Rosenheim/Kolbermoor – Für die verbliebenen 200 Mitarbeiter des einstigen Rosenheimer Traditionsunternehmens Multitest, jetzt Cohu, gibt es nach vielen schlechten Nachrichten endlich auch mal eine gute: Für sie sind am Standort in Kolbermoor Arbeitsplätze vorgesehen. Bis 2016 firmierte der Halbleiterzulieferer dort unter dem Namen Rasco, tatsächlich gehört er bereits seit 2008 zur US-Gruppe Cohu. In Kolbermoor entsteht ein neues Innovationszentrum. Hier sollen neue zukunftsweisende Maschinen und Kontaktierungen entwickelt, konstruiert sowie deren Prototypen gefertigt und in Betrieb genommen werden. Nach Informationen unserer Zeitung investiert Cohu/Rasco dafür rund acht Millionen Euro.
Halbleiterbranche weltweit unter Druck
Neben Büros sollen hier vor allem Entwicklungsräume und ein Kreativbereich, genannt „iZone“, eingerichtet werden. Die Innovationen, die hier künftig erarbeitet werden, sollen eine tragende Rolle bei der Herstellung von Halbleiterchips spielen. Bei Cohu/Rasco entwickeln, produzieren und vertreiben bereits 150 Mitarbeiter hochkomplexe Handhabungsautomaten für elektronische Bauteile. Durch Cohu als Mutterkonzern gehören zu den Kunden Halbleiterhersteller in Europa, Asien und den USA. Das Know-how der Ex-Multitest-Mitarbeiter soll nun dazukommen. Wie es auf Anfrage heißt, werden etwa Mechanik-, Elektrotechnik-, Software- und Mechatronik- Ingenieure gebraucht sowie Mechatroniker, Mechaniker, Elektroniker und Industriekaufleute.
„Ohne uns würden Autos in Zukunft nicht selbstständig fahren können und wir wahrscheinlich immer noch mit schnurgebundenen Telefonen telefonieren“, so Klaus Ilgenfritz, Geschäftsführer der Cohu/Rasco GmbH selbstbewusst. In der Tat gilt die Cohu Inc. mit Hauptsitz im kalifornischen Poway als weltweit erfolgreiches Halbleiter-Technologieunternehmen. Es entwickelt und vermarktet Halbleiterprüfgeräte, Kontaktierungen und mikroelektromechanische Systeme (MEMS) für Testlösungen. Lag der Umsatz im ersten Quartal 2018 bei 95,2 Millionen US-Dollar, stieg er im ersten Quartal dieses Jahres bereits auf 147,8 Millionen US-Dollar. Cohu ist jedoch auch so stark gewachsen, weil der Konzern im Oktober 2018 den Halbleiter-Zulieferer XCerra aufkaufte, der selbst im Sommer 2018 Multitest übernommen hatte.
Jetzt muss Cohu am Ball bleiben: Die weltweite Halbleiterbranche steht unter Druck. Die Elektronikbranche reagiert empfindlich auf die Folgen des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs und die weltpolitisch unsichere Lage – die fetten Jahre seien vorbei, urteilen Analysten von WSTS (World Semiconductor Trade Statistics), welche die weltweite Halbleiterbranche im Blick haben. Sie prognostizierten für das laufende Jahr einen Umsatzrückgang von drei Prozent in den Regionen Amerika, Europa und Asien-Pazifik. Im Bereich Speicher wird sogar ein Umsatz-Minus von über 14 Prozent erwartet. Laut Stephan zur Verth vom Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), wächst der deutsche Halbleitermarkt im Vergleich zum europäischen und weltweiten noch schwächer, soll 2019 nur noch um vier Prozent wachsen, halb so viel wie 2018.
Schnelle Reaktionen aus Kolbermoor
Experten wie das Fachmedium Elektronikpraxis bezeichnen den Markt als schwankend, was Vorhersagen schwierig mache. Andererseits durchdringe die Elektronik immer mehr Lebensbereiche, daher werde es auch in den kommenden Jahren immer eine Nachfrage nach Halbleitern geben. Zwar gilt der bisherige Hauptmarkt im Bereich Smartphone, Tablet, PC und Fernsehen laut ZVEI als relativ gesättigt, doch der Automotive-Sektor holt auf.
Die Hoffnungen der Halbleiterindustrie und von Cohu liegen auf der Vernetzung im Fahrzeug, autonomem Fahren sowie auf der E-Mobilität. Dem Cohu-Rasco-Standort kommt daher die Aufgabe zu, mit neuesten Maschinengenerationen auf Entwicklungen der Branche reagieren zu können. So unbequem, wie es vor Kurzem noch für die Multitest-Mitarbeiter zuging, so erfolgreich entwickelt sich Rasco: 2017 (neueste bekannte Kennzahlen) lag der Umsatz der Kolbermoorer bei knapp 63 Millionen Euro, der Gewinn bei rund 6,6 Millionen Euro.