„Der Personalmangel ist schlimm“

von Redaktion

Das Gaststätten- und Gastgewerbe kämpft um seine Beschäftigten. Seit knapp zehn Jahren stagniert die Zahl der Arbeitskräfte in der Branche. Deutsche wollen dort immer seltener arbeiten. In der Region sieht es nicht besser aus.

Rohrdorf/Mühldorf – Das Gastgewerbe in Deutschland und in Bayern kann seit Jahren seine Beschäftigtenzahlen nicht steigern, obwohl viele Betriebe händeringend Personal suchen. Zählten die bayerischen Betriebe 2009 laut dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga knapp 1,3 Millionen Beschäftigte, waren es neun Jahre später nur rund 148000 mehr. Die Zahl der Angestellten in Beherbergungsbetrieben ist mit 541000 (2009) und 598000 (2018) noch langsamer gewachsen.

Image vieler Berufe

in Deutschland leidet

Besonders gravierend fällt ins Gewicht, dass immer weniger Deutsche dort arbeiten wollen. Inzwischen sind gut 56 Prozent der Arbeitnehmer im Gastgewerbe, die Hotellerie mit eingeschlossen, ohne deutschen Pass. Zum Vergleich: Vor rund zehn Jahren waren es noch knapp 29 Prozent. Ohne Mitarbeiter aus dem Ausland müssten noch mehr Gasthäuser und kleinere Betriebe schließen, als es ohnehin schon der Fall sei, so das Fazit der Bundesagentur für Arbeit. Die ausländischen Beschäftigten kommen überwiegend aus südöstlichen EU-Ländern wie Griechenland, Spanien, den Balkanländern, sowie Bulgarien und Rumänien.

„Gerade im Süden Europas hat ein Beruf in der Gastronomie einen ganz anderen Stellenwert als bei uns in Deutschland“, ist die Erfahrung von Holger Nagl, Gastwirt aus Mühldorf und dortiger Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Hierzulande dagegen litten jene Berufe unter einem schlechten Image – ganz zu Unrecht, sagt Nagl, und verweist auf ein „gesellschaftspolitisches Problem“: Die Arbeit in der Gastronomie werde oft mit schlechterer Qualifikation, niedrigen Löhnen und unflexiblen Arbeitszeiten in Zusammenhang gebracht. Für Nagl gipfelt diese Sicht der Dinge im Spruch „Wer nichts wird, wird Wirt“. Dieser sei „einfach nur dumm, denn wir Wirte und jeder, der in der Gastronomie beschäftigt ist, tragen viel Verantwortung. Schließlich wird hier mit Lebensmitteln gearbeitet.“ Als Wirt müsse man heute über ein breites Wissen in Betriebswirtschaft, Hygiene, rechtliche Grundlagen und Mitarbeiterführung verfügen.

Interesse an einer Ausbildung gesunken

Nagl selbst beschäftigt in der Hauptsaison in seinem Landgasthof Hammerwirt 150 Mitarbeiter. Er zahle einen „ordentlichen Stundenlohn, wie die allermeisten der Betriebe“ und erklärt, wie die Beschäftigten Arbeit an Feiertagen und Wochenenden zu anderen Zeiten ausgleichen können. Aber: „Der Arbeitsmarkt gibt keine neuen Arbeitskräfte her.“

Auch Theresa Albrecht, Gastronomin aus Rohrdorf und Dehoga-Kreissprecherin für Rosenheim, bezeichnet den Arbeitskräftemangel für die Branche in der Region als „schlimm“. Besonders die klassische Gastronomie darunter treffe der Personalmangel. Das Interesse an einer Ausbildung im Gastgewerbe sinke zudem seit Längerem, und auch als Akademiker verdiene man in der Branche weniger als anderswo.

Albrecht macht noch einen weiteren Umstand aus, der die Personalknappheit in der Region verschärfe: „Die Hotelentwicklung in Rosenheim verdoppelt innerhalb kürzester Zeit die Zimmerkapazitäten der gewerblichen Betten.“ Mehr Betriebe wetteiferten um immer weniger verfügbare Kräfte. Auch München habe in den letzten Jahren tausende neue Hotelzimmer eröffnet. „Allein in diesem Jahr und 2020 eröffnen weitere 20 neue Hotels, darunter große Häuser. Das wird die hiesigen Betriebe in große Nöte bringen“, prognostiziert Albrecht. Die Branche könne sich der Sogwirkung des Großraums München kaum mehr entziehen – auch nicht der Arbeitsmarkt mit seinen Fachkräften.

Die Rolle der Mehrwertsteuer

Die Rohrdorfer Unternehmerin und auch Holger Nagl aus Mühldorf betonen aber, dass es aus Sicht der Dehoga auch wirksame Gegenmaßnahmen gegen Personalnot, das sinkende Image der Branche und die so abnehmende Freude an der Arbeit mit Menschen gebe. „Die Betriebe bräuchten als erstes dringend mehr freies Kapital“, ist Nagl überzeugt. Das könnte in Investitionen fließen, die den Betrieb als Arbeitgeber attraktiver machten sowie in eine noch bessere Bezahlung des Personals.

Wie schon in früheren Gesprächen mit unserer Zeitung wird er nicht müde, für einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für servierte Speisen zu plädieren. Auch Albrecht ist davon überzeugt, käme diese Maßnahme nicht nur den Gastronomen, sondern auch deren Gästen spürbar zugute: Man denke dabei nicht nur an die Sonntagsausflügler, „sondern an all die vielen Arbeitnehmer, die gezwungen sind, außerhalb zu essen.“

Nagl fügt an, dass die Betriebe zudem leichter und unbürokratischer an Förderungen kommen sollten und schimpft über die jüngste Aktion des Freistaats, das Gaststättenmodernisierungsprogramm vom Mai, dessen Fördertopf (wir berichteten) nach wenigen Minuten leer gewesen sei.

Betriebe schließen

aus Personalmangel

Auch dabei hätten Mittel herausspringen können, die Mitarbeitern direkt oder indirekt zugute hätten kommen können.

Nagl appelliert an die Politik, endlich mehr Taten folgen zu lassen. „Immerhin wird der Tourismus in Bayern als Leitökonomie bezeichnet“. Das Bayerische Wirtschaftsministerium nennt das Gastgewerbe gar als „Herzstück des Bayerntourismus.“ Und auch der Dehoga Bundesverband ist überzeugt: das Gastgewerbe habe herausragende Bedeutung für die Volkswirtschaft und den Arbeitsmarkt. „Regionen und Gesellschaft profitieren von der Gastronomie und Hotellerie.“ Nagl und Albrecht erinnern beide daran, dass in den Landkreisen jedoch zunehmend Betriebe schließen müssen –oft aus Personalmangel.

Artikel 2 von 6