Rosenheim – Ein Propeller, so denkt man als Laie, gehört bei einem Flugzeug wahrscheinlich zu den eher simplen Bestandteilen. Das aber nur, bis man in die Welt hinter den Türen bei Hoffmann Propeller in Rosenheim geschaut hat. Dort lernt man schnell, dass es sich in Wirklichkeit um ein höchst komplexes Bauteil handelt.
Das fängt schon beim Aufbau an: Die Propeller, die man dort herstellt, bestehen meist aus zwei Holzarten – Fichte kombiniert mit Buche, die zunächst in kleine Leisten geschnitten werden. Diese werden dann zu Platten verleimt und zu einem Block zusammengefügt. Aus diesem wird der Propeller herausgefräst, dessen Form in Handarbeit durch Hobeln und Schleifen optimiert wird. Überzogen mit einer Kunstharz- oder Karbonschicht, folgt im letzten Schritt die Lackierung.
Nichts geht über
den Werkstoff Holz
Das Holz für die Propeller stammt von Bäumen aus über 1000 Metern Seehöhe, erklärt Guido Wolf, einer der drei Geschäftsführer von Hoffmann Propeller. Ihr langsames Wachstum verleihe dem Holz größere Elastizität und damit Stabilität. Holz, führt er aus, ist im Gegensatz zu anderen Materialien wie Aluminium bei entsprechender Behandlung haltbarer und leichter. Holzpropeller seien zudem reparaturfähig und auch noch günstiger.
Vorteile, die dem Unternehmensgründer und Luftfahrt-Ingenieur Ludwig Hoffmann aus Berlin Mitte der 1950er-Jahre allesamt bekannt waren. In Rosenheim fand er im Schreinereibetrieb von Richard Wurm senior einen Partner, der sein luftfahrttechnisches Know-how durch Erfahrung mit dem Werkstoff Holz kongenial ergänzte. Waren die Anfänge der Firma auch klein, – man baute zunächst Propeller für Motorsegler – so weitete sich das Geschäft schnell aus. Nicht zuletzt, weil man die Bundeswehr als Kunde gewinnen konnte, die einst viele propellergetriebene Flugzeuge im Einsatz hatte. Und bald kam als zweites Standbein die Wartung von Fremdpropellern hinzu. Dass beide Geschäftsfelder schnell wuchsen, erklärt Guido Wolf so: „Der Luftfahrtbereich ist eine vergleichsweise überschaubare Gemeinschaft, in der man sich kennt und austauscht. Wenn da ein Hersteller verlässliche Qualität liefert, dann spricht sich das schnell herum“. Zum Beispiel, dass man bei Hoffmann in der Lage ist, Propeller für viele historische Flugzeuge nachzubauen: Bücker, Junkers, Messerschmidt, Spitfire – die berühmten Namen sind alle mit dabei. Hier kommt ein weiterer Vorteil des Werkstoffes Holz zum Tragen, weil man keine aufwendigen Muster braucht, sondern den Originalpropeller auf einer Kopierfräse gewissermaßen nur abtasten muss.
Über Mund-zu-Mund-Propaganda kam man auch zur Herstellung von Propellern für Windkanäle und Luftkissenfahrzeuge, sogenannte Hovercrafts: Während die sogenannten Fan-Blätter für Windkanäle vergleichsweise ein Nischenprodukt sind („So ein Windkanal hält einfach ewig“) sind die Hovercrafts zu einem wichtigen Standbein und einer der Gründe für die weltweite Präsenz der Firma geworden: In Schweden werden die Fahrzeuge zum Eisbrechen herangezogen, Indien setzt sie für seine Küstenwache ein und die Stadt Singapur darf ihren Flughafen nur betreiben, wenn mindestens zwei Rettungs-Hovercrafts einsatzfähig sind – alle werden mit Propellern aus Rosenheim angetrieben.
Der Fokus bei Hoffmann liegt laut Wolf aber nach wie vor auf Flugzeugpropellern. Hier will man die eigene Herstellung in den Vordergrund rücken. Denn jüngst hat sich mit der zunehmenden Verbreitung von Ultraleicht-Flugzeugen ein wahrer Zukunftsmarkt aufgetan. Dazu kommt die Entwicklung von unbemannten Fluggeräten, die zu Aufklärungs- oder Transportzwecken eingesetzt werden und so groß sind, dass sie mit Drohnen nicht viel gemein haben.
Betrieb richtet sich aktuell neu aus
Bei Hoffmann heißt deshalb die Devise „individuelle Entwicklung für den jeweiligen Fluggerätetyp“ und mehr Leistung bei weniger Lärm und geringerem Spritverbrauch. Denn obwohl Propeller ein Bauteil sind, in dem seit den Gebrüdern Wright mittlerweile 116 Jahre Technikerfahrung stecken, sind sie in ihrer Entwicklung noch längst nicht ausgereizt, so Wolf. Das fängt bei der Konstruktion an sich an, bei der Form des Blattes, die man ursprünglich einfach über das Prinzip Versuch und Irrtum entwickelte, bei dem heute Computermodelle aber ungeahnte, neue Möglichkeiten bieten.
Neu richtet man sich auch gerade im Betrieb selbst ein, um weiter zukunftsfähig zu bleiben: „Hoffmann Propeller wird 2020 65 Jahre alt. Nach dieser Zeit muss man nachschauen, ob sich nicht irgendwo Staub angesetzt hat.“ So verstärkt seit Kurzem Stephan Wurm, der Enkel des einstigen Mitgründers, die Geschäftsführung. Auch dessen Vater Richard Wurm unterstützt den Betrieb.
Über Jahrzehnte sei die Erfahrung eines Großteils der 55 Mitarbeiter gewachsen, ergänzt Stephan Wurm. „Das ist unser wichtigstes Kapital und das sollen sie auch spüren.“ Zum Beispiel, indem man auf flache Hierarchien setze. Nur durch gute Mitarbeiter und Ausbildung werde man in Zukunft den benötigten Nachwuchs sichern können: „Der Propeller ist als Flugzeugbauteil zwar alt an Jahren, steckt aber voller Entwicklungspotenzial. Das wollen wir ausschöpfen“.