Prien–„Wollstrick darf nicht kratzig, sondern soll weich und jahrein, jahraus angenehm auf der Haut zu tragen sein.“ Diesen Anspruch hat sich Eva Rabenberger gesetzt. Seit 2012 entstehen in ihrer Wollmanufaktur in Prien kleine Kollektionen auf traditionellen Handstrickmaschinen – aus Leidenschaft zur Handarbeit. Damit hat sich die heute 56-Jährige den Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit erfüllt und hält zugleich ein aussterbendes Handwerk am Leben.
Ein Kilo Wollgarn
kostet bis zu 200 Euro
Sie selbst strickt außerdem noch von Hand. Verwendet wird das extrem feine und weiche Bauchhaar der Kaschmir-Ziegen aus Nordchina und der Mongolei. Das gesponnene und gefärbte Garn dafür kauft Rabenberger, wie sie erzählt, „nur aus den besten italienischen Spinnereien“. Auch wenn „Bio“ nicht gewährleistet sei, sagt die studierte Textilbetriebswirtin, habe sie sich in Italien von den „top Arbeitsbedingungen“ überzeugt: „Das Land ist in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten für seine hohen Qualitätsstandards bekannt.“ Außerdem nehme sie die Ware einmal pro Jahr auf einer internationalen Messe für die Textilbranche in München persönlich in Augenschein.
Kaschmirhaar wird durch bloßes Kämmen gewonnen. Es ist laut Kai Hagemeister, der das deutsche „Ziegenlexikon“ betreibt, deutlich feiner als die dünnste Schafwolle und gehört zu den feinsten Tierhaaren.
Rabenberger ordert die Kiloware nach Bedarf. Je nach Farbe und Qualität koste das Garn zwischen 160 und 200 Euro je Kilo. Baumwolle wäre da schon günstiger – laut Textilbörse kommt das Kilo auf knapp über 100 Euro.
Aber Rabenberger hat sich der exklusiven Wolle aus Fernost verschrieben, die laut Branchenexperten nur die erforderliche Qualität zur Weiterverarbeitung aufweist, wenn die Ziegen der richtigen Witterung ausgesetzt sind: Gemäß ihres Ursprungs, der Himalaya-Region Kaschmir, braucht es strenge Winter im Freien, damit die Tiere die dichte Wolle ausbilden. Das, und die eher langsame Fortpflanzung erklärt, weshalb die Kaschmirziege bis auf wenige Ausnahmen in Europa nie richtig heimisch wurde und ihre Wolle bis heute meist importiert wird.
Lore Oexle vom Bezirk Oberbayern des Landesverbands Bayerischer Ziegenzüchter, fällt noch ein weiterer Grund ein, warum Kaschmirwolle in Europa kaum gezüchtet wird: „Das Kämmen ist reine Handarbeit. Es ist schwer vorstellbar, dass das hierzulande jemand in größerem Stil machen würde.“
Kaschmir ist als Rohstoff vornehmlich für die westliche Modeindustrie nicht unumstritten: Weltweit werden pro Jahr davon rund 20000 Tonnen produziert, fast 80 Prozent in der Inneren Mongolei. Immer größere Herden beanspruchen immer mehr Grasland – die mongolische Regierung sucht inzwischen Lösungen, um traditionelle Ziegenzüchter zu stützen, ohne die Landschaft zu schädigen.
Die Priener Wollmanufaktur gehört nicht zu den Großabnehmern und kann durch persönliche Kontakte die Qualität ihrer Rohstoffe sicherstellen. Seit ihrem Studium beschäftigt sich Rabenberger mit dem Naturprodukt Wolle. Sie arbeitete zunächst in Einkauf und Produktion, „vornehmlich bei Strick“, für große Modehäuser. Vor über sieben Jahren hat sich die zweifache Mutter dann selbstständig gemacht. In ihrem Priener Atelier, nicht größer als eine Garage, befindet sich ihre Kreativwerkstatt, die gleichzeitig auch Show- und Verkaufsraum ist. Mit einer Mitarbeiterin und zwei Strickerinnen produziert und verkauft sie ihre Wollkreationen.
Das Einfädeln der Wolle an der Handstrickmaschine wirkt für den Laien diffizil, aber wenn man Rabenberger bei der Arbeit zusieht, versteht man, wie sich ihre Designs aufbauen. Beinahe meditativ klingt das Hin und Her des Strickschlittens, Hunderte kleiner Nadeln und Platinen bilden pfeilschnell eine Reihe Maschen. Weil Einzelteile wie Ärmel, Vorder- oder Rückenteile „in Form“ gestrickt werden, fallen keine Reste an. Die Einzelteile werden dann zusammengekettelt und vernäht. Gewaschen, gebügelt und mit dem „Made am Chiemsee“-Label versehen, gelangen die farbenfrohen Pullis, Strickjacken, Loops und Mützen schließlich in den Direkt-Verkauf in Prien. Oder in die mittlerweile zwei externen Läden, einer in München und einer in Bensheim an der Weinstraße, wo eine Stammkundin die Wollkreationen direkt vertreibt.
Kaschmir braucht Pflege, hält aber lange
Rabenberger, die aus der bekanntermaßen schnelllebigen Modebranche kommt, sagt heute gelassen: „Ich muss nicht jedes Jahr das Rad neu erfinden“. Online gehen will sie nicht („dafür braucht es eine andere Lagerhaltung, dazu ist mein Laden zu klein“), Verpacken hält sie für „Zeitverschwendung“. Mit ihren Wollwaren, die intensiv in der Pflege sind und „nicht gerade preisgünstig“, liegt sie im Trend: Laut Modeportal Fashionunited schätzen Konsumenten zunehmend hochwertige und langlebige Kleidung. So versteht auch Rabenberger ihre Strickwaren: Als „Basics“, die, immer wieder farblich aufgefrischt und individuell angepasst, lange getragen werden können.