Rosenheim – „Die Gesamtwirtschaft schwächelt. Doch der Aufschwung im Handwerk bleibt stabil.“ Auch das erste Halbjahr 2019 sei aller Voraussicht nach gut gelaufen für die bayerischen Handwerksbetriebe. Gute Nachrichten, die Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, bei der jüngsten Vollversammlung überbrachte. Peteranderl wurde nach dreijähriger Präsidentschaft jetzt in seinem Amt bestätigt. Im Vorfeld haben er und HWK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Hüpers mit den OVB-Heimatzeitungen über aktuelle Herausforderungen fürs Handwerk gesprochen.
Sie sagen, der konjunkturelle Abschwung in der deutschen Wirtschaft betrifft das Handwerk kaum. Weshalb?
Peteranderl: Weil das Handwerk vor allem binnenmarktorientiert ist und weniger exportlastig. Allerdings sind Handwerksbetriebe, die als Zulieferer arbeiten, auch auf eine starke Industrie angewiesen. Dass die Konjunkturabkühlung das Handwerk vollkommen kalt lässt, stimmt daher auch nicht.
Hüpers: Dass es dem Handwerk immer noch so gut geht, liegt auch daran, dass viele Aufträge nicht sofort nach der Entscheidung dafür ausgeführt werden, etwa in Bau und Ausbau. Wir gehen deshalb davon aus, dass 2019 erneut ein gutes Jahr wird. Der am stärksten limitierende Faktor für uns ist momentan der Fachkräftemangel.
Wartezeiten im Handwerk gehörten ja jüngst eher in die Kategorie „Horrormeldung.“
Peteranderl: In der Realität kommt es schon zu Wartezeiten, die aber bei Weitem nicht so drastisch ausfallen, wie man es oft liest. Dass Kunden warten müssen, liegt neben dem Mangel an Fachkräften auch an der guten Baukonjunktur, die nicht nur das Bauhandwerk, stark bindet, sondern auch Elektro oder Sanitär. Die Betriebe müssen zusehen, wie sie die Aufträge abarbeiten, bei gleichzeitig höchsten Qualitätsansprüchen. Daher ist auch unser Appell an die Kunden: Behandelt den Handwerker gut, zahlt pünktlich, geht fair mit Dienstleistern um.
Apropos fair: Der Bundestag will auch die Ausbildung fairer vergüten. Was halten Sie von der Mindestausbildungsvergütung (MAV)?
Peteranderl: Ich bin da skeptisch. Das ist ein schwerer Eingriff in die Tarifautonomie, der dazu führen könnte, dass manche Betriebe sich die Ausbildung von Lehrlingen gar nicht mehr leisten können. Denn wenn man von mindestens 515 Euro im ersten Lehrjahr ausgeht, kommen auf den Betrieb weitere Kosten zu, wie Sozialleistungen. Unsere Position ist: Wer einen Ausbildungsberuf ergreifen möchte, sollte diese Entscheidung nicht allein von der Vergütung abhängig machen. Sie ist übrigens kein Gehalt, sondern als Zuschuss zum Lebensunterhalt gedacht.
Hüpers: Wir haben zudem bei Jugendlichen auch Beweggründe erfragt, weshalb sie eine Lehre im Handwerk machen. Geld war nachrangig. Es ging mehr darum, etwas zu gestalten, dem Wunsch nach sozialem Zusammenhalt und dem nach einer Arbeit in familiengeführten Unternehmen.
Aber würde ein Mindestlohn für Azubis nicht auch eine gewisse Gleichheit schaffen und die Betriebe im Wettbewerb um Azubis entlasten?
Peteranderl: Es stimmt, dass die Schere zwischen den Gewerken auseinandergeht. Im Bau und Ausbau ist die Lehrlingsvergütung nicht das große Thema, da fängt ein Azubi mit 850 Euro an, verdient im dritten Lehrjahr schon 1 475 Euro. Ein Maßschneider beispielsweise kann sich so einen Lohn nicht ohne Weiteres leisten. Auch im Osten unterscheiden sich die Lehrlingslöhne deutlich von denen in den alten Bundesländern; in den neuen gibt es auch wesentlich mehr nicht-tarifgebundene Betriebe.
Kommen wir noch mal auf das Thema Fachkräfte und Handwerkssterben zu sprechen. Die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk gilt als relativ stabil, auch in Stadt und Landkreis Rosenheim. Kann man da von einem Mangel ausgehen?
Peteranderl: Ja. Zum einen, weil die Nachfrage nach Azubis immer noch höher ist als das Angebot an Bewerbern. Es braucht nun mal leistungsbereite Azubis als Fachkräfte und mögliche Nachfolger. Nehmen wir das Lebensmittelhandwerk: Es eröffnen heute nur noch ganz wenige neue Bäckereien oder Metzgereien, das liegt neben dem Azubimangel auch daran, dass der Investitionsbedarf immens ist, allein eine Maschine in der Metzgerei kostet gut und gern 80000 Euro. So fehlen etwa in diesem Bereich nicht nur Fach- und Nachwuchskräfte, auch die Zahl der Betriebe geht zurück.
Ändert sich am Fachkräftemangel etwas, wenn in einigen Gewerken die Meisterpflicht wieder eingeführt wird und die Betriebe dann mehr ausbilden können?
Peteranderl: Wir werden sehen. In welchen Gewerken das ab dem 1. Januar 2020 der Fall sein wird, ist noch unklar. Kürzlich fanden Anhörungen der Verbände im Wirtschaftsministerium statt. Allerdings hätte die Wiedereinführung keine Auswirkung auf bestehende Betriebe, sondern nur auf neu gegründete. Wobei man hier noch hinzufügen sollte: In der Praxis steigt die Überlebensrate der Betriebe mit dem Meistertitel. Fünf Jahre nach der Gründung bestehen statistisch betrachtet noch rund 70 Prozent der Meisterbetriebe, aber nur 36 Prozent derjenigen ohne Zulassungspflicht.
Stichwort Pflicht: Was wurde aus der von der EU geplanten Tachografenpflicht, die das Handwerk aufschreckte?
Peteranderl: Für das Handwerk gingen die letzten Verhandlungen zwischen EU-Parlament, Politik und Verbänden positiv aus: Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen sind von der Tachografenpflicht ausgenommen, wenn sie im Umkreis von 150 Kilometern um den Unternehmenssitz unterwegs sind. Wir setzen uns dafür ein, dass es künftig auch für den grenzüberschreitenden Werksverkehr Ausnahmen geben wird.
Hüpers: Der grenzüberschreitende Verkehr ist für oberbayerische Betriebe überlebenswichtig. Deswegen müssen die geplanten Verbesserungen bei Lenk- und Ruhezeiten für das Handwerk auch kommen.
Beim Thema Verkehr kommt man derzeit nicht am Brennerbasistunnel vorbei. Ihre Position?
Peteranderl: Wir sind da auf einer Linie mit der IHK und der vbw, dass wir eine rasche, vernünftige Lösung brauchen. Nicht endende Diskussionen um die Trassenführung sorgen sonst dafür, dass die oberbayerische Wirtschaft leidet.
Interview: Elisabeth Sennhenn