Polling/Weiding – Großer Schreck für die Almil-Mitarbeiter in Weiding, Kreis Mühldorf. Wie unsere Zeitung gestern erfahren hat, hängt in ihrem Werk seit Neuestem ein Papier aus, das man als positive Botschaft, aber auch als schlimme Nachricht interpretieren könnte: Es werde ein Nachfolger für das Unternehmen gesucht, schreibt die Almil-Geschäftsführung, und es gehe auch darum, „den Standort Weiding zu sichern.“
Dabei ist es erst knapp über ein Jahr her, dass die hessische Großmolkerei Almil den ehemaligen Hochwald-Standort übernahm. Dieser Schritt wurde in Weiding und im Kreis Mühldorf groß gefeiert, wo sich Mitarbeiter, Politik und Gewerkschaft nach Kräften für den Erhalt des Werks eingesetzt hatten. Denn ansonsten hätte Vorbesitzer Hochwald den Laden komplett dichtgemacht (siehe Infokasten).
Nun will sich Almil offenbar schon wieder vom Standort zurückziehen. Werkleiter Josef Heigl ist aktuell im Urlaub, meldet sich dennoch auf die Anfrage unserer Zeitung hin. „Ich bin überrascht“, sagt er, angesprochen auf den ominösen Aushang im Werk, von dem ihm nichts bekannt sei. „Im Gegenteil, Almil investiert in den Standort und will langfristig dort bleiben.“ So baue man gerade eine
Butteröl-Linie aus, die wichtig sei für die Belieferung der Schokoladen-Industrie. Zudem wolle man den Trockenturm, der bis 2021 noch von Hochwald betrieben wird, übernehmen. Er sei auf eigene Kosten modernisiert worden. Es könne nicht die Rede davon sein, dass der Standort in Gefahr sei. Heigl weiter: „Es kann auch sein, dass Almil einen Nachfolger für den Alleineigentümer Manfred Leonhardt sucht.“ Dieser sei bereits Mitte 70.
Aus einer Firmenbekanntmachung im Handelsregister geht hervor, dass dem 29-jährigen Benedict Wagner die Prokura der Aktiengesellschaft übertragen wurde, vorher hatte sie Hannelore Leonhardt inne. Ob dies ein Hinweis auf einen möglichen Nachfolger ist und wie sich dies auf Almil auswirkt, konnte bis Redaktionsschluss nicht geklärt werden.
Betriebsrat holt Anwalt ins Boot
Das Papier sorge indes im Werk für große Unruhe, schildert Betriebsratsvorsitzender Manuel Zawodnik. „Die Leute haben viel mitgemacht in letzter Zeit.“ Die Formulierung sei auf jeden Fall schwer zu interpretieren – der Betriebsrat beiße sich momentan die Zähne aus, um an nähere Informationen aus der Almil-Geschäftsführung zu kommen. Die bisherige Kommunikation mit dieser sei ohnehin nicht besonders befriedigend.
„Man kann das Schreiben so interpretieren, dass der Standort erneut verkauft werden soll“, äußert sich der Münchner Rechtsanwalt Dr. Rüdiger Helm, schränkt jedoch gleich ein, das sei im Moment noch „hochspekulativ“.
Helm arbeitet in einer Kanzlei, die auf Menschenrechte im Betrieb spezialisiert ist und wird hinzugezogen, wenn der Betriebsrat an seine Grenzen stößt. Das sei in „99 Prozent aller Fälle nicht so“. Bedeutet: Bei Almil laufe gerade einiges aus dem Ruder, die Leute seien zu Recht sehr verunsichert. Und das möglicherweise nur, „weil man das Schreiben unklar verfasst hat.“ Allerdings hält der Anwalt es kaum für möglich, dass Almil sich bewusst in eine solche Lage bringe. Er wundert sich, warum die Geschäftsleitung so wenig an einer raschen Aufklärung interessiert sei, allein der eigenen Mitarbeiter zuliebe.
Es bleibe abzuwarten, wie man in Thalfang auf die Bitte nach Aufklärung reagiere – erst dann könnten Anwalt, Betriebsrat und Gewerkschaft den Mitarbeitern zur Seite springen, komme es hart auf hart – sprich, zu einem Verkauf. Was für Verkaufspläne spricht: So rosig, wie Werkleiter Heigl die Lage schildert, so sorgenvoll äußert sich Betriebsratsvorsitzender Zawodnik. Die Produktion sei nach der Übernahme durch Almil stark heruntergefahren worden. Man sei fast überwiegend nur noch fürs Co-Packing zuständig. Das bedeutet, die Mitarbeiter füllen Milch für andere Molkereien ab – in Weiding Frischmilch für Bergader, Ziegen-H-Milch für Andechser sowie Mandelmilch für eine Marke der Firma Alnatura. Im Betriebsrat will man gehört haben, dass Letztere nur noch bis Ende des Jahres abgefüllt werde.
Mitarbeiterzahl soll erneut schrumpfen
Insgesamt, so der Betriebsratsvorsitzende, habe die Belegschaft „weniger als vorher zu tun“. Schlimmer: Es würden neuerdings Mitarbeiter gesucht, die freiwillig das Werk verlassen. Laut Almil arbeiten derzeit 117 Angestellte in Weiding. Zu Hochwald-Zeiten waren es 200. Zawodnik sagt, es gebe Pläne, wonach es bald nur noch 100 sein sollen. Auch die Abfüllung von Kondensmilch sei befristet bis September.
Die Vermutung: Hochwald investiert gerade an seinem Hauptstandort Thalfang in eine vierte Kondensmilchlinie. „Wir glauben, dass die Kondensmilch-Produktion komplett dorthin verlagert wird.“
Die „Bärenmarke“, die Hochwald gehört und bis vor Kurzem in Weiding hergestellt wurde, wird inzwischen hauptsächlich in den Niederlanden abgefüllt. Hochwald hat das bislang nicht offiziell bestätigt. Laut Open Foods Facts, einer freien Datenbank für Nahrungsmittel, die Informationen und Daten aus der ganzen Welt sammelt, wird Bärenmarke-Kondensmilch in den Niederlanden hergestellt, ersichtlich am Länderkürzel „NL“ in der Kennzeichnungsnummer.