassen und auszuwerten, spezielle Software zu programmieren und Online-Marketingmaßnahmen umzusetzen. „Manchmal merkt man im Unterricht, dass das auch für die Lehrer etwas ganz Neues ist“, amüsiert sich Azubi Jasmin – und weiß jetzt schon, dass es bei allem Spaß, den ihr die Lehre macht, später bei den Prüfungen ans Eingemachte geht: Am meisten zählt dabei, informiert die Berufsschule, was man über Geschäftsprozesse im E-Handel gelernt hat.
Zur Berufsschule fährt Jasmin nach Dachau, eine von zwei Einrichtungen – neben Neuburg an der Donau – wo angehende E-Commerce-Spezialisten aus dem regionalen Sprengel die Schulbank drücken können. Das Angebot kommt offenbar zur richtigen Zeit: Zwei Klassen mit insgesamt rund 60 Schülern füllen die E-Commerce-Azubis allein in Dachau, in Neuburg sind es 24.
Weiter Weg
zur Berufsschule
Dorthin fährt der 16-jährige Thommy Schechner zum Blockunterricht. Er lernt den zukunftsträchtigen Kaufmannsberuf bei Eder in Tuntenhausen–auch dort ist Thommy der erste Azubi seiner Art, auch wenn inzwischen schon der zweite angerückt ist. Eigentlich hatte er sich zur Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann beworben: „Aber da waren schon alle Stellen besetzt.“ Angela Eder aus der Geschäftsleitung und verantwortlich für die Ausbildung im Betrieb, hatte zu dem Zeitpunkt gerade von der neuen Kaufmannslehre erfahren und lud den Schüler zum Praktikum ein: „Schon währenddessen habe ich Feuer für den E-Commerce gefangen“, sagt Thommy rückblickend. Auch jetzt, ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn, sei er genauso begeistert wie am Anfang. „Jede Woche bekomme ich neue Aufgaben, das ist richtig spannend.“ Etwa, wenn neue Produkte in den Online-Katalog aufgenommen würden oder sich ein Produkt-Design ändere. „Dann suche ich die Teile im Lager heraus, fotografiere sie, bearbeite die Bilder mit einem Designprogramm, passe sie an und stelle sie online in den Shop.“ Wie Azubi Jasmin Lintinen hat aber auch er nicht nur mit kreativen, coolen oder kurzweiligen Aufgaben zu tun. Geht´s zu Schule nach Neuburg, stehen auch Fächer wie Kaufmännische Steuerung und Kontrolle, Vertrags- und Projektmanagement, Deutsch, Englisch, Sozialkunde und Sport auf dem Stundenplan. Das Einzige, was Tommy etwas bedauert, sei der weite Weg zur Berufsschule. Dort schläft er dann im Mehrbettzimmer im Hotel.
Klassischer Kaufmann bleibt erhalten
Angela Eder fände es gerade im Hinblick auf minderjährige Lehrlinge ideal, wenn für die Azubis aus der Region die Rosenheimer Berufsschule auch auf den Zug aufspringen würde. Eder betont, der neue Kaufmann für E-Commerce werde sein klassisches Pendant nicht ersetzen, „aber ergänzen und erweitern.“
In ihrem Unternehmen werde der Onlinehandel massiv ausgeweitet und für manche Geschäftszweige gerade neu aufgebaut: „Wir brauchen da Leute, die sich auskennen.“ Durch den Austausch mit Azubis wie Thommy und der Industrie- und Handelskammer, welche die Prüfung später abnimmt, lerne auch der Betrieb selbst viel dazu, erzählt Eder. „Wir müssen uns ja intensiv mit den Aufgabenstellungen des Berufs auseinandersetzen, damit wir auch alle Anforderungen für die Ausbildung abdecken können.“ Inzwischen informierten sich andere Unternehmen bei ihr und überlegten, ob sie sich die Ausbildung zutrauen. Am 6. Juni hat Eder daher zu einem Netzwerk-Treff eingeladen, um erste Erfahrungen auszutauschen.