Von der Wiese in die Flasche

von Redaktion

Streuobstflächen werden rar, dabei liefern sie Rohstoffe für heimische Erzeugnisse

Bad Feilnbach/Rohrdorf – Auf ihnen wachsen Äpfel, Zwetschgen, Kirschen, Birnen und Walnüsse – Streuobstwiesen stellen eine schützenswerte Form des Obstanbaus dar und sind eine wichtige Säule in der regionalen Direktvermarktung. Im Unterschied zum konventionellen Obstanbau werden auf chemische Mittel verzichtet und stehen die Bäume auf der Streuobstwiese eher locker beieinander und lassen entsprechend Platz für Flora und Fauna – laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) sollen rund 5000 Tier- und Pflanzenarten auf Streuobstwiesen heimisch sein. Doch diese Art des Anbaus bereitet den Landwirten und privaten Obstbaumbesitzern auch viel Mühe, gerade zur Erntezeit. Handarbeit ist gefragt.

Rund 15 Millionen Obstbäume weniger

Wie sich Früchte und Nüsse leichter vom Boden aufsammeln lassen, darüber hat sich der junge Österreicher Lukas Griesbacher jahrelang den Kopf zerbrochen. Aus diversen Experimenten und in vielen Stunden entstand eine Maschine, die die Arbeit auf den Streuobstwiesen erleichtern und Rückenschmerzen verhindern soll: die Obstraupe. Testen konnten sie heimische Obstbauern in diesen Tagen auf dem Hof von Georg Loferer in Thalham in der Gemeinde Rohrdorf. Betrieben mit einem E-Bike-Akku, kann das Gerät bis zu fünf Stunden lang Früchte und Nüsse, die auf dem Boden liegen, aufsammeln. Loferers Fazit: So mancher der Tester sei mit dem jungen Erfinder ins Geschäft gekommen.

Das ist aus Sicht von Experten gut, denn inzwischen sind Streuobstwiesen selten geworden. Laut Landesamt für Landwirtschaft (LfL) gab es in den 60er-Jahren noch etwa 20 Millionen Streuobstbäume in Bayern. Aktuell geht man von nur noch 5,6 Millionen aus. Verlässliche, aktuelle Zahlen sind schwer zu bekommen. „Seit 1965 hat keine Erhebung mehr stattgefunden“, bestätigt Peter Jungbeck vom LfL. Es sei aber geplant, eine Bestandsauswertung aus der Luft vorzunehmen, wie man es auch in Baden-Württemberg getan habe. Sicher weiß man im Moment nur, dass der Bestand um rund 100000 Bäume pro Jahr schrumpft. Immerhin: Eine Erntemenge von jährlich 50000 Tonnen Obst kommt unterm Strich noch zusammen.

Im Vordergrund

steht der Erhalt

Kleinteilig ist die Struktur im Streuobstanbau. Es gibt neben Landwirten zahlreiche Privatbesitzer mit nur wenigen Bäumen. Und inzwischen auch viele regionale Gartenbauvereine und weitere Initiativen in den Landkreisen Rosenheim, Mühldorf, Traunstein und Altötting, die sich gemeinsam mit Besitzern und Weiterverarbeitern um den Erhalt der Streuobstbäume bemühen.

Zum Beispiel „Bad Feilnbach brennt“: Hier haben sich acht heimische Destillerien zusammengeschlossen. Ihnen geht es einerseits darum, die Kunst des Schnapsbrennens am Leben zu erhalten und Interessierten ihr Handwerk zu zeigen. Andererseits sind Kleinbrenner auf das Obst angewiesen, das sie vor Ort beziehen können. Einer der Initiatoren, Christian Eder, dem der Wachingerhof in Bad Feilnbach gehört, auf dem seit 1887 Obstbrände hergestellt werden, war zuletzt Vorsitzender des Verbands Südbayerischer Obst- und Kleinbrenner. „95 Prozent unserer Rohstoffe beziehen wir direkt aus der näheren Umgebung, nur Marillen, also Aprikosen, kaufen wir derzeit aus der Wachau zu“, erzählt er. Auch Williamsbirnen würden nicht in der Region wachsen. Gerade läuft die Annahme von Wildpflaumen auf Hochtouren. „Das ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt der Brenner, „Wildpflaumen wachsen nur, wenn zufällig ein Zwetschgenkern in der Wiese aufgeht. Das ist eher vereinzelt der Fall.“

500 Zentner Obst wurden veredelt

In dieser Saison hat er etwa 1000 Kilo wilde Zwetschgen von verschiedensten Lieferanten zusammentragen können, daraus werden 36 Liter edler Brand. Vor allem aber verwertet Eder heimische Kirschen, Birnen und Äpfel. Bad Feilnbach, das sich selbst auch Apfeldorf nennt, kann sich über einen noch relativ hohen Streuobstbaumbestand freuen. 2018, berichtet Eder, sei ein besonders gutes Apfeljahr gewesen. Insgesamt habe er vergangenes Jahr gut 500 Zentner Obst verarbeitet, rund 30 Prozent davon waren Äpfel. „Ich habe dafür meine Drei-Jahres-Quote voll ausschöpfen müssen“, erinnert er sich. Im Jahr dürfe er insgesamt 300 Liter Brand herstellen. Heuer werde die Ernte etwas moderater ausfallen, vielleicht mit knapp 100 Zentnern Äpfel könne er rechnen.

Dass die Apfelernte in diesem Jahr „leicht unterdurchschnittlich“ ausfallen dürfte, ist auch die Einschätzung von Joachim Wiesböck, Geschäftsführer der genossenschaftlichen Saftkelterei Oro aus Rohrdorf. Auch ihre Produktion hängt stark davon ab, wie gut die Ernte ausfällt.

Im Herbst rechnet Wiesböck mit der Anlieferung von rund 2000 Tonnen Äpfeln, „2018 waren es 5000 Tonnen.“ Dabei sei das Wetter in den vergangenen Wochen ideal für die Früchte gewesen. Dennoch mache sich bei manchen Sorten ein hoher Schädlingsbefall bemerkbar: „Aber so ist das halt beim Streuobst, man arbeitet hier nicht mit Pflanzenschutzmitteln und muss daher zufrieden sein mit dem, was die Natur einem gibt.“ Wiesböck beobachtet neben klimatischen Ursachen für die schwankende Ernte ein weiteres Problem, das Einfluss auf Ernte- und Verarbeitungsmenge hat: „Einige Bestände sind überaltert und fielen der Axt zum Opfer. Die Verluste wurden allerdings dann nicht mehr im vollen Umfang durch Neuanpflanzungen ersetzt.“ Zudem gebe es immer weniger Selbstversorger, die überschüssiges Obst zur Saftpresse brächten.

Streuobstareale

sind klimafreundlich

8000 bis 10000 Apfelbaumbesitzer gehören laut Wiesböck zum Oro-Kundenstamm. Vom 2. September bis Anfang November können sie wieder ihr Obst anliefern. „Aber nur das reife“, warnt er voreilige Pflücker, denn nur jenes könne auch verarbeitet werden. Grün geerntete Äpfel reiften nicht nach, räumt er mit einem bei Verbrauchern verbreiteten Missverständnis auf.

Eder und Wiesböck weisen darauf hin, dass Streuobstwiesen eine gute Zukunft haben, wenn das Obst zuverlässige Abnehmer findet. Dieser Kreislauf stellt laut Eder auch ein Mittel gegen Verschwendung dar: „Wir verwerten auch Obst, das durchs Runterfallen schon ein paar braune Stellen hat.“ Peter Jungbeck vom LfL ergänzt weitere positive Eigenschaften der Streuobstwiesen: Allein in Bayern binden sie derzeit rund vier Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Und weil man die Bäume nicht künstlich bewässern muss, spare das eine Million Liter Wasser pro Hektar und Jahr.

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