Schlicht und funktionell, dazu ästhetisch und wiederverwendbar: Die Umverpackung im Supermarkt der Zukunft.
Aschau/Augsburg – Kunst ist nicht nur, samstags ins Museum zu gehen. Oder ein paar Bilder in der Galerie betrachten. „Unser Atelier ist die ganze Gesellschaft“, sagt Juliane Stiegele. Die Aschauerin ist eine Künstlerin und Gastprofessorin mit besonderer Mission: Kreativität kreieren. Das umfasst alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Zum Beispiel die Bildung, die Wissenschaft, die Wirtschaft.
Ein Projekt, das radikal aufräumt
Deshalb „gründete“ sie zusammen mit zehn weiteren Kreativen aus allen Berufssparten – wie etwa Anwalt, Grafikdesigner, Kunstprofessor – die Utopia Toolbox org. mit Sitz in Augsburg, Stiegeles Geburtsstadt. Das Unternehmen beziehungsweise der Zusammenschluss von Gleichgesinnten agiert eigenfinanziert, ist unabhängig und geht der Frage nach, „wie wir in Zukunft leben wollen als Gesellschaft, als Individuum und dazu in einer globalen Welt“ – angesichts stetig wachsender Änderungen.
Ein noch nicht realisiertes Projekt von Utopia Toolbox betrifft den Supermarkt. „Ein radikal anderes Konzept“, umreißt Stiegele die Idee dahinter, die im Deutschland-Radio unter Wirtschaftsexperten bereits diskutiert wurde. Stiegele zitiert im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen den Volkswirt und Professor für Plurale Ökonomik, Niko Paech, der an der Uni Siegen forscht und lehrt. Paech prägte den Begriff der „Postwachstumsökonomie“ und gilt als Verfechter der Wachstumskritik. Er sehe das Supermarkt-Projekt als „Ermutigung“, so Stiegele, zumal es mit Ressourcen kostbar, weil sparsam, umgehe. „Wir müssen darüber hinaus auch eine andere Ästhetik in unsere Märkte bringen“, so der Gedanke von Utopia Toolbox.
Wie sieht demnach ein künftiger Supermarkt aus? Ein relativ kleiner soll es sein. Statt Quantität durch eine vielschichtige Produkt-Masse hat er ausschließlich Qualität in geringer Anzahl.
Die Metapher
von der Legebatterie
Heutige Supermärkte ähnelten Legebatterien, so die Metapher: Regale, Regale, Schluchten von Regalen – mit unzähligen Paketen, Dosen, Gläsern, Bechern, beklebt, beschriftet und anschließend reif für den Müll mit wenigen Ausnahmen – statt einer immer wieder verwendbaren, klaren und werbungsfreien Verpackung sowie „nur“ einer Sorte im Regal. Das Prinzip „nur 1“ will eine Antwort auf die Überfülle sein und legt zugrunde: Je größer die Wahlmöglichkeiten sind, desto anstrengender und nerviger wird die Entscheidung sein (Qual der Wahl).
Ist diese Form des Angebots – auch nicht gerade günstig bei nur einer Sorte pro Produkt – nicht zum Scheitern verurteilt? Wer will sich darauf einlassen, dass eine Vorauswahl getroffen wird, er als Kunde dadurch vielleicht bevormundet wird? Nein, sagen die Ideengeber. Die Basis sei Vertrauen: Hersteller, Herkunft, Lieferanten, Qualität, Entstehungsprozess – alles werde offengelegt. Obst und Gemüse kämen aus regionaler Quelle und verzichteten auf eine rein optische Attraktivität.
Im Supermarkt der Gegenwart werden Waren überwiegend in abgepackter Form angeboten. Utopia Toolbox äußert sich somit auch zur Verpackung. Demnach muss „schön und ansprechend“ nicht heißen: jede Menge aufgedruckte und aufgeklebte Informationen und Werbung. Die Ideenmacher entwickelten zum Beispiel einfache Kartons in verschiedenen Formen und Größen mit einem kleinen Fenster, durch das der Kunde den Inhalt sieht. Schlicht sind auch die Dosen als Umverpackung, in verschiedenen Farben möglich durch heraushängende, dekorative Farbbänder. Alle Behälter können für den selben Zweck oder einen weiteren im Haushalt wiederverwendet werden. Das gilt auch für Flaschen. Sie sind ohne Label, der Inhalt wird an der typischen Form erkannt, die Produktinformation befindet sich am Flaschenboden: Sie sind weiter verwendbar und ersparen konventionelles Recycling. Indes haben wiederverwendbare Dosen ein austauschbares Abzieh-Label – zum Beispiel eine Kaffeebohne.
„Die klare und neutrale Ästhetik ist uns wichtig“, sagt Stiegele. Sie spiegele die Qualität des Produktes wider. Zudem würden sie einen „hohen formalen Wiedererkennungswert“ haben.
Kleinere Läden, reduzierte Mieten
Wie kann ein solch ausgerichteter und gestalteter Markt wirtschaftlich arbeiten? Die radikale Reduktion der Warenvielfalt, sagt Utopia Toolbox, führe zu kleineren Läden und dadurch zu reduzierten Mieten. Auch an Logistik könne so eingespart und im Gegenzug weiteres Personal eingestellt werden. Damit werde ein zusätzlicher Effekt erreicht: „Der Vorgang des Kaufens wird wieder personalisiert“ und im selben Atemzug die Kommunikation im Geschäft reaktiviert. Ihr im wahrsten Sinne vielseitiges Buch namens „Utopia Toolbox.1, Ursprung der Utopia-Denker“, nennt hierzu ein Fazit: „Das Resultat sind Filialen, in die die Menschen gerne gehen, weil sie sich wahrgenommen fühlen und der Verkauf nicht anonym aus den Regalen erfolgt.“