Trostberg/Raubling – Sportartikelhändler IKO hatte in seine Filialen in Salzburg und Raubling zur „Green Week“ eingeladen, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch die Sport- und Freizeitbranche nachhaltig sein kann. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen aus diesem Anlass mit Bergsportlegende Alexander Huber, gebürtiger Trostberger. Der Extremkletterer ist auch Unternehmer, reist für Sport und Vorträge um die Welt – lebt aber daheim im Kreis Traunstein als Bergbauer und setzt aufs E-Bike und die Bahn, um seine Ökobilanz wieder auszugleichen.
Herr Huber, wie nachhaltig ist der Bergsport, wie Sie ihn kennen, heute?
Ich würde sagen, es ist im Sport und speziell im Bergsport wie in allen anderen Bereichen: Das Bewusstsein ist da, dass man die Natur nicht nur nutzen, sondern auch schützen muss. Wir sind in diesem Punkt heute schon weiter, als man manchmal denkt – noch vor 4050 Jahren wurde auch bei uns im Wald einfach der Müll abgeladen.
Aber es muss trotzdem noch mehr geschehen. Speziell das moderne Sport- und Freizeitverhalten sorgt ja dafür, dass Millionen von Menschen in den Bergen, an Gewässern und auf Waldpfaden unterwegs sind…
Das stimmt, aber man darf nicht den Sport an sich verteufeln. Aus meiner Sicht ist das größte Problem die individuelle Mobilität, also dass jeder und jederzeit mit dem Auto unterwegs ist, auch in der Freizeit. Mehr mit der Bahn zu fahren sowie E-Mobilität und vor allem E-Bikes könnten hier eine gute Lösung sein. Schon allein deshalb, weil es auch die Städte entlasten würde. In dieser Hinsicht hat meiner Meinung nach auch der Deutsche Alpenverein noch zu wenig unternommen, um das Thema Mobilität für Bergsportler noch mehr ins Bewusstsein zu rücken.
Was ist mit den Materialien für Sport- und Outdoorbekleidung? Sie sollen Wasser abweisen, Wind und Kälte trotzen – das funktioniert am besten mit Synthetik und chemischer Beschichtung. Hier sind in erster Linie die Hersteller gefordert – das Wichtigste ist, dass die Materialien langlebig sind. Etwas nicht nach kurzer Zeit wieder wegwerfen zu müssen, ist auch ein Beitrag zum Umweltschutz. Einen Bergschuh etwa sollte man gut und gern zehn Jahre tragen können. Es gibt, was Material betrifft, bereits Alternativen, die bestimmte Hersteller schon nutzen. Etwa Schafwolle. Sie hat gerade bei Nässe hervorragende Wärme- und Isoliereigenschaften, ist sogar antibakteriell. Letztlich kommt es darauf an, wie gut der Verbraucher solche Angebote annimmt. Und: Synthetische Materialien mögen nach Gebrauch ein Recycling- oder gar Müllproblem darstellen, aber die Schäden, die durch individuelle Mobilität entstehen, wiegen aus meiner Sicht schwerer.
Sie sind selbst auch in der ganzen Welt unterwegs, reisen sicher viel mit dem Flugzeug.
Das stimmt. Bei Interkontinentalreisen gibt es zum Flugzeug derzeit keine Alternative. Aber ich versuche, das auszugleichen, indem ich bei uns in Mitteleuropa mit dem Zug fahre, rund 20000 Kilometer im Jahr. Das ist sicher noch nicht das, was langfristig als nachhaltig angesehen werden kann, aber ich versuche, mich substanziell in diese Richtung zu bewegen.
Was raten Sie Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ans Urlaubsziel nur mit dem Flieger kommen?
Macht Eure Fernreisen. Aber nehmt Euch Zeit dafür! Das größte Problem verursachen die vielen, billigen Kurzreisen per Flugzeug – sieben Tage Thailand, zwei Tage Mallorca und dann noch auf eine griechische Insel weiterfliegen. Ich bin überzeugt davon, dass mit den Kurzreisen keiner wirklich gewinnt. Erholung kommt vor allem dann, wenn man beim Reisen auch Zeit hat. Deswegen ist es in jeder Hinsicht besser, wenn man sich diese für die Fernreisen entsprechend Zeit nimmt.
Sie bringen Ihren Kindern sicher die Begeisterung für Sport und Natur nahe. Kinder sind heute extrem gut mit Freizeit- und Sportartikeln ausgestattet, Kunststoff ist allgegenwärtig. Wie gehen Sie persönlich mit diesem Zwiespalt um?
Was ich jetzt sage, wird die Sportindustrie nicht gern hören: Bisher haben wir alles, was die Kinder in Sport und Freizeit brauchen, von der Kleidung übers Rad bis zum Ski, Second Hand in den entsprechenden Läden und den Basaren beim Skiclub und den Vereinen gekauft. Und da bekommst du alles! Die Kinder nehmen das als ganz selbstverständlich wahr. Während in meiner Kindheit vor 40 Jahren das Heizöl Standard war, gibt es heute mehr und mehr Alternativen. Nachdem ich selbst Wald habe, ist es bei mir dann eben seit fünf Jahren eine Scheitholzheizung. Unsere Kinder wachsen mit einem anderen Bewusstsein für die Umwelt auf, als meine eigene Generation.
Was muss die Sportbranche selbst noch im Hinblick auf Nachhaltigkeit lernen?
Die Hersteller haben hier sicher einiges erreicht, aber es gibt noch viel zu tun. Genauso wie sich beim Verbraucherverhalten noch viel tun muss. Es hilft wenig, wenn Marken die hochwertigsten Artikel nachhaltig produzieren, diese aber nicht den entsprechenden Absatz finden. Das gilt hier genauso wie bei den besten, landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die nicht viel bewirken, solange die große Masse der Lebensmittel agrarindustriell produziert ist.
Interview: Elisabeth Sennhenn