Rosenheim –Sie führt das einzige eigenständige Ministerium für Digitales in Deutschland: Judith Gerlach, Bayerns Digitalministerin, 33 Jahre, Mutter zweier kleiner Kinder. Ihre Mitstreiterinnen sind Dorothee Bär, die mit ihrem Ressort am Kanzleramt angedockt ist, und Kristina Sinemus aus Hessen, die in der Wiesbadener Staatskanzlei sitzt. Die gebürtige Würzburgerin Gerlach hat mehr Ellbogenfreiheit, doch auch ihr Ministerium kann ohne die anderen Ressorts nicht viel auf die Beine stellen: Ist sie doch Schnittstelle für alle anderen, ob Verkehr, Bildung, Justiz oder Wirtschaft, die in ihrem Metier Digitalisierung voranbringen wollen. Kürzlich war Gerlach zu Besuch in der Region (wir berichteten) und outete sich als äußerst ungeduldig, wenn Funklöcher sie bei der Gute-Nacht-Videobotschaft an ihre Kinder unterbrächen. Oder wenn sie bei einer Behörde ein Standard-Dokument noch per Post schicken soll. Die anfängliche Kritik, der jungen Rechtsanwältin mangele es an digitaler Kompetenz, hat sie hinter sich gelassen. Unsere Zeitung im Gespräch mit der Ministerin.
Sie sind mit dem Maßnahmenpaket BayernDigital gestartet, das die Digitalisierung im Freistaat voranbringen soll. Wo stehen wir da gerade? Welche Projekte sind auf einem guten Weg?
Seit der Gründung des Digitalministeriums laufen alle Fäden dieses Pakets bei uns zusammen. Wir investieren damit bis 2022 rund sechs Milliarden Euro in die digitale Zukunft Bayerns. Die Maßnahmen reichen dabei vom Infrastrukturausbau, über digitale Bildung bis hin zu digitalen Schlüsseltechnologien. Wir sind in Bayern auf einem sehr guten Weg. 98 Prozent der bayerischen Kommunen sind bereits im Förderverfahren für schnelles Internet, über 12000 BayernWLAN-Hotspots sind in Betrieb gegangen.
Wo liegen die größten Herausforderungen?
Die größten Herausforderungen sind die enorme Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung erfolgt und die Größe des Flächenlandes Bayern. Wir wollen keine Digitalisierung der zwei Geschwindigkeiten. Letztlich müssen alle Menschen, ob Stadt oder Land, Alt oder Jung, gleichermaßen an den technischen Neuerungen teilhaben können.
Sie wollen 50000 Klassenzimmer digitalisieren. Wie kann dies gelingen? Wie werden Lehrkräfte digital kompetent?
Gelingen kann dies, wenn alle beteiligten Akteure – die Schulen, die Kommunen, der Freistaat und der Bund – ihren Beitrag leisten und die gemeinsame Verantwortung für die junge Generation übernehmen. Neben den bayerischen Mitteln für die digitalen Klassenzimmer muss das Kultusministerium den Kommunen so schnell wie möglich die Mittel aus dem Digitalpakt des Bundes bereitstellen. Wir dürfen bei diesem wichtigen Thema in keinen Investitionsstau geraten. Außerdem muss das Kultusministerium dringend die dafür geplanten, digitalen Fortbildungen für Lehrer starten. Jedes Equipment, das wir zur Verfügung stellen, ist nur so gut wie der Umgang der Lehrer damit. Denn: Digitale Klassenzimmer sollen gerade auch Lehrern die Arbeit erleichtern und mehr Raum für Pädagogik lassen.
Vielen Eltern ist der Konsum von Smartphone und Tablet, von Sozialen Medien und PC-Spielen unheimlich. Ein Kritikpunkt ist auch die Strahlenbelastung durch WLAN, auch an Schulen. Können Sie die Sorgen nachvollziehen?
Für mich bietet die Digitalisierung in erster Linie Vorteile. Jeder von uns trägt das gesamte Wissen der Welt sozusagen in der Hosentasche und kann von jedem Ort der Welt aus mit seinen Freunden oder der Familie in Kontakt bleiben. Gleichzeitig müssen wir die Bedenken und Risiken, die bei der digitalen Transformation auftreten, ernst nehmen. Dazu gehört auch die Strahlenbelastung. Hier ist vor allem der Bund gefragt, der die Grenzwerte vorgibt und kontinuierlich überprüft. Ein ganz anderes Thema ist die psychische Belastung, also etwa digitaler Stress oder Cyber-Mobbing. Da müssen wir noch viel klarer sensibilisieren.
In welcher Weise?
Der Schlüssel dazu ist Medienkompetenz, also zum Beispiel die Frage, welchen Quellen kann ich trauen? Wichtig ist, sich digitale Auszeiten zu nehmen. Das Smartphone ist ein wichtiges Hilfsmittel, aber es darf nicht die Hoheit über unser Leben gewinnen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Netiquette. Die Umgangsformen im Netz sind zum Teil wirklich rüde. Entscheidend ist, dass man dem eigenen Kind als gutes Beispiel vorangeht und ihm zeigt, dass Höflichkeit und ein respektvoller Umgang auch in der Internetwelt eine wichtige Rolle spielen.
Ihre Kinder sind noch klein; wie führen Sie sie an digitale Medien ran?
Smartphones haben auf Kinder eine magische Anziehungskraft, auch schon auf die ganz Kleinen. Ich finde es nicht verwerflich, wenn ein Grundschulkind auf dem Handy ab und an mal Fotos anschaut oder Memory spielt. Aber alles in Maßen. Mir ist wichtig, dass Kinder frühzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit Smartphone und Tablet lernen. Da sind die Eltern gefordert, aber auch Erzieher und Lehrer. Themen wie fake news oder digitaler Stress sollten dabei ebenso thematisiert werden, wie die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, die uns die digitale Welt bietet. Es kommt aber immer darauf an, wie man diese Geräte einsetzt. Nur für Games ist mir zu wenig. Es gibt tolle Lern-Apps. Und gerade in der Schule können Kinder und Jugendliche, etwa in dem sie selbst Inhalte recherchieren, in ihrer Eigenständigkeit gefördert werden.
Im Moment bieten vier Konzerne um 5G-Frequenzen. Kritiker warnen, der private Nutzer habe erst mal wenig von 5G. Dann liest man von den Möglichkeiten, die 5G – von autonomem Fahren bis mobile Roboter – eröffne. Was ist Wunsch, was könnte Wirklichkeit werden?
5G wird die mobile Kommunikation revolutionieren. Gerade das Internet der Dinge wird über 5G auf das nächste Level gehoben. Durch die hohe Geschwindigkeit wird nicht nur die Kommunikation zwischen autonomen Fahrzeugen ermöglicht, sondern auch Behandlungen durch Ärzte über größere Entfernungen hinweg. Wunschdenken ist es, schon nächstes Jahr 5G für alle zu erwarten.
Sie haben ein Programm initiiert, das digital talentierte Frauen fördert. Warum nur die 18- bis 30-Jährigen? Wie kann man noch mehr Frauen für die digitale Welt begeistern, die bislang männlich dominiert ist?
Mit unserem Frauentalentprogramm BayFiD „Bayerns Frauen in Digitalberufen“ wollen wir Frauen vor allem zu Beginn ihrer beruflichen Orientierung abholen. Unsere Talente sollen den digitalen Spirit auch weitertragen, um so ein Bewusstsein zu schaffen. Wir wollen als Staatsregierung aber Frauen jedes Alters im digitalen Wandel unterstützen. Hier sind alle Ressorts gefragt. Das beginnt bei jungen Schülerinnen, die wir schon während der Schulzeit für digitale Themen begeistern müssen. Das betrifft auch die Weiterbildung im Lauf des Berufslebens, bei der wir speziell Frauen in den Blick nehmen müssen.
Interview: Elisabeth Sennhenn